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Neue Modelle für Medienbildung in der ganzen Lebensspanne

Warum lebenslange Medienbildung immer wichtiger wird

Prof. Dr. phil. Thomas Merz - Prorektor Forschung und Wissensmanagement, Pädagogische Hochschule Thurgau Quelle: SRF/Oscar Alessio Prof. Dr. Thomas Merz Prorektor Forschung und Wissensmanagement Pädagogische Hochschule Thurgau 09.09.2022
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Uwe Schimunek
Freier Journalist
Meinungsbarometer.info
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"Eine der zentralen Herausforderungen der Medienentwicklung ist die immer raschere Veränderung", sagt Prof. Dr. Thomas Merz von der Pädagogische Hochschule Thurgau. Deswegen muss die Medienbildung aus seiner Sicht Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen erreichen.Und zwar mit konkreten Aufgaben.







Eine Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die digitale Nachrichtenkompetenz mit dem Alter sinkt - was bedeutet das für die Medienbildung?
Eine der zentralen Herausforderungen der Medienentwicklung ist die immer raschere Veränderung. Während die Gesellschaft beim Buchdruck noch Jahrhunderte Zeit hatte, um einen konstruktiven Umgang mit dem geschriebenen Wort hatte, erfolgen die Veränderungen und Weiterentwicklungen heute sehr viel schneller. Wir werden uns daher im Verlauf des Lebens immer weniger auf die Schule bzw. das in der Schule Gelernte verlassen können. Bereits Ende des 20. Jahrhunderts wurde daher das Postulat lebenslangen Lernens propagiert. Mit fortschreitender Entwicklung wird dies immer wichtiger. Das bedeutet, dass verstärkt auch Erwachsene in jedem Alter in ihrer stetigen Weiterbildung gefordert sind. Dazu werden neue Modelle notwendig sein, um Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen zu erreichen. Und neben Schulen und Hochschulen sind sicher auch Unternehmen bzw. Arbeitgeber gefordert.

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Die Vertrauenswürdigkeit von Quellen wird häufig falsch eingeschätzt. Wie lässt sich das ändern?
Wir kommen aus einer Phase, in der Informationen überwiegend über Medienredaktionen verbreitet wurden. Zeitungen waren über Jahrzehnte das Rückgrat der politischen Information. Öffentliche Radio- und Fernsehstationen hatten lange kaum Konkurrenz und mussten nicht nach Einschaltquoten schielen, sondern konnten die wichtigen Nachrichten und Informationen in der geforderten Sorgfalt darstellen und verbreiten. Diese Situation hat sich innert weniger Jahrzehnte grundlegend geändert. Was früher die Aufgabe von Redaktionen war, muss heute von uns Nutzerinnen und Nutzern übernommen werden. Dazu gehören zunächst die Auswahl der relevanten Nachrichten aus einer Überfülle, die Einordnung von Einzelmeldungen in einen Gesamtkontext genauso wie eine vertiefte Recherche. Ein Teil davon ist dann gerade die Überprüfung der Vertrauenswürdigkeit von Quellen. Dass das entsprechende Wissen nicht automatisch und rasch in der Gesellschaft vorhanden ist, ist naheliegend. Denn diese Überprüfung ist nicht nur aufwendig, sondern in sehr vielen Fällen für normale Nutzerinnen und Nutzer ohne Zusatzinformationen auch überaus schwierig. Es handelt sich hier um einen Teil der Medienkompeten, der in Schulen bzw. lebenslangen Weiterbildungen kontinuierlich gefördert werden muss.

Desinformation, Information, Werbung und Meinung werden zum Teil nur schwer erkannt. Was kann dagegen getan werden?
Die Frage, was wir eigentlich wissen können über die Welt, in der wir leben, wird mit Sicherheit eine der ganz zentralen Fragen der nächsten Jahrzehnte werden. Bereits heute sorgen Algorithmen dafür, dass wir sehr ausgeprägt mit immer wieder ähnlichen Nachrichten konfrontiert werden. Das führt dazu, dass wir auch Falschinformationen immer wieder bestätigt werden. Gerade solche langfristigen, häufigen Beeinflussungen führen zu entsprechenden Haltungen. Wenn sich bestimmte falsche Informationen einmal verfestigt haben, ist es sehr schwierig, sie wieder in Frage zu stellen. Die Tendenz in der Medienentwicklung wird solche Tendenzen noch verstärken. Bilder, Töne, selbst Videos können immer einfacher gefälscht werden. Doch die Tendenz geht in eine Richtung, dass Informationen direkt auf die Sinnesnerven eingespiesen werden. Damit wird die Unterscheidung, welche Informationen korrekt sind, noch einmal bedeutend schwieriger. Wichtigster Ansatzpunkt ist zunächst, dass wir die Bedeutung fundierter Information als Basis für jede friedliche Gesellschaft zunächst einmal erkennen. Das hat politische Konsequenzen - beispielsweise bei der Finanzierung von medialem Service Public, rechtliche Konsequenzen, beispielsweise hinsichtlich der Frage, welche Formen der Werbung oder Beeinflussung erlaubt sind - und es hat selbstredend auch Konsequenzen für die Bedeutung der Medienbildung, die einen weit höheren Stellenwert haben muss, als sie es heute noch hat.

Wie sollte die Politik die Medienbildung besser fördern - ohne in den Verdacht zu geraten, in das Mediensystem einzugreifen?
Medienbildung hat die grundlegende Aufgabe, Menschen in ihrer Mündigkeit und Kritikfähigkeit zu fördern. Wenn Medienbildung diese Aufgabe ernst nimmt, gehört dazu auch eine kritische Auseinandersetzung mit politischen Rahmenbedingungen und Institutionen, politischen Vorgängen und Entscheidungen - unabhängig von der Finanzierung. Wird diese zentrale Zielsetzung gewährleistet, ist eine Förderung der Medienbildung durch die Politik unproblematisch. Hauptaufgaben der Politik ist, überhaupt Medienbildung für alle Altersstufen zu gewährleisten. Der Stellenwert in der Schule muss deutlich erhöht werden. Zudem braucht es neue Modelle für Medienbildung in der ganzen Lebensspanne. Und schliesslich braucht es auch politische Rahmenbedingungen für Medienbetriebe, die eine kritische Beurteilung und Reflexion ihrer Inhalte überhaupt erst möglich machen.

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