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02.10.2022
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DAS GESAMTE ÖKOSYSTEM DER NACHHALTIGKEIT

Wie Informations- und Kommunikationstechnik grüner wird

Nikola Marquardt, Mitherausgeberin des Fachdebattenportals Meinungsbarometer.info

Nikola Marquardt, Mitherausgeberin des Fachdebattenportals Meinungsbarometer.info [Quelle: Redaktion]


Bis zu 4 Prozent der globalen Treibhaus-Emission resultiert nach einer aktuellen britischen Studie aus der Internet- und Computernutzung. Das entspricht in etwa dem Anteil des internationalen Luftverkehrs. Allerdings gilt die Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) für Heinz Leymann als Enabler, um andere ökonomische und gesellschaftliche Prozesse nachhaltiger zu gestalten. Der Bundesvorsitzende des Verbandes IfKom – Ingenieure für Kommunikation nennt in unserer Fachdebatte Zahlen: „Durch die Corona-Pandemie stieg die Datennutzung im Festnetz von 60 Mrd. Gigabyte (GB) im Jahr 2019 auf 76 Mrd. GB im Jahr 2020, das mobile Datenvolumen erhöhte sich von 2,8 Mrd. GB auf rund 4 Mrd. GB. Gleichzeitig wurden jedoch die Reisetätigkeiten massiv eingeschränkt, so dass die dadurch eingesparten Energiemengen weitaus höher lagen als der Anstieg des Stromverbrauchs durch die Technik.“ Die CO2-Einsparung durch Videokonferenzen anstelle von Reisen gibt etwa die die Universität Freiburg nach Leymanns Aussagen mit über 99 Prozent an. Es sei bei der Bewertung der Nachhaltigkeit daher immer das gesamte Öko-System zu betrachten.

Nele Kammlott vom Bundesverband IT-Mittelstand sieht viel Potenzial, das noch nicht voll ausgeschöpft ist. „Es sind aber auch schon Lösungen auf dem Markt. Insbesondere der deutsche IT-Mittelstand schafft praktische Lösungen, um Abwärme sinnvoll zu nutzen, Datenströmen zu optimieren oder Ressourcenbedarfe für Software zu minimieren.“ Dem gegenüber stünden große globale Konzerne, die Lösungen zu „Kampfpreisen“ anbieten könnten, auch weil sie steuerlich und gesellschaftlich nicht dieselbe Verantwortung tragen wie kleine und mittelständische Firmen. Da gebe es eine Ungleichheit, die mögliche Innovationen hemmen könnte.

Dr. Dina Barbian vom eco2050 Institut für Nachhaltigkeit verweist auf die heute kürzeren Nutzungsdauern digitaler Endgeräte. Die Folgen seien ein zunehmender Rohstoffverbrauch und eine zunehmende Generierung von Elektroschrott, der in den wenigsten Fällen recycelt werde. „Viele Stoffe in den digitalen Endgeräten sind sehr wertvoll und sogar als kritisch zu betrachten, denn sie sind nicht-erneuerbar und von großer Bedeutung für die deutsche Wirtschaft.“ Auch sie kritisiert, die große Tech-Konzerne - ihre Dienste seien meistens kostenlos, „gezahlt“ werde mit Daten, die die Grundlage für das Trainieren von Machine-Learning-Modellen sind. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz verursache erneut einen steigenden Energieverbrauch. Es gebe aber auch Tech-Unternehmen, die zeigen, dass durch den Einsatz von IKT sogar Energie und Material eingespart werden könne. Diese hätten bereits Einsparstrategien oder seien sogar klimaneutral.

