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22.10.2021
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NACHHALTIGE VERPACKUNGSLÖSUNGEN ALS WICHTIGER KONTAKTPUNKT ZUM KUNDEN

Wie sich ökologisches Wirtschaften auszahlt - für Umwelt, Kunden und Unternehmen

Prof. Dr. Mareike Müller - Hochschule Macromedia, Campus Köln

Prof. Dr. Mareike Müller - Hochschule Macromedia, Campus Köln [Quelle: Macromedia]


"Auf den ersten Blick ist es für Konsumenten nicht einfach zu erkennen, wie nachhaltig ein Unternehmen oder eine wirtschaftliche Aktivität tatsächlich ist", konstatiert Prof. Dr. Mareike Müller von der Hochschule Macromedia. Sie nennt die Schwächen von verschiedenen Ansätzen für Transparenz und erklärt, was Unternehmen heute schon tun und was sie noch machen sollten.


Digitales Wirtschaften spart viele Wege, etwa indem Konferenzen virtuell abgehalten werden oder Einkäufe online erfolgen. Dem stehen hohe (ökologische) Kosten für Traffic und Netzinfrastruktur entgegen. Wie nachhaltig kann digitales Wirtschaften aus Ihrer Sicht unterm Strich sein?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Um die ökologische Nachhaltigkeit von digitalen wirtschaftlichen Aktivitäten zu bewerten, muss anhand einer CO2-Bilanzierung gemessen werden, wie diese konkret zum Klimawandel beitragen. Betrachten wir das von Ihnen genannte Beispiel der Konferenzen. In Konferenzen, die in Präsenz an Messestandorten stattfinden, fallen neben dem C02-Ausstoß, der durch die Mobilität der Aussteller, Messeangestellten und Besucher generiert wird, noch viele weitere Aktivitäten an, die einen C02-Ausstoß verursachen. So müssen für eine vollständige C02-Bilanzierung von Messeaktivitäten unter anderem auch der Gebäudebetrieb & Energie, Ausstellungsmaterialen, Übernachtungen, Versorgung mit Lebensmitteln, Verbrauchsmaterialien sowie Abfälle mit einbezogen werden. Für eine vollumfängliche Bilanzierung müssten anteilig auch noch weitere umweltschädliche Auswirkungen hinzugerechnet werden.

Um eine valide C02-Bilanzierung durchzuführen, wird also ein sehr hoher Detaillierungsgrad an Informationen je Messeveranstaltung benötigt. Ein ähnliches Fazit kann beim Thema virtuelle Konferenzen gezogen werden. Hier ist vor allem die Art der Datenübertragung, sowie die Fragestellung, ob Live Sessions oder Video Streams angeboten werden, entscheidend für die Klimabilanz. Es bleibt also in jedem Fall bei einer Abwägungsentscheidung. Eine wichtige Voraussetzung hierfür ist die Transparenz der C02-Treiber und die Kohärenz in der Berechnungslogik des C02-Ausstoßes dieser Treiber.

Bei der konkreten Frage, wie nachhaltig virtuelle Konferenzen sind, möchte ich ein einfaches Rechenbeispiel geben: je Stunde und Teilnehmer einer Videokonferenz werden ca. 100 Gramm CO2 verbraucht. Findet die Messe in Präsenz statt, so müssen die Teilnehmer anreisen. Dabei verursacht die Bahn ca. 40 Gramm, PKW 140 und das Flugzeug 210 Gramm C02 pro Personenkilometer. Allein die Anreise per Flugzeug zu internationalen Konferenzen verursacht also schnell über 1000 KG C02–Ausstoß pro Kopf! Hier kann also ganz klar gesagt werden, dass virtuelle Konferenzen unter dem Strich klimaneutraler sind als Veranstaltungen in Präsenz.


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DIE DOKUMENTATION DIESER FACHDEBATTE

Beim E-Commerce-Waren brauchen transportfähige Einzelverpackungen. Wie kann der Versandhandel in Anbetracht dessen und großzügiger Rücksende-Regelungen nachhaltig gestaltet werden?
Das Sendungsvolumen in Deutschland steigt bis 2023 auf ca. 4,4 Milliarden beförderte Sendungen pro Jahr an und verdoppelt sich damit im Vergleich zu 2010. Wir brauchen hier also dringend innovative, nachhaltige Lösungen im Bereich der Verpackung und der Optimierung der Versandwege. Der Europäische Green Deal setzt bereits Gesetzgebungen für acht Sektoren um. Hierzu gehört z.B. die Kreislaufwirtschaft, nachhaltige, intelligente Mobilität und das Null-Schadstoff-Ziel. Das letzte Ziel sehe ich kritisch, da wir bei der C02-Bilanzierung auch die Belastungen aus Herstellung und Rohstoffgewinnung mit betrachten sollten.

