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25.06.2021
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PINKWART RECHNET MIT LÄNGEREM CHIPMANGEL

Zweites IPCEI-Projekt schnellstmöglich umsetzen

Andreas Pinkwart, Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen

Andreas Pinkwart, Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen [Quelle: MWIDE NRW/ R. Pfeil ]


"Ich vertraue auf die Funktionsfähigkeit des Marktes", sagt Andreas Pinkwart (FDP), Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen. Die gestiegene Nachfrage werde zu einer entsprechenden Erhöhung des Angebotes führen. Überdies müsse man IPCEI II rasch finanzieren und umsetzen sowie intensiv am Aufbau neuer Förderstrukturen auf europäischer Ebene arbeiten.


Inwieweit kann der aktuelle Chipmangel generell die Qualität und das Tempo der Digitalisierung beeinträchtigen?
Halbleiter sind für die Digitalisierung unverzichtbar, weil sie in nahezu allen elektrotechnischen Anwendungen zum Einsatz kommen. Das betrifft den Automobilbereich, die Industrie- und Konsumelektronik, die Datentechnik und Kommunikation, die Gebäudetechnik und viele weitere Branchen. Wir können bei der der digitalen Transformation deshalb nur so viel Tempo machen, wie es die Verfügbarkeit von Halbleitern auch zulässt. Dazu muss man wissen, dass die Nachfrage nach Mikro-Chips zuletzt deutlich gestiegen ist. Die Absatzzahlen bei Computern, Laptops, Spielekonsolen und Smartphones sind stark angezogen – das hängt natürlich auch mit der Pandemie zusammen. Hinzu kommt, dass die verstärkte Nachfrage und der Handelskonflikt zwischen den USA und China möglicherweise auch Vorratsbestellungen zur Folge haben, die den Mangel verschärfen.

Was sich jetzt zeigt: Grundsätzlich ist eine großzügige Lagerhaltung einem Just-in-time-Zuliefer-System in solchen Situationen überlegen. Diversifizierung in den Geschäftsbeziehungen sowohl auf Seiten der Hersteller als auch auf Seiten der Kunden hat sich bewährt. Wer hier eine Risiko-Abwägung getroffen hat, steht aktuell einfach besser da.

Die Halbleiter-Hersteller setzen alles daran, ihre Kapazitäten zu vergrößern, aber das wird einige Zeit brauchen, da die Produktion von Mikro-Chips äußerst aufwändig, arbeitsteilig und kapitalintensiv ist. Aktuell müssen wir davon ausgehen, dass es bis zu einer Entspannung leider noch bis in das Jahr 2022 hinein dauern wird.


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DIE DOKUMENTATION DIESER FACHDEBATTE

Viele Produzenten weltweit kündigen gerade kräftige Investitionen in die Produktionskapazitäten an. Reicht das aus, um den Mangel zu beseitigen?
Ich vertraue hier auf die Funktionsfähigkeit des Marktes – die gestiegene Nachfrage wird zu einer entsprechenden Erhöhung des Angebotes führen. Hinzu kommt, dass die hochkomplexen Produkte durch fortlaufende Forschung immer effizienter werden. Wir haben in Nordrhein-Westfalen beispielsweise mit Professor Korte von der Universität Bonn einen ausgewiesenen Experten, der seit etlichen Jahren in Kooperation mit Unternehmen wie IBM an der Optimierung des Chip Designs forscht. Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass die in Europa vorhandenen Fähigkeiten in der Mikroelektronik gezielt ausgebaut werden, zum Beispiel in der Leistungselektronik und Sensorik. Wenn wir globale Wertschöpfungsnetzwerke erhalten und gleichzeitig unsere Kompetenzen in bedeutenden Halbleitergebieten erweitern, können wir die Industrie verlässlich mit Schlüsselkomponenten versorgen. So bleibt Europa auch in Zukunft ein innovativer und erfolgreicher Standort für Mikroelektronik.

In den USA hat die Regierung Biden den Chipmangel als „nationale Bedrohung“ erkannt und setzt auf eine komplexe Strategie in Sachen digitale Souveränität. Sehen Sie in Europa ebenfalls adäquate Lösungsansätze?
Sowohl die Mitgliedstaaten als auch die Europäische Kommission haben die schwierige Entwicklung erkannt. Dort hat man sich jetzt vorgenommen, den Anteil der in Europa gefertigten Chips bis Ende des Jahrzehnts auf 20 Prozent zu erhöhen. Um den Weltmarktanteil der in Europa hergestellten Chips maßgeblich anzuheben, sind immense Anstrengungen notwendig, die einige Zeit in Anspruch nehmen werden. Wir müssen intensiv am Aufbau neuer Förderstrukturen auf europäischer Ebene arbeiten, um die Hersteller bei der Herausforderung zu unterstützen, ihre Fertigungskapazitäten auszubauen.
Dabei können wir auch auf bisherige Erfahrungen zurückgreifen. Bereits 2018 hat die Bundesregierung im engen Schulterschluss mit der Europäischen Kommission und weiteren Mitgliedstaaten ein ‚Important Project for Common European Interest‘ (IPCEI) für Mikroelektronik initiiert. Davon haben auch drei Unternehmen in Nordrhein-Westfalen profitiert. Jetzt dürfen wir nicht nachlassen, um auch das zweite Projekt dieser Art ausreichend zu finanzieren und schnellstmöglich umzusetzen.

Chips sind nur ein Aspekt der Digitalisierung: Wie bewerten Sie die infrastrukturellen Voraussetzungen für die weitere Digitalisierung im Lande und in Europa?
In der Corona-Pandemie ist die Nachfrage nach hohen Bandbreiten gestiegen, insbesondere bei Unternehmen und Privathaushalten. Die Erfahrung hat uns gezeigt: Die Netze in Deutschland sind stabil und wir verfügen über eine verlässliche Mobilfunk- und Breitbandinfrastruktur. Wir geben uns damit jedoch nicht zufrieden, sondern treiben den Ausbau der digitalen Infrastruktur in Deutschland und in Europa weiter ambitioniert voran.

In Nordrhein-Westfalen haben wir hierfür bereits in der Vergangenheit die Weichen gestellt. Beispielsweise haben wir die bundesweit erste 5G-Mobilfunkstrategie beschlossen, die den Weg für eine leistungsfähige und zukunftsgerichtete Mobilfunkversorgung ebnet. Auch mit dem Mobilfunkpakt mit seinen konkreten Ausbauzielen für die Mobilfunknetzbetreiber sind wir hier einen entscheidenden Schritt weitergegangen. Darüber hinaus können in Nordrhein-Westfalen schon heute 66 Prozent der Haushalte auf gigabitfähige Netzte zugreifen. Bund, Land, Kommunen und Netzbetreiber arbeiten mit Hochdruck an der Schaffung flächendeckender gigabitfähiger Netze. Das ist ein Ziel, das wir uns gemeinsam gesetzt haben und an dem wir entschieden arbeiten.