MEINUNGSBAROMETER.INFO

DIGITALISIERUNG

DAS FACHDEBATTENPORTAL

Für Entscheider aus Politik, Wirtschaft, Medien & Gesellschaft


schliessen

Bitte hier einloggen:

Login

Passwort vergessen?
 
17.01.2022
Kopieren und anderweitige Vervielfältigungen sind nicht erlaubt.

WIE MEHR ARBEIT MEHR ZUFRIEDENHEIT SCHAFFT

Und wie man ein gesundes Gleichgewicht findet

Dr. Ulrike Körner, Arbeitspsychologin im Bereich Personal der Barmer-Hauptverwaltung

Dr. Ulrike Körner, Arbeitspsychologin im Bereich Personal der Barmer-Hauptverwaltung [Quelle: Barmer]


Ein "Mehr an flexibler Arbeit muss nicht automatisch ein Mehr an Stress bedeuten", sagt Dr. Ulrike Körner, Arbeitspsychologin im Bereich Personal der Barmer-Hauptverwaltung. Wenn die digitale Arbeitswelt entsprechend gestaltet und die Vorbeugung potentieller Risiken bedacht sei, könne mehr Arbeit sogar gesünder und leistungsfähiger machen.


Welche gesundheitlichen Gefahren birgt ein Übermaß an Digitalarbeit?
Arbeit im digitalen Zeitalter findet in einem Spannungsfeld zwischen Schnelligkeit und Flexibilität, Erreichbarkeit und Abgrenzung, Autonomie und Eingebundenheit statt. In der BARMER-Studie „social health@work“ haben wir uns mit Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesundheit von Beschäftigten in Deutschland befasst. Neben der physischen und psychischen Gesundheit haben wir dabei soziale Beziehungen in den Blick genommen. Die Literatur und unsere eigenen Daten zeigen, dass der digitale Wandel und das Mehr an flexibler Arbeit gesünder und leistungsfähiger machen kann. Voraussetzung dafür ist ein gesundes Gleichgewicht zwischen qualitativen und quantitativen Arbeitsanforderungen und Ressourcen. Anforderungen wie Zeitdruck, Multitasking, Informationsüberflutung, Erreichbarkeit und Eingebundenheit müssen sich also mit Ressourcen wie Erholung, Abgrenzung, Handlungsspielraum und Autonomie die Waage halten. Gerät dieses Verhältnis aus dem Gleichgewicht, kann das kurzfristig zu einem höheren Stresslevel führen. Wir werden reizbarer, spüren mehr innere Unruhe und Unsicherheit, physische und psychische Erschöpfung, Schlafschwierigkeiten sowie Kopf- und Rückenschmerzen. Langfristige Folgen können psychische Erkrankungen wie zum Beispiel Burnout, aber auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein.


Jetzt bestellen!

DIE DOKUMENTATION DIESER FACHDEBATTE

Wie gehen Arbeitnehmer und Arbeitgeber in der digitalen Arbeitswelt mit potenziellen gesundheitlichen Risiken um, wie kann man ihnen vorbeugen, Resilienz aufbauen?
Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sowie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer tragen eine gemeinsame Verantwortung für die Gestaltung digitaler Arbeitswelten und damit die Vorbeugung potentieller Risiken. Jeder einzelne Mitarbeitende kann für seine oder ihre Arbeit die relevanten Rahmenbedingungen gestalten. Dazu gehören eine gelebte Arbeitszeitflexibilität, digitale Kompetenzen und das Management zwischen Arbeits- und Privatleben. Hier können Angebote zum Selbst- und Zeitmanagement unterstützen. In der betrieblichen Gesundheitsförderung können Angebote aus den Themenfeldern Ernährung, Entspannung und Bewegung, die gezielt die Digitalisierung aufgreifen, eine wertvolle Hilfe beim Aufbau von Gesundheitskompetenz sein. Hier bieten wir unseren eigenen Mitarbeitenden, aber auch unseren Versicherten und Partnerunternehmen eine breite Palette von Angeboten an, die auf große Resonanz stößt. Gleichzeitig können Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber gute Bedingungen schaffen. Hier haben Führungskräfte eine wichtige Bedeutung. Ich denke hier zuerst an Stichworte wie klare Strukturen oder „Digitalisierungsregeln“, etwa zum Umgang mit Erreichbarkeit oder Pausenregelungen. Wichtig sind zudem direkte Interaktionen mit den Mitarbeitenden. Hier zeigt sich, dass die Kompetenzen der Führungskräfte im Umgang mit digitalen Tools einen direkten Einfluss auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Mitarbeitenden haben. Nicht zuletzt sind Führungskräfte wichtige Vorbilder. Sind sie selbst sensibilisiert für potenzielle Risiken, aber auch Chancen der Digitalisierung und schaffen sie für sich einen Ausgleich zwischen Anforderungen und Ressourcen, überträgt sich das auf die Mitarbeitenden. Ebenso wichtig ist es, Gesundheit im Hinblick auf Arbeitstätigkeiten und Prozesse zu betrachten. Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastung und Mitarbeitendenbefragungen können helfen, relevante Themen zu identifizieren.

Welche Rolle spielen dabei die Gestaltung des Arbeitsplatzes bzw. die Formatierung der Arbeitsinhalte?
Wie Arbeitsplätze, Tätigkeiten und Arbeitsumgebungen gestaltet sind, beeinflusst entscheidend die Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Mitarbeitenden. Gerade in Zeiten, in denen viele Veränderungen auf organisatorischer, aber auch technologischer Ebene stattfinden, ist es wichtig, alle Mitarbeitenden mitzunehmen und Veränderungsprozesse sinnvoll zu begleiten. Digitale Veränderungen müssen immer aus einer technischen und aus der Perspektive der Mitarbeitenden betrachtet werden. Je mehr Transparenz, aber auch Handlungsspielräume Mitarbeitende hier haben, desto höher ist ihre Arbeitszufriedenheit und Motivation. Dies gilt insbesondere für Kommunikation und Information, die sich zum Beispiel durch mehr Homeoffice oder Desk-Sharing verändert. Hier ist es sinnvoll, gemeinsam mit den Mitarbeitenden Regelungen zu treffen, wie zum Beispiel Erreichbarkeitszeiten, Teambesprechungen, Kommunikationsregeln und Co organisiert und durchgeführt werden.

Ist das Betriebliche Gesundheitsmanagement ein passendes Werkzeug, um diesbezüglich eine hohe Kompetenz bei allen Beschäftigten eines Unternehmens zu erlangen?
Ein ganzheitlich aufgestelltes Betriebliches Gesundheitsmanagement, das sowohl Rahmenbedingungen zu Arbeitsumgebungsbedingungen, Arbeitstätigkeiten und Führung als auch die Förderung persönlicher Kompetenzen der Mitarbeitenden im Blick hat, ist eines der wichtigsten Instrumente in Unternehmen, um den digitalen Wandel erfolgreich zu gestalten. Dies erfordert eine enge Zusammenarbeit im Bereich Arbeitsschutz, Arbeitsmedizin, betriebliche Gesundheitsförderung, betriebliches Eingliederungsmanagement, Aufgaben- und Prozessgestaltung sowie Personalentwicklung. Damit ist die Antwort auf Ihre Frage ein eindeutiges Ja!