Die zunehmende Digitalisierung und neue Technologien wie KI machen das Arbeitsleben immer effizienten. Manches macht das einfacher, aber es sorgt oft auch für Stress. Nach einer aktuellen Untersuchung leidet fast die Hälfte der Befragten unter Digitalem Stress. „Heute ist es vielerorts zur Norm geworden, digitale Nachrichten innerhalb weniger Minuten zu beantworten – unabhängig davon, welches Kommunikationstool gerade genutzt wird“, erklärt von der Berner Fachhochschule. Parallel dazu sei die Anzahl digitaler Kanäle exponentiell gestiegen: E-Mails, Messenger-Dienste, Foren und Push-Benachrichtigungen haben den Informationsfluss massiv erhöht. Permanente Informationsflut, die ständige Erreichbarkeit sowie die häufigen Unterbrechungen durch digitale Kommunikationsmittel können aus ihrer Sich kognitive Überlastung, Kontrollverlust und Erschöpfung hervorrufen und die Arbeitsleistung sowie das Wohlbefinden beeinträchtigen. Das sei die aktuelle Realität – und eine kurzfristige Umkehr ist nicht zu erwarten.
Max Arnold von der Schweizerischen Gesellschaft für Arbeits- und Organisationspsychologie sieht die Führungskräfte in der Pflicht“ „Wer Verantwortung trägt, muss den Mut haben, bewusst Räume für Erholung zu schaffen.“ Dazu gehören für Arnold klare Regeln zur Erreichbarkeit, eine realistische E-Mail- und Meetingkultur sowie die Vorbildfunktion von Vorgesetzten. Man sehe immer wieder: Mitarbeitende orientieren sich daran, was ihre Chefin oder ihr Chef vorlebt. Wer nachts oder am Wochenende Mails schreibt, sendet ein klares Signal – auch ohne Worte.
Prof. Dr. Tabea Scheel von der Europa-Universität Flensburg spricht von Erreichbarkeitskulturen. Hinter diesen stünden unausgesprochene Erwartungen stehen, wie implizite Loyalitätstests. „Durch die Reflektion dieser Erwartungen kann man sich auf Regeln für Nicht-Erreichbarkeit einigen, so dass keine Schuldgefühle oder Ängste ausgelöst werden, wenn man außerhalb der Arbeitszeit nicht reagiert.“
Berater Dr. David Bausch von Digi2place sieht drei Hebel für eine partizipativ entwickelte digitale Zusammenarbeitsvereinbarung: Radikale Reduktion von Komplexität mit weniger Tools, klar definierten Kommunikationsregeln und bewussten Entscheidungen darüber, welcher Kanal wofür genutzt wird. Klare Grenzen statt permanenter Verfügbarkeit, denn wer immer erreichbar ist,arbeitet nicht besser, sondern oftmals sogar ineffizienter. Und entscheidend, Führung: „Führungskräfte prägen den Umgang mit digitalen Technologien ... Kultur entsteht nicht durch Leitbilder, sondern durch Verhalten.“
Karriereberaterin Dagmar Florea Gründerin lenkt den Blick auf jeden einzelnen und betont die Bedeutung der inneren Widerstandskraft – der Resilienz. Sie nennt sieben Resilienzfaktoren: Lösungsorientierung, Optimismus, Opferrolle verlassen, Verantwortung übernehmen, Akzeptanz, Netzwerkorientierung sowie Zukunfts- und Zielorientierung. Man müsse lernen, Verantwortung für die eigenen Grenzen zu übernehmen und achtsamer mit eigenen Ressourcen umzugehen, so könne man dem digitalen Stress von innen heraus begegnen. „Es geht darum, bewusst Pausen zu setzen und zu akzeptieren, dass wir nicht immer auf alles sofort reagieren müssen.“
Drei zentrale Felder sieht Sandy Jahn von der Initiative D21 in diesem Zusammenhang. Man müss sich selbst Zeit geben, denn digitale Kompetenzen wachsen durch Erfahrung. Mann müsse Erfolgserlebnisse ermöglichen, denn das Gefühl, ein digitales Problem selbst gelöst zu haben, stärke Selbstvertrauen und Motivation. Und sie ist dafür Vergleiche kritisch reflektieren. „Digitalisierung muss kein Wettlauf sein. Sie darf auch einfach praktisch, hilfreich und menschlich bleiben.“
Sven Steffes-Holländer, Ärztlicher Direktor der Heiligenfeld Kliniken fordert klare rechtliche Rahmenbedingungn, namentlich ein gesetzlich verankertes Recht auf Nichterreichbarkeit - nicht als symbolischer Akt, sondern als konkreter Schutzraum im Arbeitsalltag. Darüber hinaus brauche es eine verpflichtende digitale Gefährdungsbeurteilung: Werden Tools überforderungsfrei eingeführt? Gibt es Regeln zur Erreichbarkeit? Wie viele Plattformen sind parallel im Einsatz? Wie werden psychische Belastungen im Homeoffice erfasst? „Das Arbeitszeitgesetz muss an die digitale Realität angepasst werden mit Schutzvorgaben für mentale Ruhezeiten, für konzentriertes Arbeiten und gegen die Entgrenzung des Arbeitstages.“