Gleichzeitig sehen viele Unternehmen den Handlungsbedarf bereits und agieren. Zum Thema nachhaltige Verpackungen haben wir beispielsweise Anfang des Jahres in Kooperation mit einem Waiblinger Industrieunternehmen ein studentisches Projekt durchgeführt. Hier zeigte sich, dass viele Unternehmen bereits mit alternativen Versandmitteln experimentieren: Zuckerrohr als Alternative zu Polyethylen aus Erdöl, Hybridverpackungen, mehrfach nutzbare Verpackungen mit Pfandsystem, Samenpapier, recycelbarer Karton/Pappe oder bereits recycelter Karton/Pappe sind einige Beispiele. Interessant ist hierbei auch, dass sich die Rolle der Verpackung verändert. Wurde diese früher vor allem zur Schutzfunktion eingesetzt, dient sie nun auch als Kommunikations- und Werbemittel. Gerade für eCommerce-Unternehmen ist die Versand- und Produktverpackung ein wichtiger Teil der Customer Journey und ein unterschätzter Kontaktpunkt. Mit nachhaltigen Verpackungslösungen haben E-Commerce-Unternehmen die große Chance, das Thema Nachhaltigkeit, das für die Endkunden zunehmend an Bedeutung gewinnt, effektiv zu kommunizieren.

Aber auch im Bereich des Versandes gibt es im eCommerce noch großes C02-Einsparpotential. Der zentrale Punkt hierbei ist, dass Transportrouten und Auslastungen optimal ausgeplant werden. Ein klimaneutraler Versand, ein ganzheitlicher Ansatz zur Handhabung und Entsorgung von Verpackung und Produkten, aber auch innovative Lösungen, wie zum Beispiel Buy Online Pickup In Store (BOPIS) Konzepte tragen darüber hinaus zu einer verbesserten Klimabilanz bei.

Viele Digitalunternehmen legen öffentlichkeitswirksame Nachhaltigkeits-Programme auf. Woran erkennt der Nutzer, was der Umwelt hilft und was bloßes „Greenwashing“ ist?
Auf den ersten Blick ist es für Konsumenten nicht einfach zu erkennen, wie nachhaltig ein Unternehmen oder eine wirtschaftliche Aktivität tatsächlich ist. Es gibt keine einheitliche Kennzeichnung oder Gütekriterien. Nachhaltigkeit umfasst ja nicht nur ökologische Aspekte, sondern auch soziale und ökonomische. Es gibt ein buntes Portfolio an Zertifikaten, Siegeln und Ratings, die den Nutzer beim nachhaltigen Konsumieren unterstützen sollen. Generell unterscheidet man hier Managementsysteme, Produktkennzeichnungen und Scoring Modelle.

Studien über etablierte Produktkennzeichnungen (zum Beispiel Fairtrade Label, FSC Siegel, Blauer Engel, EU-Bio-Label) zeigen, dass keines der untersuchten Label alle Nachhaltigkeitsdimensionen entlang der kompletten Produktlinie abdeckt. 

Managementsysteme (zum Beispiel EMAS, ISO-Norm 14001) regeln die Prozesse der Wertschöpfung und garantieren durch regelmäßige Auditierung einen bestimmten Standard. Auch hier können nicht alle Aspekte der Nachhaltigkeit in Unternehmen oder Lieferketten überprüft werden. Scoring Modelle, wie z.B. Environmental, Social, Governance-Ratings helfen Anlegern nachhaltige Invests zu tätigen. Sie zeigen auf, inwieweit Unternehmen bestimmte Richtlinien in den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung berücksichtigen. Die Ratings stehen ebenfalls in der Kritik, da sie teilweise deutlich voneinander abweichen und unterschiedlich Schwerpunkte setzten.

Trotzdem sind Produktkennzeichen, Zertifikate und Ratings ein guter Richtwert für Konsumenten, da sie eine, zumindest in Teilbereichen, nachhaltige Unternehmensführung bestätigen.