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26.07.2021
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DAB+ EMPFANG IN TUNNELN MUSS ERMÖGLICHT WERDEN

Aktuelle Gesetzeslage nicht mehr zeitgemäß

Steffen Meier - Geschäftsbereichsleiter Tunnel, Telematik Autobahn GmbH, Außenstelle Erfurt / Thüringen

Steffen Meier - Geschäftsbereichsleiter Tunnel, Telematik Autobahn GmbH, Außenstelle Erfurt / Thüringen [Quelle: Autobahn GmbH]


"Ganz grundsätzlich ist die Rundfunkversorgung für uns als Tunnelbetreiber ein wichtiger Kommunikationskanal zu den Verkehrsteilnehmern", erklärt Steffen Meier, Geschäftsbereichsleiter Tunnel, Telematik Autobahn GmbH in der Außenstelle Erfurt / Thüringen. Für DAB+ und die Einsprech-Technologie berichtet er im Freistaat von einem Tunnel-Pilotprojekt. Die aktuelle Gesetzeslage sei indes nicht mehr zeitgemäß, denn DAB+ Empfang im Tunnel müsse ermöglicht werden.


Aus welchem Grund ist der Freistaat Thüringen in Bereich der Autobahntunnel und hier in der Einspeisung mit DAB+ so federführend in Deutschland?
Wir haben hier in Thüringen genau 42 Tunnelkilometer entlang der Autobahnen. Im deutschlandweiten Vergleich sind das die meisten Tunnelkilometer für ein Bundesland. Außerdem haben wir durch die Historie recht neue Tunnel, die besonders gut ausgestattet sind. In Thüringen werden derzeit 11 Straßentunnelanlagen betrieben, davon sind 10 Autobahntunnel, die mit zwei Röhren ausgebaut sind. Zehn Tunnel  sind mit DAB+ versorgt – genauer: alle 10 Tunnel sind mit dem MDR Mux (Kanal 8B) und dem ersten Bundesmux (Kanal 5C) versorgt. Gesteuert und überwacht werden alle Thüringer Anlagen  von unserer  Zentralen Betriebsleitstelle am Südportal des Rennsteigtunnels in Zella-Mehlis. Für uns ist derzeit  das „Einsprechen in DAB+“ ein großes Thema, an dem wir noch arbeiten und testen wollen. Zurzeit haben wir lediglich eine Einsprechmöglichkeit in DAB+ im Tunnel „Alte Burg“. Dort haben wir ein Pilotprojekt mit einem Schweizer Unternehmen und einem in Thüringen ansässigen Unternehmen gestartet, mit dem man das Einsprechen im Tunnel überall realisieren könnte. Die technische Realisierung für dieses Pilotprojekt haben wir im Zuge der Sanierung am Tunnel „Alte Burg“ mit durchgeführt und diese Technologie funktioniert sehr gut.


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DIE DOKUMENTATION DIESER FACHDEBATTE

Wie erfolgt die Auswahl der DAB+ Ensembles, und welche Beteiligungsmöglichkeiten gibt es für bundesweite Radioprogramme?
Hier können uns die Veranstalter, zum Beispiel auch die des 2. Bundesmux, als Tunnelbetreiber direkt ansprechen.

Welche Rolle können aus Ihrer Sicht DAB+ Programme und moderne TPEG-Services für die Sicherheit in Tunneln spielen?
Ganz grundsätzlich ist die Rundfunkversorgung für uns als Tunnelbetreiber ein wichtiger Kommunikationskanal zu den Verkehrsteilnehmern. Und gerade TPEG ist vom Funktionsumfang ja wesentlich breiter gefasst als damals noch RDS-TMC und daher ist DAB+ mit seinem TPEG für uns auch ein relativ störungsfreier Kommunikationskanal. Das ist für uns als Betreiber schon sehr wichtig, dass wir die Verkehrsteilnehmer im Tunnel auch unmittelbar und direkt erreichen.

