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Interview14.07.2023

Die Automobilindustrie und ihr Spagat

Wie sich die Branche in Niedersachsen transformiert

Olaf Lies - Niedersächsischer Minister für Wirtschaft, Verkehr, Bauen und Digitalisierung Quelle: MW/Andreas Burmann Olaf Lies Minister für Wirtschaft, Verkehr, Bauen und Digitalisierung Landesregierung Niedersachsen
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Uwe Schimunek
Freier Journalist
Meinungsbarometer.info
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"Die deutsche Automobilindustrie – und damit auch die Automobilindustrie in Niedersachsen - steckt mitten im wohl größten Transformationsprozess ihrer Geschichte", beobachtet Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD). Sein Haus unterstützt die Branche dabei vielfältig.





Die deutsche Automobilindustrie bewertet ihre Lage derzeit positiv, macht sich aber Sorgen um die Zukunft. Wie schätzen Sie die Situation der Branche in Ihrem Bundesland ein?
Die deutsche Automobilindustrie – und damit auch die Automobilindustrie in Niedersachsen - steckt mitten im wohl größten Transformationsprozess ihrer Geschichte. Die Antriebs- und Mobilitätswende hat mittlerweile richtig Fahrt aufgenommen. Der Umstieg auf die Elektromobilität und die Entwicklung digital vernetzter Fahrzeuge erfordert Innovationen, Effizienzsteigerungen, Weitsichtigkeit, Flexibilität und natürlich hohe Investitionen. Die Automobilindustrie muss derzeit einen Spagat schaffen: Die Unternehmen müssen sich transformieren, aber gleichzeitig noch eine gewisse Zeit lang ihre alten Geschäftsmodelle als Finanzierungsgrundlage weiter aufrechterhalten. Zusätzlich musste die Branche in den letzten Monaten und Jahren mit einer Reihe externer Krisen umgehen: Die Corona-Pandemie mit den damit verbundenen weltweiten Lockdowns und der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine hat die Lieferketten empfindlich gestört. Bis heute leidet die Branche unter einem spürbaren Halbleitermangel. Und wir alle haben ja in den letzten anderthalb Jahren die hohen Energiepreise zu spüren bekommen, die natürlich insbesondere die energieintensiven Unternehmen treffen.

Die Gesamtsituation ist also sicherlich nicht einfach. Den Autobauern selbst geht es noch vergleichsweise gut. Für die Zulieferunternehmen, die in Niedersachsen ein wichtiger Teil des Wertschöpfungsnetzwerkes bei der Automobilproduktion sind, ist die Lage schwieriger.  Vielen Zulieferunternehmen fehlt in der aktuellen Situation oft das nötige Kapital, die Transformation im Betrieb auch anzugehen.

Die Transformation hin zur Digitalisierung, Elektrifizierung oder Automatisierung bedeutet für die über 700 Zulieferbetriebe in Niedersachsen aber auch eine Chance. Mit neuen Produkten und Geschäftsmodellen können neue Kundengruppen erschlossen werden. Dafür ist unter anderem ein stetig wachsender Absatzmarkt für Elektrofahrzeuge sehr wichtig, wenn wir unser gesetztes Ziel der Klimaneutralität bis 2045 erreichen wollen. Im Augenblick sehen wir, dass aufgrund sinkender Kaufanreize die Nachfrage nach Elektromodellen sinkt. Das ist noch kein Grund zu Sorge. Ich bin zuversichtlich, dass die Vorteile der Elektromobilität sich mittelfristig bei Bürgerinnen und Bürger durchsetzen werden.

Dennoch müssen wir die Unternehmen aktiv in Ihrem Transformationsprozess unterstützen. Das tun wir in Niedersachsen mit unterschiedlichen Instrumenten – von der finanziellen Unterstützung bis zur landesweiten Vernetzung und das Setzen von Impulsen z. B. durch unsere Automotive Agentur Niedersachsen. Gemeinschaftlich können wir an der Stabilisierung und Verbesserung der Lage unserer Automotive-Branche arbeiten. Dazu gehören neben den Unternehmen selbst insbesondere die Verbände der Sozialpartner sowie die regionalen Cluster, die für Niedersachsen eine große Bedeutung haben.

