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Interview24.06.2020

Tempo 30 schafft Handlungsspielraum bei Verkehrsflächen

Warum langsamer fahren vielen hilft - und wo es sinnvoll ist

Michael Rytz - Projektleiter Verkehrssicherheit, VCS Verkehrs-Club der Schweiz Quelle: Gribi Michael Rytz Projektleiter Verkehrssicherheit VCS Verkehrs-Club der Schweiz
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Uwe Schimunek
Freier Journalist
Meinungsbarometer.info
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"Mit dem neuen Mobilitätsverhalten verändern sich auch die Anforderungen an die Infrastruktur", prognostiziert Michael Rytz vom VCS Verkehrs-Club der Schweiz. Was Projekte wie die umfangreichen neuerung in Brüssel wirklich bringen, möchte er indes genau evaluiert wissen.





Die Stadt Brüssel hat in der Innenstadt eine Vorrangzone für Radfahrer und Fußgänger eingerichtet - mit Tempo 20 und Bewegungsfreiheit für Fußgänger und Radfahrer. Kann das Modell als Vorbild für den Innenstadt-Verkehr auch anderswo dienen?
Für eine Beurteilung, ob sich das neue Verkehrsregime in Brüssel bewährt hat, wird es wichtig sein, nach dem drei monatigen Versuch die angekündigte Evaluation einzubeziehen: Wurden die Tempolimiten eingehalten? Wie haben sich die neuen Verkehrsregeln zwischen zu Fuss Gehenden, Velofahrenden und Autolenkenden eingespielt?

In der Schweiz ist Tempo 20, mit flächigem Fussgängervortritt, ohne unnötige Behinderung des Fahrverkehrs, seit 2002 als „Begegnungszone“ im Verkehrsrecht verankert. Sie kommt zum Einsatz in Wohnquartieren, im Umfeld von Schulen aber auch in Geschäftsvierteln, in Altstadtgebieten oder auf Hauptstrassen. In Verbindung mit einer sorgfältigen Planung und baulichen Massnahmen haben sich diese Zonen bewährt.

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Zunächst soll es mit dem Modell leichter werden, die Abstandsregeln in der Corona-Krise einzuhalten. Was spricht über die Krise hinaus für eine solche Vorrangzone - und was dagegen?
Die zu erwartenden Vorteile sind, dass sich die zu Fuss Gehenden und Velofahrenden freier und sicherer bewegen können. Gleichzeitig profitieren die Bewohner, Stadtbesucher, Ladenbesitzer und Restaurants von einem attraktiveren Zentrum mit mehr Lebensqualität, weil durch die niedrigeren Tempi Lärm und Dominanz des motorisierten Verkehrs abnehmen, ohne dass der motorisierte Verkehr dadurch ausgesperrt wird.

Ein Vorteil des Modells im Zentrum von Brüssel ist die grossflächige und zusammenhängende Zone (Pentagon). Nach der Ankündigung bei der Einfahrt in die Zone können sich so die Verkehrsteilnehmenden innerhalb der Zone auf Tempo 20 und Fussgängervortritt einstellen. So kann auch der Signalisationsaufwand gering gehalten werden.

Nach der Einführung ist es wichtig zu überprüfen, ob das gewünschte Verhalten eintritt, um wenn nötig Verbesserungsmassnahmen vorzunehmen, etwa mittels Sensibilisierung der Verkehrsteilnehmer, Kontrollen oder gestalterisch-baulichen Massnahmen.

Nach einer Testphase soll im gesamten Stadtgebiet nur noch Tempo 30 gelten. Wie bewerten Sie das?
Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit im Stadtzentrum vereint viele Vorteile. Die Sicherheit der ungeschützten Verkehrsteilnehmenden erhöht sich deutlich, Velofahren und Zufussgehen werden attraktiver, die Lärmbelastung geht zurück, Wohn- und Aufenthaltsqualität nehmen zu. Bei tieferen Tempi sind zudem weniger grosse Sicherheitsabstände erforderlich und die Fahrbahnbreite kann redimensioniert werden. Dadurch entsteht mehr Handlungsspielraum für die Gestaltung der Verkehrsflächen.

Der Zeitverlust durch Tempo 30 fällt in der Realität oft deutlich kleiner aus als befürchtet wird. Messungen zur Reisegeschwindigkeit in den Stadtzentren zeigen, dass der Verkehrsfluss bedeutend wichtiger ist als die Höchstgeschwindigkeit, die nur während kurzer Zeit erreicht wird.

Immer mehr grössere Städte in Europa setzen auf ausgedehnte Tempo-30-Zonen und machen damit gute Erfahrungen. Zum Beispiel Helsinki mit seinen über 600‘000 Einwohnern hat Tempo 30 über einen Zeitraum von zwanzig Jahren sukzessive auf das gesamte Stadtgebiet ausgeweitet. Tempo 30 gilt heute in Helsinki für alle Strassen in Wohngebieten und im Stadtzentrum. Auf innerstädtischen Hauptstrassen gilt Tempo 40. Im Jahr 2019 vermeldete Helsinki null getötete Fussgänger, Velofahrer und Kinder.

Welche Vor- und Nachteile haben Tempolimits und Vorrangzonen für einen vernetzten digitalen Mix der individuellen Verkehrsmittel der Zukunft?
Mit der digitalen Entwicklung wird der Zugang zu unterschiedlichen Mobilitätsangeboten immer einfacher werden. Wir werden unsere Wegketten von A nach B multimobiler planen, mit öffentlichen und individuellen Verkehrsmitteln, die wir nicht besitzen aber nutzen können, schnell und unkompliziert mit der entsprechenden App. Mit dem neuen Mobilitätsverhalten verändern sich auch die Anforderungen an die Infrastruktur. In den Zentren und in dichten Siedlungsräumen, wo der Strassenraum begrenzt ist, werden platzsparende und umweltfreundliche Formen der e-Mikromobilität, der öffentliche Verkehr, sowie der Fuss- und Veloverkehr an Bedeutung gewinnen. Tiefere Geschwindigkeiten haben hier zur Folge, dass auch die Geschwindigkeitsdifferenzen zwischen den unterschiedlichen Mobilitätsformen kleiner werden. Der homogene Verkehrsfluss erleichtert das Teilen der Strasse durch unterschiedliche Mobilitätsformen und hilft durch eine gleichmässigere Auslastung der Infrastruktur, Staus zu vermeiden.

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