Aus Sicht von Hendrik Zimmermann von Germanwatch e.V. muss auch mit Blick auf Rebound-Effekte, bei denen mehr Effizient durch noch mehr Verbrauch übertroffen werden, das Prinzip der digitalen Suffizienz gestärkt werden. „Wichtig ist, dass Hersteller Rebound-Effekte schon im Design mitdenken: Produkte müssen langlebig und reparaturfähig sein. Dafür sind eine modulare Bauweise, Austauschmöglichkeiten von Bestandteilen, Ersatzteil-Lieferungen oder Open Source-Baupläne für Ersatzteile wichtig.“ Die Bundesregierung sollte aus seiner Sicht funktionale sowie Sicherheits-Updates vorschreiben und als einzige Alternative die Veröffentlichung von Quellcodes unter freier Lizenz gestatten. Auch Schnittstellen zwischen Geräten, Betriebssystemen und Software sollten obligatorisch werden. Weitere politische Ansätze liegen für Zimmermann in einem Verbot und einer empfindlichen Sanktionierung geplanter Hard- und Software-Obsoleszenzen sowie in der Ausweitung von Garantiezeiten.

Für Sandro Lehmann von PŸUR Business wird die Größenordnung solcher Rebound-Effekte indes deutlich überschätzt. „Die Effizienzgewinne übersteigen den zusätzlichen Energiebedarf für mehr übertragene Bits und Bytes bei weitem. Oder anders gesagt: Es gibt hier keinen linearen Zusammenhang zwischen den übertragenen Bit und der aufgewendeten Energie.“ Betrachte man den Energiebedarf pro übertragener Dateneinheit, dann sinke dieser Wert, je mehr Daten übertragen werden.

Tordis Koch, Nachhaltigkeitskoordinatorin des ZDF, ergänzt, dass Anwendungen zunehmend in große Rechenzentren verlagert werden und so die CO2-Emissionen sinkt. Sogenannte „Hyperscaler bieten ihren Kunden IT-Ressourcen auf Basis des Cloud Computings, die sich in hohem Maß skalieren lassen und somit effizienter arbeiten als kleine und ältere Rechenzentren. Des Weiteren kommen dort fortschrittliche und umweltschonende Kühltechniken zum Einsatz. Bereits heute werden die Rechenzentren in großem Umfang aus erneuerbaren Energien versorgt.“

Für Michael Pausch, Vorsitzender des Kompetenzteams "Nachhaltigkeit in der Programmverbreitung" des ARD-Netzwerks Distribution muss bei der Betrachtung der Nachhaltigkeits-Frage immer die gesamte Distributionskette von der Produktion der Inhalte bis zur Mediennutzung beim Nutzer betrachtet werden. Er sieht beim Thema Nachhaltigkeit Potential für technische Verbesserungen, aber wichtig sei auch die Informations- und Aufklärungsarbeit in Richtung der Nutzer der Medienangebote. „Ziel sollte sein, dass der Nutzer eine Orientierung hat, was sein Verhalten bzgl. Energieverbrauch und Ökobilanz bewirkt.“

Jörg Lorenz, Vorstandsvorsitzender von green with IT Berlin-Brandenburg, unter unterscheidet bei der Bewertung des Nachhaltigkeit von Informations- und Kommunikations-Technik nach green it und green with it. Beide zusammen bewegen den Klimawandel indes dann, wenn regenerative Energien bzw. Einsparungen jeglicher Primärenergie das Ziel ist und zur Anwendung kommt. „Ein "weiter so" wird nicht funktionieren, zumal auch in naher Zukunft der Schmutzfaktor fossiler Energien immer deutlicher wird; gleichzeitig immer mehr fossilfreie Alternativen auf den Markt kommen.“

Prof. Dr. Dr. Ortwin Renn vom Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam bewertet in diesem Sinne auch eine möglichen Energieausweis für Rechenzentren als bloßes Dokument des Ist-Zustandes. „Eine solche Dokumentation ist sicher auch wirkungsvoll, aber ich würde eher ein Nutzungsverbot fossiler Energieträger für Rechenzentren und andere IT Großanlagen vorschlagen. Dadurch werden die Betreiber gezwungen, früher als geplant die Energieversorgung auf erneuerbare Quellen umzustellen.“ Back-up Lösungen oder Notstromaggregate könnten weiterhin mit Gas betrieben werden, aber dieses Gas könne mittelfristig aus grünem Wasserstoff bereit gestellt werden.