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Insbesondere die internationale Wettbewerbssituation wird als problematisch angesehen – wie unterstützen Sie die Branche in Ihrem Bundesland diesbezüglich?
Die Automobilbranche in Niedersachsen beobachtet den internationalen Wettbewerb natürlich sehr genau. Von je her hat die niedersächsische Wirtschaft durch Innovationen und Entwicklungsprozesse darauf reagiert und das tut sie auch jetzt.  Wichtig dabei ist zum einen ein schneller Technologie- und Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft und zum anderem ein landesweiter Wissens- und Erfahrungsaustausch innerhalb der Branche selbst. Dafür haben wir vom Wirtschaftsministerium vor einigen Jahren die Automotive Agentur Niedersachsen gegründet, die ich ja bereits erwähnt habe. Diese dient unter anderem als zentraler Ansprechpartner für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie Institutionen der Automobilindustrie und Mobilitätswirtschaft und setzt gezielte Technologieimpulse im ganzen Land. Denn insbesondere die KMUs sollen in der Transformation besonders gestützt und gestärkt werden.

Darüber hinaus bieten wir den niedersächsischen Automobilzulieferern einen Zuschuss für eine Transformationsberatung an. Dabei geht es um die gezielte Beratung von Unternehmen bei anstehenden Transformationsprozessen, die zur Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen führen oder auch Impulse für die Weiterbildungs- und Kulturentwicklungsprozesse erhalten. Die Beratungsleistung erfolgt aufgrund einer Empfehlung der Transformationsagentur Niedersachsen GmbH. Diese wird durch die Sozialpartner NiedersachsenMetall und IG Metall zusammen mit der Demografie-Agentur betrieben.

Natürlich greifen wir ebenfalls auf die Unterstützung des Bundes zurück, der mit sogenannten Transformations-Netzwerken und Transformations-Hubs die Transformationsstrategien für Regionen der Fahrzeug- und Zulieferindustrie aktiv unterstützt. Wir in Niedersachsen haben zwei Transformations-Netzwerke und sind an weiteren zwei Transformations-Hubs über die Automotive Agentur beteiligt.

Ich sprach bereits den Kapitalbedarf für die Transformation an. Kredite werden derzeit teurer. Die WirtschaftsWoche berichtete kürzlich über eine Analyse der Unternehmensberatung Oliver Wyman, nach der einige deutsche Automobilzulieferer dringend eine Kapitalspritze bräuchten, bei den Banken aber einen schweren Stand hätten, überhaupt an Kredite zu kommen. Hier bieten wir Hilfe über den Beteiligungsfonds „NTransformation Kfz-Zulieferer“ über die landeseigene NBank an.

Und ein wesentlicher Punkt ist es auch, unseren Unternehmen der Automobilindustrie möglichst wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen zu schaffen. Dazu gehört etwa ein wettbewerbsfähiger Strompreis, der insbesondere für energieintensive Unternehmen aus der Automobil- und Zulieferindustrie von großer Bedeutung ist. Dafür hat Niedersachsen beim Bund einen konkreten Vorschlag unter anderem für einen Transformationsstrompreis vorgelegt. Er sollte spätestens zum 1. Januar 2024 eingeführt werden und garantiert nicht höher als 7ct/kWh betragen.

Nicht zuletzt viele Mittelständler investieren in experimentelle Konzepte, selbst bei der Gefahr einer Fehlinvestition – wie innovativ ist die Branche in Ihrem Bundesland aus Ihrer Sicht?
Die Transformation in der Automobilbranche erfordert unter anderem eine höhere Geschwindigkeit bei der Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen. Das Tempo und die Richtung wird meist von den Automobilherstellern vorgegeben. Die Zulieferindustrie muss sich da anpassen. Das ist unter den gegebenen Voraussetzungen natürlich herausfordernd. An der Steigerung der Innovationsfähigkeit führt allerdings kein Weg vorbei.

Hier gibt es für Unternehmen verschiedene Möglichkeiten. Zum können Unternehmen, insbesondere KMUs, in ihre Entwicklungsabteilungen investieren. Sie können aber auch Kooperationen mit innovativen Startups eingehen, die dann eine gewisse Dynamik, ein innovatives Umfeld und natürlich - und das ist das Entscheidende - Lösungen und Produkte für die Weiterentwicklung einbringen.  Um Kooperationen zwischen Startups und etablierten Unternehmen im Automobilbereich zu fördern, arbeiten die Landesinitiative "startup.niedersachsen" und die Automotive Agentur eng zusammen. Gemeinsam stellen sie ein effektives Instrument dar, um solche Partnerschaften zu ermöglichen.

