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Interview28.10.2021

Nachhaltige Unternehmen werden noch zu wenig belohnt

Warum sich das in Zukunft ändern könnte

Prof. Dr. Stefan Hähnel - Professor an der Internationalen Berufsakademie Quelle: privat Prof. Dr. Stefan Hähnel Professor Internationale Berufsakademie (iba)
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"Grundsätzlich bietet digitales Wirtschaften zahlreiche Chancen im Hinblick auf ökologische Nachhaltigkeit", sagt Prof. Dr. Stefan Hähnel, Professor an der Internationalen Berufsakademie (iba) am Campus Leipzig. Und er nennt die Punkte, die ein digitales Wirtschaften letztlich tatsächlich nachhaltig werden lassen.





Digitales Wirtschaften spart viele Wege, etwa indem Konferenzen virtuell ab-gehalten werden oder Einkäufe online erfolgen. Dem stehen hohe (ökologische) Kosten für Traffic und Netzinfrastruktur entgegen. Wie nachhaltig kann digitales Wirtschaften aus Ihrer Sicht unterm Strich sein?
Grundsätzlich bietet digitales Wirtschaften zahlreiche Chancen im Hinblick auf ökologische Nachhaltigkeit. Beispielsweise reduziert der steigende Anteil an Videokonferenzen und der zunehmende digitale Austausch von Daten die Fahrt- und Transportwege. Folglich sinkt der Schadstoffausstoß und somit die Umweltbelastung. Diesem Effekt gegenüber steht der höhere Energieverbrauch der dafür notwendigen Infrastruktur (Serverfarmen) und der technischen Endgeräte (Computer, Smartphones) sowie die zunehmenden Mengen an Elektroschrott. Um die oben genannte Frage beantworten und eine Gesamteinschätzung vornehmen zu können, müssen die positiven und negativen Effekte gegenübergestellt werden. Hier bietet sich beispielsweise das Konzept des ökologischen Fußabdrucks an, das 1994 von Wackernagel und Rees entwickelt wurde.

Meines Erachtens werden im Wesentlichen zwei Punkte dazu führen, dass digitales Wirtschaften sehr nachhaltig werden wird. Erstens sollten wir den technischen Fortschritt nicht unterschätzen, durch den sowohl der Ressourcenverbrauch (von der großen Festplatte zum USB-Stick) als auch der Energieverbrauch (höhere Energieeffizienz von Geräten) verringert werden kann. Zweitens sollten wir anstreben, dass die Energieversorgung zunehmend durch Erneuerbare Energien erfolgt. Es wäre wünschenswert, wenn diese beiden Entwicklungen von der Politik durch geeignete Rahmenbedingungen unterstützt werden.

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E-Commerce-Waren brauchen transportfähige Einzelverpackungen. Wie kann der Versandhandel in Anbetracht dessen und großzügiger Rücksende-Regelungen nachhaltig gestaltet werden?
Das Grundproblem beim Versand von E-Commerce-Waren besteht darin, dass betriebswirtschaftlich rationale Überlegungen hinsichtlich der Verpackung und der Versandmodalitäten aktuell eher im Widerspruch zum Konzept der Nachhaltigkeit stehen. Wenn der Kunde etwas bestellt, möchte er die Ware so schnell wie möglich zugeschickt bekommen – im Zweifel auch nach und nach in Teilsendungen. Dadurch wird viel Verpackungsmüll produziert. Mit attraktiven Versandkonditionen wie kostenloser Rücksendemöglichkeit sollen Anreize für das unbedenkliche Bestellen von Waren geschaffen werden – in der Hoffnung, dass dadurch auch mehr gekauft wird und der Umsatz steigt. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist das ein lohnendes Kalkül, da der höhere Umsatz meist die zusätzlichen Verpackungs- und Versandkosten übersteigt.

Erfolgsversprechende Ansätze belassen es nicht beim Moralisieren (Nachhaltigkeit ist ein MUSS für alle Unternehmen), sondern müssen auch mit Vorteilen für Unternehmen einhergehen. In einem ersten Schritt tragen detaillierte Angaben zum Produkt sowie Online-Anproben dazu bei, das Risiko eines Fehlkaufs für den Kunden und damit die Bestellmengen insgesamt und die Versandkosten der Unternehmen zu reduzieren. Werden mehrere Produkte bestellt, sollten diese möglichst gebündelt werden. Dies kann über eine Optimierung der Logistik erreicht werden. Zudem setzen schon einige Unternehmen auf einen klimaneutralen Versand. Bezüglich der Verpackung sollte über Möglichkeiten zur Verpackungsreduktion sowie über den Verzicht auf Plastikverpackungen nachgedacht werden. Im Hinblick auf das Verpackungs- und Füllmaterial existieren mittlerweile zahlreiche umweltfreundliche Alternativen wie Biokunststoff aus Mais- oder Kartoffelstärke, Zuckerrohr oder Cellulose. Kommt es dennoch zu Retouren, könnten Unternehmen diese künftig kostenpflichtig machen. Dies erhöht den Anreiz für den Kunden sich mit dem Produkt auseinanderzusetzen und nur die Waren zu bestellen, für die ernsthaft ein Kaufinteresse besteht.

