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18.09.2021
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OPTIMALE INNOVATIONS- UND INVESTITIONSBEDINGUNGEN SCHAFFEN

Digitaler Boom wird lange anhalten

Martin Dulig, Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr und stellvertretender Ministerpräsident des Freistaates Sachsen

Martin Dulig, Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr und stellvertretender Ministerpräsident des Freistaates Sachsen [Quelle: SMWA]


Der aktuelle Chipmangel sei nur ein temporäres Problem, meint Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig. Denn die Produzenten selbst hätten ein hohes Interesse daran, die Nachfrage bestmöglich zu befriedigen. Der Freistaat besitzt mit dem "Silicon Saxony" Europas größten Chip-Produktionsstandort. Seine Aufgabe als Wirtschaftsminister sei deshalb, "hier vor Ort für optimale Innovations- und Investitionsbedingungen zu sorgen".


Inwieweit kann der aktuelle Chipmangel generell die Qualität und das Tempo der Digitalisierung beeinträchtigen?
Mikrochips gelten als Motor der Digitalisierung. Damit entscheiden sie in der Tat über die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung. Immer mehr Anwendungen unseres täglichen Lebens sind abhängig von Chips – moderne Kaffeeautomaten, Fernseher oder Autos arbeiten mit Chips. Weltweit ist die Nachfrage regelrecht explodiert. VW, Apple und Google arbeiten an autonomfahrenden Autos. Wichtig, um viele dieser Dinge nutzen zu können, ist, dass wir flächendeckend unsere Breitband- und Mobilfunknetze schnell ausbauen. Wir benötigen im Freistaat diese Hochgeschwindigkeitsnetze für alle Lebensbereiche – in den Privathaushalten, Unternehmen, Behörden.


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DIE DOKUMENTATION DIESER FACHDEBATTE

Viele Produzenten weltweit kündigen gerade kräftige Investitionen in die Produktionskapazitäten an. Reicht das aus, um den Mangel zu beseitigen?
Unser Silicon Saxony ist längst der Mikroelektronik-Produktionsstandort Nummer 1 in Europa. Meine Aufgabe als Wirtschaftsminister sehe ich darin, hier vor Ort für optimale Innovations- und Investitionsbedingungen zu sorgen. Auch in Sachsen bauen die Hersteller ihre Produktionskapazitäten massiv aus. Mit Bosch haben wir sogar einen neuen Player bei uns im Freistaat. Andere große Anbieter schauen derzeit sehr interessiert nach Sachsen und haben Interesse, sich hier niederzulassen.

Schon seit Jahrzehnten beobachten wir jedoch in der Halbleiterbranche eine große Schwankungsbreite. Bei hoher Volatilität gibt es immer Phasen, in denen das Angebot mit der Nachfrage nicht Schritt halten kann oder umgekehrt die Nachfrage übersteigt. Aber, das sagen fast alle Experten, der derzeitige Boom wird lange anhalten, da wir tatsächlich mitten einer digitalen Zeitenwende sind. Ich bin aber zuversichtlich, dass das Angebot bald wieder ausgewogen zur Nachfrage ist, da die Unternehmen ja selbst ein hohes Interesse haben, die Nachfrage bestmöglich zu befriedigen.

In den USA hat die Regierung Biden den Chipmangel als „nationale Bedrohung“ erkannt und setzt auf eine komplexe Strategie in Sachen digitale Souveränität. Sehen Sie in Europa ebenfalls adäquate Lösungsansätze?
Unsere europäische Antwort auf diese Herausforderung heißt „digitale Souveränität“. Der Freistaat Sachsen hat seit über einem Jahrzehnt die EU, andere Mitgliedsstaaten und den Bund für die besondere Schlüsselfunktion der Mikroelektronik sensibilisiert. Diese Arbeit war erfolgreich. Das erste IPCEI (Important Projekt of Common European Interest) hat die Kommission für die Halbleiterindustrie genehmigt. Sachsen hat erheblich davon profitiert. Und Ende 2020 haben Deutschland und 18 weitere EU-Länder das größte europäische Mikroelektronikprojekt aller Zeiten mit einem Gesamtumfang von circa 145 Milliarden Euro bis 2025 initiiert. Für uns als Europäer und Deutsche ist es wichtig, dass wir uns bei den entscheidenden Schlüsseltechnologien der Zukunft nicht in wirtschaftliche Abhängigkeiten, etwa aus China, begeben – dies gilt für die Mikroelektronik genauso wie für die Energietechnik.

Chips sind nur ein Aspekt der Digitalisierung: Wie bewerten Sie die infrastrukturellen Voraussetzungen für die weitere Digitalisierung im Land und in Europa?
Wichtig für die Digitalisierung ist eine flächendeckende und leistungsfähige Infrastruktur. Gerade in Deutschland haben wir hier noch immer starken Nachholbedarf. Lange hat man in hierzulande auf Kupferkabel und Vectoring gesetzt. Das ist –  so viel muss man heute feststellen – keine zukunftsfähige Technologie. Für die Anwendungen der Zukunft ist Glasfaser unabdingbar. Wir haben uns deswegen als Landesregierung darauf verständigt, hier stark zu investieren, da es in einem Flächenland wie Sachsen für viele Unternehmen nicht rechnet auszubauen. Im Freistaat soll der Ausbau nicht an den fehlenden Eigenmitteln der klammen Kommunen scheitern. Deutschland und Europa haben beim Thema Digitalisierung die erste Halbzeit gegen Nordamerika und Asien verloren. Nun gilt es hier aufzuholen.