Nach einer aktuellen Untersuchung empfinden viele Erwerbstätige digitalen Stress – etwa durch ständige Erreichbarkeit und Erwartungsdruck. Wie lässt sich dem vorbeugen?
In meiner Zeit in der IT-Branche – bei Unternehmen wie Cisco und Dell – habe ich selbst hautnah erlebt, wie massiv der Druck durch ständige Erreichbarkeit sein kann. Die Taktung ist enorm, und die Erwartungshaltung, immer „on“ zu sein, führt bei vielen Erwerbstätigen zu Erschöpfung. Laut einer aktuellen Slack-Studie erleben knapp die Hälfte der Befragten (48 Prozent) mindestens einmal pro Woche digitalen Stress, fast jeder Zehnte sogar täglich [1].
Die Lösung liegt meiner Erfahrung nach aber nicht in noch mehr Zeitmanagement-Tools oder der nächsten Produktivitäts-App. Was wir wirklich brauchen, ist eine Stärkung unserer inneren Widerstandskraft – der Resilienz. Als Resilienztrainerin arbeite ich sehr gerne mit dem LOOVANZ-Konzept. Das steht für sieben Resilienzfaktoren: Lösungsorientierung, Optimismus, Opferrolle verlassen, Verantwortung übernehmen, Akzeptanz, Netzwerkorientierung sowie Zukunfts- und Zielorientierung [2].
Wenn wir lernen, Verantwortung für unsere eigenen Grenzen zu übernehmen und achtsamer mit unseren Ressourcen umzugehen, können wir dem digitalen Stress von innen heraus begegnen. Es geht darum, bewusst Pausen zu setzen und zu akzeptieren, dass wir nicht immer auf alles sofort reagieren müssen.
Als Problem wird auch die mangelnde Benutzerfreundlichkeit digitaler Tools empfunden – was lässt sich dagegen unternehmen?
Das ist ein wichtiger Punkt, der oft unterschätzt wird. Wenn Tools nicht intuitiv sind, kosten sie nicht nur Zeit, sondern rauben uns vor allem Energie. Auch hier hilft ein Blick auf die innere Haltung. Im Rahmen der Inner Development Goals (IDGs) – einem Rahmenwerk, das innere Fähigkeiten beschreibt, die wir für komplexe Herausforderungen brauchen – gibt es die Dimension „Denken“ und „Zusammenarbeit“ [3].
Anstatt uns in die Opferrolle drängen zu lassen („Das Tool funktioniert schon wieder nicht“), können wir die LOOVANZ-Faktoren Lösungsorientierung und Verantwortung aktivieren. Das bedeutet konkret: Wir gehen in den aktiven Dialog mit den IT-Verantwortlichen oder Tool-Anbietern in unserem Unternehmen. Wir nutzen unsere Netzwerkorientierung, um uns mit Kollegen auszutauschen – oft hat jemand anderes schon einen guten Workaround gefunden.
Auf organisationaler Ebene müssen Führungskräfte hier eine wertschätzende Kultur schaffen, in der Feedback zu unpraktischen Tools gehört und ernst genommen wird. Das fördert nicht nur die organisationale Resilienz, sondern auch das Wohlbefinden der Mitarbeitenden.
Welche zusätzlichen Stresspotenziale sehen Sie durch neue KI-Anwendungen kommen – oder wie kann KI vielleicht helfen, digitalen Stress zu vermindern?
KI ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits kann die rasante Entwicklung Ängste auslösen: Die Sorge, nicht mehr mitzukommen oder gar ersetzt zu werden, erzeugt massiven Druck. Andererseits bietet KI ein enormes Potenzial zur Entlastung.
Mein Tipp: Nutzen Sie KI ganz gezielt als persönlichen Assistenten für die Routineaufgaben, die Sie am meisten stressen. Lassen Sie sich von KI E-Mail-Verläufe zusammenfassen, wenn Sie aus dem Urlaub kommen, oder erste Entwürfe für Konzepte schreiben. Die Slack-Studie zeigt, dass 25 Prozent der Befragten genau hier Potenzial zur Stressreduktion sehen.
Wichtig ist dabei die innere Haltung, die wir in der IDG-Dimension „Sein“ (Beziehung zu sich selbst) kultivieren: Wir sollten KI mit Neugier und Offenheit begegnen, statt mit Abwehr. Wenn wir KI nutzen, um repetitive Aufgaben auszulagern, schaffen wir wieder Raum für das, was uns Menschen ausmacht: Empathie, kreative Problemlösung und echte Beziehungsarbeit – Fähigkeiten, die im Vertrieb und in Führungspositionen ohnehin den wahren Unterschied machen.
Sie betrachten Resilienz auch aus wissenschaftlicher Sicht mit praktischen Methoden. Welche Sichtweisen gibt es hier, die uns besonders wirksam durch den digitalen Alltag führen?
Aus einer übergeordneten Perspektive ist für mich das Sustainable Development Goal (SDG) Nummer 3 der Vereinten Nationen zentral: „Gesundheit und Wohlergehen“ [4]. Digitaler Stress ist längst keine reine Befindlichkeitsstörung mehr, sondern ein echtes Gesundheitsrisiko für unsere Gesellschaft. Auch SDG 8, das sich für „Menschenwürdige Arbeit“ einsetzt, ist hier hochrelevant [5].
Um diese globalen Ziele im digitalen Alltag umzusetzen, brauchen wir fundierte, praktische Methoden. Das LOOVANZ-Konzept bietet hier einen hervorragenden wissenschaftlich fundierten Rahmen. Es zeigt uns, dass Resilienz keine angeborene Eigenschaft ist, die man hat oder eben nicht, sondern wie ein Muskel trainiert werden kann.
Besonders wirksam im digitalen Alltag ist die Kombination aus Akzeptanz (wir können die Digitalisierung nicht aufhalten) und Lösungsorientierung (wir können gestalten, wie wir damit umgehen). Wenn wir diese innere Stärke aufbauen – ganz im Sinne der Inner Development Goals –, schaffen wir eine nachhaltige Basis, um nicht nur im Job zu bestehen, sondern berufliche Umbruchphasen und die digitale Transformation aktiv und gesund zu gestalten.
Quellen und Referenzen
[1] Salesforce (2025): Slack Studie: 48 Prozent der Befragten leiden unter digitalem Stress im Büro. URL: https://www.salesforce.com/de/news/slack-studie-48-prozent-der-befragten-leiden-unter-digitalem-stress-im-buero/
[2] Deutsche Gesellschaft für Prävention und Gesundheitsförderung: LOOVANZ-Resilienztraining (10x90min) — §20. URL: https://dg-pg.de/information/resilienz/loovanz-resilienztraining-10x90min-%C2%A720/
[3] DG HochN-Wiki: Inner Development Goals. URL: https://wiki.dg-hochn.de/wiki/Inner_Development_Goals
[4] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: SDG 3: Gesundheit und Wohlergehen. URL: https://www.bmz.de/de/agenda-2030/sdg-3
[5] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: SDG 8: Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum. URL: https://www.bmz.de/de/agenda-2030/sdg-8