Aus Sicht der (meisten) Unternehmen dürfen diese neuen Ansätze aber nicht zu deutlich höheren Kosten oder geringeren Umsätzen führen. Meines Erachtens schauen die meisten Konsumenten nach wie vor auf den Preis. Nachhaltige Unternehmen werden aktuell leider noch zu wenig belohnt. Hier zeigt sich eine Diskrepanz zwischen der in Umfragen geäußerten Zahlungsbereitschaft für nachhaltige Produkte und dem tatsächlichen Kaufverhalten (sog. Attitude-behavior-gap). Insofern ist das bisherige noch zu geringe nachhaltige Wirtschaften ein Spiegelbild der Konsumentenentscheidungen. Ich bin aber optimistisch, dass der Aspekt der Nachhaltigkeit in Zukunft eine größere Rolle spielen wird.

Digitale Währungen sparen wertvolle Rohstoffe, aber allein die Digitalwährung Bitcoin verbraucht so viel Strom wie das Land Norwegen. Wie lässt sich der Zahlungsverkehr möglichst nachhaltig abwickeln?
Das besondere an digitalen Währungen ist (üblich sind auch die Bezeichnungen virtuelle, alternative oder Kryptowährungen), dass es sich um digitale Werte handelt, die im Gegensatz zu den klassischen Währungen nicht von einer Zentralbank geschaffen wurden. Digitale Währungen sind nichtstaatliche „Währungen“, die von natürlichen oder juristischen Personen geschaffen wurden. Folglich gibt es auch keine staatliche Einlagensicherung.

Wer offizielle gesetzliche Zahlungsmittel wie Euro oder Dollar in diese digitalen Währungen umtauscht, steht bei unseriösen Absichten der Initiatoren oder Betreiber vor der Gefahr, dass diese sich mit den gesetzlichen Zahlungsmitteln „aus dem Staub machen“ und die digitale Währung über Nacht auflösen. Die Anzahl der Betrugsfälle ist in den letzten Jahren leider erheblich angestiegen.

Meines Erachtens wird es deshalb nach der Euphoriewelle für Kryptowährungen zwangsläufig zu einer Konsolidierung bezüglich der Anzahl und strengeren Regulierungsvorschriften kommen. Diese Konsolidierung wird dann auch zu einer deutlichen Reduktion des Stromverbrauchs führen. Ich persönlich bin allerdings skeptisch, ob wir auf nicht-staatliche Zahlungsmittel vertrauen sollten. Sollte sich das Konzept der Kryptowährungen an sich als tragfähig erweisen, so würde ich für eine staatliche Kryptowährung plädieren. 

In der aktuellen Situation könnte ein Wechsel vom „Proof of Work“- zum „Proof of Stake“-Verfahren eine deutliche Reduzierung des Energieverbrauchs bewirken.

Für die Herstellung vieler Kryptowährungen, darunter auch Bitcoin, wird momentan der „Proof of Work“-Konsens genutzt. Vereinfacht gesagt überprüfen dabei sogenannte „Miner“, ob eine Blockchain korrekt zusammengestellt wurde, also ob Transaktionen via Kryptowährung möglich sind. Für diese Validierung sind jedoch Computer mit einer hohen Rechenleistung notwendig, welche wiederum viel Strom benötigen. Steigt der Preis von Bitcoin, wird die Arbeit für die Miner attraktiver. Im Umkehrschluss sind mehr Computer beteiligt, was zu einer Abwärtsspirale in Bezug auf die Nachhaltigkeit führt.

Eine Alternative dazu bietet das „Proof of Stake“-Verfahren. Hier ist keine kostspielige Mining-Hardware notwendig, da die Überprüfung der Blockchains per Zufall auf die Teilnehmer verteilt wird und sich diese so nicht im Wettbewerb um die höchste Geschwindigkeit befinden. Da das Mining entfällt, ist diese Methode deutlich ressourcenärmer und somit auch umweltfreundlicher. Proof of Stake hat jedoch noch einige Schwachstellen, u.a. hinsichtlich der Sicherheit und Machtverteilung. Dennoch gibt es bereits Kryptowährungen, welche auf diesem Prinzip beruhen, wie bspw. Nano oder SolarCoin.

Viele Digitalunternehmen legen öffentlichkeitswirksame Nachhaltigkeits-Programme auf. Woran erkennt der Nutzer, was der Umwelt hilft und was bloßes „Greenwashing“ ist?
Als „Greenwashing“ bezeichnet man Kampagnen oder PR-Aktionen, welche Produkte oder ganze Unternehmen in ein „grünes Licht“ rücken, sodass der Eindruck entsteht sie handeln ökologisch nachhaltig und verantwortungsvoll. Auch der Versuch von Unternehmen, sich ihr ökologisches Image durch wenig aussagekräftige Siegel zu erkaufen, fällt in den Bereich des Greenwashings. Dieses Greenwashing ist möglich, da es zwischen dem Unternehmen und den Konsumenten eine Informationsasymmetrie gibt.

Nachhaltig agierende Unternehmen arbeiten deshalb mit dem sog. Signaling und stellen auf ihren Internetseiten Zahlen, Daten, Fakten sowie Nachhaltigkeits- und CSR-Berichte zur Verfügung, die durch entsprechende Strategien und Beispiele untermauert sind. Auch durch vertrauenswürdige Siegel und Zertifizierungen wie das Fair Trade- oder Naturland Fair-Label kann ein Verbraucher nachhaltiges Wirtschaften erkennen.

Generell gilt, dass die Nachhaltigkeitsausrichtung erkennbar im Einklang mit dem Hauptgeschäft des jeweiligen Unternehmens stehen muss, damit es sich nicht nur um Greenwashing handelt.

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