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21.09.2020
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NACHHALTIGE TRANSFORMATION DER ARBEITSWELT DURCH CORONA

Was künftig im Home Office geht und wozu man noch Büros braucht

Prof. Dr. Florian Kunze - Lehrstuhl für Organisational Studies, Universität Konstanz

Prof. Dr. Florian Kunze - Lehrstuhl für Organisational Studies, Universität Konstanz [Quelle: Ines Njers]


"Aktuell herrscht sowohl bei den Beschäftigten als auch bei den Betrieben eine „Homeoffice Euphorie“", erklärt Prof. Dr. Florian Kunze von der Universität Konstanz. Er nennt frische Zahlen zum Beleg, mahnt aber auch, dass persönlicher Kontakt in bestimmten Bereichen wichtig bleibt, auch im Büro.


Nach einer aktuellen Erhebung wollen viele Unternehmen das zur Corona-Krise eingeführte Homeoffice dauerhaft stärker etablieren – was sind die wichtigsten Vorteile davon?
Aktuell herrscht sowohl bei den Beschäftigten als auch bei den Betrieben eine „Homeoffice Euphorie“. Wir sehen das auch in unserer aktuellen Homeoffice Studie an der Universität Konstanz, in der wir Beschäftigte in den vergangenen Monaten an neun Zeitpunkten befragt haben. Fast durchgehend 80 Prozent der an der Studie teilnehmenden Personen berichten, dass sie im Homeoffice engagiert und produktiv arbeiten. Eine deutliche Mehrheit möchte gerne zumindest einige Tage pro Woche auch über die Corona-Zeit hinaus mobil arbeiten. Dieses hohe Engagement der Mitarbeitenden ist natürlich auch sehr vorteilhaft für die Unternehmen, für die es jetzt darum geht, mittelfristig die richtigen Rahmenbedingungen für eine nachhaltige und effiziente Transformation vom klassischen Präsenzarbeitsplatz hinzu  neuen flexibleren Arbeitsarrangements zu schaffen.

Nach ersten Erkenntnissen funktioniert individuelle Arbeit im Homeoffice besser als Teamarbeit. Was bedeutet das für das Management?
In der Tat sind nicht alle Tätigkeiten gleich gut für das mobile Arbeiten geeignet. Besonders bei Teamarbeiten, die eine hohe Interdependenz - d.h. wechselseitige Abhängigkeit bei der Aufgabenerstellung - haben, ist eine reine mobile Zusammenarbeit schwierig. Ebenso betrifft dies Teamarbeit, die Innovation als Ziel hat. Auch wenn es innovative Tools für mobile Zusammenarbeit in Teams gibt, ist für solche Innovationsteams eine regelmäßige Zusammenkunft in Präsenz weiterhin sehr sinnvoll.

In der Corona-Krise wurden viele Meetings online durchgeführt – wie verändert sich die Zusammenarbeit, wenn persönlicher Austausch auf Dienstreisen durch Online-Termine ersetzt wird?
Zu Beginn der Corona-Krise hat diese Reduktion der persönlichen Meetings und Dienstreisen erstaunlich gut funktioniert. In einer groß angelegten Studie in den USA wurde auch gerade berichtet, dass die Dauer von Meetings während der Corona-Krise um 20 Prozent zurück gegangen ist. Auch dies dürfte einer der Gründe sein, warum viele Beschäftigte die Arbeit im Homeoffice als effizienter wahrnehmen. Gleichzeitig darf aber nicht unterschätzt werden, dass man zu Beginn des neuen Homeoffices durch Corona von genau dem Sozialkapital profitiert hat, was man mit Kollegen und Geschäftspartnern vor der Pandemie bereits aufgebaut hat. Wenn ich zu jemanden schon gute persönliche Beziehungen hatte, ist es jetzt unproblematisch, größtenteils digital zu kommunizieren. Anders sieht es aus, wenn ich den Kontakt mit neuen Mitarbeitenden und Geschäftspartnern erst aufbauen muss. Auch hier ist es weiterhin wichtig, persönliche Treffen mit digitalem Austausch zu kombinieren.

Inwieweit lassen sich künftig Büroflächen durch Home-Office- oder Hybrid-Modelle einsparen?
Kosteneinsparung durch weniger Büroflächen ist sicher einer der zentralen Punkte, der Unternehmen gerade dazu bewegt, das Arbeiten im Homeoffice auch nach Corona weiter zu verstetigen. Die relative große Skepsis gegenüber dem mobilen Arbeiten, die bei vielen Unternehmen und Führungskräften vor Corona geherrscht hat, ist durch einen starken Optimismus bei vielen Beteiligten abgelöst worden. Die Einsparungspotenziale bei vielen großen Büro- und Dienstleistungsunternehmen sind hier sicher enorm. Allerdings darf hier auch nicht unterschätzt werden, dass man für ein längerfristiges Arbeiten im Homeoffice auch im Bereich Datensicherheit und IT-Infrastruktur investieren muss. Viele Beschäftigte haben zu Beginn der Corona-Krise mit eigenem IT-Equipment oder an nur unzureichend ausgestattenden Arbeitsplätzen gearbeitet. Für alle Beschäftigten ausreichend technisch und ergonomisch ausgestattete Heimarbeitsplätze zur Verfügung zu stellen, kann durchaus kostspielig sein. Außerdem dürfen Unternehmen sich jetzt nicht durch die aktuelle Euphorie dazu verleiten lassen, Bürostrukturen fast komplett aufzulösen. Es steht außer Frage, dass wir durch die Corona-Pandemie eine durchaus nachhaltige Transformation der Arbeitswelt erleben. Präsenzarbeit, wenn auch eher in hybriden Modellen, wird aber für fast alle Unternehmen in absehbarer Zeit weiterhin sinnvoll sein.