Können Sie ganz konkret beschreiben, was es bedeutet, wenn sich ein Notfall in einem Tunnel ereignet und man gerade DAB+ Radio hört?
Im Fall des Tunnels Alte Burg wird dann das aktuell vom Autofahrer gehörte DAB+ Programm unterbrochen und unsere Einsprache, also zum Beispiel eine Notfalldurchsage, wird eingespielt. Der Autofahrer hört dann unsere Kollegen aus der Leitzentrale, die dann vorgefertigte Texte ganz schnell abspielen können, aber auch aktuell selber einsprechen können. Das hört der Autofahrer also dann direkt über sein DAB+ Radio. Ich sage noch mal ganz klar, dass ist jetzt der allerneuste Stand der Technik, die wir gerade im Tunnel AlteBurg testen. Normalerweise ist es so, dass im Tunneln aber Einsprechsysteme präsent sind, die das DAB+ Signal dann unterdrücken und das Radio wird auf eine UKW-Frequenz umgeschaltet und über diesen UKW-Kanal funktioniert dann die Einsprache. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass das dort eingebaute DAB+ Radio auch eine automatische Umschaltung von UKW auf DAB+ und von DAB+ zurück auf UKW hat. Das große praktische Problem ist, dass die meisten Verkehrsteilnehmer diese automatische Umschaltung ausschalten, weil DAB+ und UKW nicht die gleichen Laufzeiten haben - das heißt, beim Umschalten von analog auf digital hat man oft zeitliche Verzögerungen. Um diesen Effekt nicht zu haben, schalten viele Verkehrsteilnehmer diese Funktion leider aus.

Sind denn bestimmte DAB+ Radiogeräte bereits auffällig geworden, die diese Technik gar nicht erst unterstützen?
Nein, darüber haben wir keine wirkliche Kenntnis. Letztendlich sind auch wir darauf angewiesen, dass sich Verkehrsteilnehmer aktiv dazu melden, wenn bestimmte Geräte nicht funktionieren. Dann schauen wir zunächst bei uns, ob es im Tunnel ein Problem gibt. Doch wenn sich das Problem häufen würde, würden wir dann schon mal in die Tiefe gehen und schauen, ob es an einem bestimmten Radiogeräte-Typ liegt. Das ist uns aber bis jetzt nicht bekannt. Wir haben sogar relativ wenige Beschwerden in Bezug auf den Rundfunk – weder über DAB+ oder UKW.

Wie viele Notfallsituationen gibt es denn in den Tunneln in Thüringen?
Diese Situationen gibt es häufig. Die verschiedenen Einsprechmöglichkeiten, die ich hier gleich im Folgenden noch mal näher erläutere, nutzen die Kollegen der Leitzentrale ganz oft, wenn sie die Verkehrsteilnehmer in der gesamten Tunnelröhre erreichen möchten. Wir haben einmal die Ansprache über unser Rundfunksystem und einmal die Ansprache über unsere Lautsprecheranlage im Tunnel. Die Lautsprecheranlage ist, am Beispiel Tunnel Rennsteig, in Abschnitte von ca. 600 m unterteilt.Die Verkehrsteilnehmer werden auf einen kurzen Abschnitt erreicht. Bei einer Notfalldurchsage über ein Rundfunksystem erreicht man hingegen den gesamten Tunnel und damit alle Verkehrsteilnehmer.  Da kommt es schon sehr oft vor, dass die Kollegen über die Radio-Einsprache die Verkehrsteilnehmer wie folgt informieren. „Achtung, Panne am Ausgang des Tunnels, achten Sie bitte auf die Wechselverkehrszeichen im Tunnel, fahren Sie bitte vorsichtig.“ Wir haben ungefähr 450 Ereignisse pro Jahr in unseren Tunneln, davon rund 300 Pannen. Brände und Unfälle sind zum Glück relativ selten, aber auch Höhenkontrollauslösungen und Falschfahrten passieren ab und an. Da kann man sich ungefähr ausrechnen, dass man fast jeden Tag in die Lautsprecheranlage oder in die Rundfunksprechanlage einspricht.

Wird eine Einsprechmöglichkeit für Notfalldurchsagen in das DAB+ Signal vorgesehen und wer übernimmt dafür die Kosten?
Wir müssen hier unterscheiden zwischen der Rundfunkversorgung und der Einsprechmöglichkeit. In den aktuellen „Empfehlungen für die Ausstattung und den Betrieb von Straßentunneln (EABT)“ wird ab einer Tunnellänge von 400 Metern lediglich die Einspeisung eines UKW-Senders gefordert. Das ist aus unserer Sicht nicht mehr zeitgemäß, wir müssen den DAB+ - Empfang im Tunnel ermöglichen. Die Rundfunksender haben ein Interesse, dass ihr Programm im Tunnel empfangen werden kann. Hier müssen sie sich also an den Kosten beteiligen.

Bei der Einsprechmöglichkeit ist das jedoch anders – schließlich ist es nicht Aufgabe der Rundfunkanstalten, unmittelbar für die Tunnelsicherheit zu sorgen. Deshalb muss nach unserer Auffassung der Tunnelbetreiber die damit verbundenen Kosten tragen.