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23.05.2022
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BAUWIRTSCHAFT MUSS IN VIELEN BEREICHEN UMDENKEN ODER NEU DENKEN

Wie die komplette Transformation der Baubranche gestaltet werden kann

Prof. Dr.-Ing. Patrick Schwerdtner, TU Braunschweig, IBB - Institut für Bauwirtschaft und Baubetrieb

Prof. Dr.-Ing. Patrick Schwerdtner, TU Braunschweig, IBB - Institut für Bauwirtschaft und Baubetrieb [Quelle: IBB ]


Die Bauwirtschaft muss in vielen Bereichen um- bzw. neu denken, damit die Methodik BIM nicht nur theoretisch, sondern vor allem in der Praxis erfolgreich umgesetzt werden kann. Das wird nicht einfach, weiß Prof. Dr.-Ing. Patrick Schwerdtner vom IBB - Institut für Bauwirtschaft und Baubetrieb der TU Braunschweig. Er rechnet mit Umbrüchen in der  gesamten Branche.


Kann nach Ihren Erfahrungen das Building Information Modeling (BIM) die in es gesetzten hohen Erwartungen erfüllen?
Das Image der Bau- und Immobilienwirtschaft ist leider in vielerlei Hinsicht nicht gut. Neben den Verfehlungen der Kosten- und Terminziele bei (öffentlichen) Großprojekten tragen hierzu auch die CO2-Bilanzen von Bauprojekten sowie die ausbleibenden Innovationen im Bereich der Bauverfahren und der Organisation von Bauprojekten in den letzten Jahrzehnten bei. Auf der Suche nach vermeintlich einfachen, schnell umsetzbaren und sofort wirksamen Maßnahmen scheint die Methodik BIM beste Voraussetzungen zu bieten. Der theoretische Nutzen im Falle einer durchgängigen Umsetzung (d. h. phasenübergreifend mit Einbindung von allen relevanten Beteiligten) lässt sich leicht darstellen, während die praktische Umsetzung diverse Herausforderungen bereithält. Insofern dürfen wir bei den Erwartungen nicht (nur) kurzfristig denken, sondern müssen die Nutzung von digitalen Modellen für Planungs-, Kommunikations- und Steuerungsprozesse als eine mittel- bis langfristige Transformation einer ganzen Branche verstehen. Bei einem weiter gespannten zeitlichen Horizont dürfte die Methodik durchaus einen relevanten Beitrag in vielen angesprochenen Problembereichen leisten. Aber eben „nur“ einen Beitrag, denn BIM funktioniert nicht isoliert als „Ein-Knopf-Lösung“. Die Bauwirtschaft muss hierzu in vielen Bereichen umdenken oder neu denken.


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Können mit dem BIM-basierten Bauen relevant Kosten gespart werden?
Zunächst tritt mit BIM das Gegenteil ein: Es wird zu einer Erhöhung der Kosten in den frühen Planungsphasen führen. Neben dem projektspezifischen Aufbau einer prozessorientierten und „BIM-tauglichen“ Organisationsstruktur werden auch planerische Detailfragen tendenziell früher adressiert. Dies wäre jedoch tatsächlich eine begrüßenswerte Entwicklung, sofern dieser Mehraufwand zu einem strukturierteren Planungsprozess sowie zu datenbasierten und verlässlichen Entscheidungen führt. Dann könnten mittels einer besseren Kollaboration der Beteiligten frühzeitig die richtigen Weichen gestellt werden, so dass Optimierungspotenziale besser genutzt und spätere Anpassungen bzw. Änderungen – schlimmstenfalls während der kostenintensiven Bauphase – vermieden werden. Die Problemlösung wird dorthin verlagert, wo sie hingehört: in die Planungsphase. Die Kostenersparnisse ergeben sich dann durch geringere Fehlerkosten sowie eine Minimierung von Ablaufstörungen (Reduzierung zeitabhängiger Kosten). Insofern werden insbesondere nicht-wertschöpfende Tätigkeiten adressiert, die derzeit durchaus einen relevanten Anteil an den Projektkosten ausmachen.

Inwieweit ist das Bauen mit BIM generell umweltfreundlicher als das konventionelle?
Die Implementierung von BIM allein sorgt weder für eine hohe gestalterische Qualität des Entwurfs, noch für eine Optimierung der Nachhaltigkeit. Aber bei der Erstellung eines digitalen Zwillings können bauteilspezifische Parameter je nach den Projektzielen definiert und im Modell gespeichert werden, beispielsweise die materialbezogenen CO2-Emissionen für eine Innenwand. Sofern dies für sämtliche (relevanten) Bauteile durchgeführt wird, kann eine Planung nach diesen Kriterien ausgewertet und die Vorteile einer Planungsvariante (z. B. nach Änderung tragender Bauteile) datenbasiert beurteilt werden. Die Methodik erlaubt insofern die zielorientierte und transparente Optimierung eines Entwurfs, sofern die gewünschten Parameter valide quantifiziert werden können.

Welche Hindernisse stehen BIM noch im Wege und an welchen Stellschrauben müssen die Akteure auf allen Ebenen noch drehen?
Als wichtigster Baustein für den Erfolg von BIM ist die Standardisierung auf den Ebenen von Prozessen, Datenaustauschformaten und organisatorischen Fragen zu nennen. Gerade die Implementierung dieser Voraussetzungen fällt uns in der Bau- und Immobilienwirtschaft mit ihrem Unikat-Denken, der atomisierten Unternehmensstruktur und dem kulturellen Selbstverständnis einer Trennung von Planung und Ausführung besonders schwer. Es wird daher weiterhin zunächst viele erfolgreiche Insellösungen großer Player oder einzelner Projekte geben, die dann hoffentlich eine Vorbild- und Sogwirkung für die Breite entfalten. Dies gilt auch im Hinblick auf alternative Projektabwicklungsmodelle. Hierbei muss auch beobachtet werden, ob Unterschiede bei der Transformation kleiner und mittlerer Unternehmen im Vergleich zu größeren Organisationen bestehen oder es zu (ungewollten) Marktkonzentrationen kommt – bei Planungsbüros und ausführenden Unternehmen gleichermaßen. Denn BIM erfordert, neben technischem Know-how, auch organisatorische Umstellungen und wird demzufolge zukünftig die Marktstrukturen in der Bau- und Immobilienwirtschaft beeinflussen.