Entscheidend für die Innovationskraft der Automobilbrache ist weiterhin eine starke Forschungslandschaft. Auch hier haben wir in Niedersachsen mit führenden Institutionen wie dem DLR in Braunschweig, dem Niedersächsischen Fahrzeugzentrum Forschungstechnik (NFF) oder der physikalisch-technischen Bundesanstalt (PTB) sowie dem Offis in Oldenburg und vielen anderen gute Voraussetzungen für einen schnellen und effizienten Technologie- und Wissenstransfer von neuen Technologieimpulsen in die Wirtschaft.

Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sind extrem wichtig. Ein sehr positives Beispiel für einen kürzlich erfolgreich durchgeführten Prozess eines Wissens- und Technologietransfers ist beispielsweise die Unterzeichnung einer Absichtserklärung für die Gründung eines Batterierecyclingzentrums in der Region Harz. Dort haben sich sechs Unternehmen zusammengetan, um gemeinsam mit Wissenschaft und Forschung die Recyclingindustrie in Niedersachsen innovativer und wettbewerbsfähiger aufzustellen.
Klar ist aber auch: Innovationen sind immer auch mit Risiken verbunden. Der ständige technologische Wandel, dem die Automobilbranche unterworfen ist, sorgt dafür, dass nicht alle Innovationsprojekte zum gewünschten Erfolg führen. Für den Erfolg müssen viele Rahmenbedingungen gleichzeitig zutreffen. Einige wie beispielsweise Investitionen in unser Wissenschafts- und Forschungslandschaft, ein starkes Startup-Ökosystem oder eine landesweitere Vernetzung der Akteurinnen und Akteure können wir als Bundesland beeinflussen, andere wie etwa das Weltgeschehen nicht. Dennoch bin ich zuversichtlich, dass die Automobilbranche in Niedersachsen ihr insgesamt ein hohes Innovationspotenzial hält, weil sie den Bedarf zum Wandel längst erkannt und in die Unternehmensstrategie aufgenommen hat.

Als ein Problem gilt der Fachkräfte-Mangel. Wie lässt sich dieser abmildern?
Der Fachkräftemangel betrifft ja mittlerweile viele Branchen und nicht nur die Automobilindustrie. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Autoindustrie haben einen wesentlichen Anteil an der Wertschöpfung, insofern ist die Fachkräftegewinnung für die Unternehmen von zentraler Bedeutung. Zugleich müssen wir allerdings davon ausgehen, dass mehr als die Hälfte der heutigen Qualifikationen in den Produktionsbetrieben in naher Zukunft nicht mehr gebraucht werden, denn durch die Umstellung auf E-Mobilität ändert sich der Produktionsprozess ja gerade rasant. Wichtig ist daher, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer entsprechend zu qualifizieren. Es ist notwendig mit Unterstützung der Politik neue Projekte zu initiieren und erfolgreich etablierte Qualifizierungsprojekte zu begleiten und zu verstetigen. Grundsätzlich sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter heute mehr als je zuvor einem stetigen Wandel ausgesetzt, daher muss Um- bzw. Weiterqualifizierung zur Normalität werden. Das muss in den Unternehmen etabliert werden, denn die Beschäftigten eines jeden einzelnen Unternehmens sind entscheidend für dessen Erfolg. Auch hier hilft die Transformationsbegleitung, die ich ja bereits beschrieben habe. Wir als Landesregierung unterstützen die Vernetzung der zahlreichen Projektansätze zur Transformation der Arbeitswelt.

Klar ist aber auch: Allein mit Weiterbildung ist der Fachkräftemangel in der Automobilindustrie nicht zu beheben. Ein Maschinenschlosser lässt sich nun einmal nicht ohne weiteres in einen Software-Entwickler verwandeln. Daher müssen bereits möglichst früh im Schul-, Ausbildung- und Universitätssystem neue technologische Entwicklungen und Berufsbilder berücksichtigt werden und die notwendige Ausstattung dafür zur Verfügung gestellt werden. Auch die Unternehmen sind hier gefragt. Beispielsweise zeigen Volkswagen mit der Programmierschule „Wolfsburg 42“ und der „Fakultät 73“ und Continental mit dem Institut für Technologie und Transformation (CITT) wie dort die Tech-Talente der Zukunft ausgebildet werden. Und es gibt eben auch großartige Initiativen, mit denen wir die Begeisterung für Technik und Innovation bei jungen Menschen neu wecken können. Da haben wir mit der MINT-Messe IdeenExpo in Hannover einen bundesweiten Leuchtturm hier direkt vor der eigenen Tür.

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