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Interview08.05.2023

Nach dem "digital divide" droht ein "remote work divide"

Wo und wie Workation Potenziale hat

Dr. Rüdiger Klatt - Institutsleiter, Forschungsinstitut für innovative Arbeitsgestaltung und Prävention e.V. Quelle: FIAP Dr. Rüdiger Klatt Institutsleiter Forschungsinstitut für innovative Arbeitsgestaltung und Prävention (FIAP)
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Uwe Schimunek
Freier Journalist
Meinungsbarometer.info
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Aus Sicht von Dr. Rüdiger Klatt vom Forschungsinstitut für innovative Arbeitsgestaltung und Prävention kann die Work-Life-Balance durch "Workation profitieren - sie kann aber genauso gut leiden". Er nennt aktuelle Forschungsdaten und erklärt, wie Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Potenziale von Workation ausschöpfen können.





Viele Menschen haben bereits Erfahrungen mit der Vermischung von Arbeit und Urlaub zur sogenannten Workation gemacht, noch mehr wünschen das. Wo sehen Sie die wichtigsten Vor- und Nachteile von Workation?
Workation erweitert aus meiner Sicht die Möglichkeiten flexiblen, ortunabhängigen Arbeitens um eine weitere Variante, der Arbeit an Urlaubsorten, also an Orten, die einen hohen Erholungs- und Freizeitwert für Beschäftigte haben. Auf den ersten Blick entsteht so eine Win-win-Situation für Mitarbeiter und Unternehmen. Die Beschäftigten suchen sich immer freier und flexibler aus, von wo sie arbeiten. Die Unternehmen werden dadurch attraktiver, ihre Mitarbeiter zufriedener - und mit einer intelligenten Arbeitsgestaltung spart das Unternehmen z.B. Büroflächen ein. Darüber hinaus erweitern sie den Radius ihres Recruitings.

Ergebnisse aus unseren Forschungen zu Remote Work (co-win.de) zeigen aber generell auch: Ein Teil der Mitarbeiter vermisst in der Arbeit auf Distanz ihre Kollegen und Vorgesetzten. Ihnen fehlt der direkte Austausch face-to-face. Die Bindung an das Unternehmen leidet - und nicht zuletzt kann die eigene Arbeitsorganisation gestört werden. Außerdem ist der Arbeitsplatz oft ungenügend ausgestattet.

Die Work-Life-Balance kann also durch Workation profitieren - sie kann aber genauso gut leiden. Letztlich hängt es davon ab, ob das Unternehmen eine transparente und kommunizierte Remote-Work-Strategie hat, die jeden einzelnen Beschäftigten ‚abholt‘ und ‚mitnimmt‘.

Auf der Seite der Mitarbeiter ist die Kompetenz für Remote Work und Workation entscheidend. Über sie verfügt nicht jeder - und die Unternehmen unterstützen den Erwerb dieser Kompetenzen noch zu wenig.

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Eine ganze Reihe von Unternehmen erlaubt gar keine Workation. Wie bewerten Sie das?
Es gibt Unternehmen, z.B. im Handwerk oder im Bereich der personennahen Dienstleistungen (Friseure, Pflegedienstleister), für die flexible Arbeitsformen insgesamt weniger sinnvoll sind. Sie ‚leben‘ von der direkten Interaktion.

Insbesondere wissensintensive, hoch digitalisierten Branchen stehen dagegen schon heute angesichts des Fachkräftemangels unter enormen Druck, flexible Arbeitsformen anzubieten. Dazu gehört auch die Möglichkeit, auf Distanz zu arbeiten, wenn die Beschäftigten das wollen. Und die Möglichkeit zur Workation wird sich sicher als ein weiterer, bedeutender Baustein für Fachkräftesicherung und Fachkräftebindung etablieren, denn insbesondere seit Corona haben sich viele Beschäftigte an die flexible Wahl ihres Arbeitsortes gewöhnt und möchten auf diese zukünftig nicht verzichten.

Entscheidend ist dabei ein ausgearbeitetes Unternehmenskonzept, das möglichst wenig dem Zufall überlässt, die Potenziale von remote work ausschöpft und die Nachteile minimiert. Z.B. werden Phasen der Arbeit im Team ‚face-to-face‘ vermutlich weiter notwendig sein.
 
Workation wird stärker von Menschen mit höherem Einkommen ausgeübt. Welche Förderprogramme halten Sie für Einkommensschwächere für denkbar und geeignet?
Fest steht, dass, gut qualifizierte Beschäftigte in digitalen Arbeitsformen mit vielen Freiheitsgraden die Möglichkeit von Workation eher nutzen können. Weniger gut qualifizierte Mitarbeiter werden benachteiligt, ‚Interaktionarbeiter‘ (z.B. in der Pflege) werden nahezu komplett ausgeschlossen. Nach dem ‚digital divide‘ droht ein ‚remote work divide‘. Um konkurrenzfähig zu bleiben, müssen in diesen Arbeitsfeldern daher durch die Unternehmen und Verbände die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung verbessert werden. Außerdem werden in diesen Sektoren die Digitalisierungspotenziale noch nicht ausgeschöpft. Sie bilden die Voraussetzung dafür, den Anschluss an eine ortsunabhängigere Arbeitwelt nicht zu verlieren.     

Workation kann rechtliche Probleme zur Folge haben. Welchen Regelungsbedarf sehen Sie bei der Politik?
Ich sehe vor allem Regulierungsbedarfe für Workation im Bereich des Arbeits- und Gesundheitsschutzes und des Versicherungsschutzes. Der Erholungsurlaub muss dabei geschützt werden. Das heißt, dass die Phase der „workation“ den Erholungsurlaub nicht ersetzen darf. Urlaubsorte und Unternehmen müssen auch verstärkt Angebote entwickeln, arbeitende Urlauber z.B. durch professionelle Coworking-Spaces am Urlaubsort zu unterstützen. Das Hotelzimmer ist sicher kein geeigneter Arbeitsort.

Weiterer Handlungsbedarf besteht bei steuerrechtlichen und versicherungstechnischen Fragen bei Workation aus dem europäischen und internationalen Ausland. Die Reglungen müssen den Unternehmen sowie deren Mitarbeitenden Sicherheit und Freiraum bieten, um diese besondere Form der mobilen Arbeit umzusetzen.

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