Ein neuer Hype im Blockchain-Universum: NFT-zertifizierte digitale Kunstwerke erzielen Millionen-Erlöse. Denn diese Non-fungible Tokens (NFT) können digitale Werke als einzigartig zertifizieren. Damit lassen sich digitale Kunstwerke wie in der echten Welt als Unikate vermarkten. Das betrifft nicht nur moderne Werke der Bildenden Kunst, sondern auch Videos oder Musik - zuletzt hat auch Twitter-Gründer Jack Dorsey seinen ersten Tweet als digitales Sammler-Unikat versteigert. Ein digitales Artefakt, das sich eigentlich beliebig reproduzieren lässt.
Marcel Noack, Bundesvorstand des Bund Bildender Künstler*innen ist klar, dass sich alle Kunstwerke reproduzieren lassen und digitale ihrem Wesen nach dazu auch noch einfacher und schneller. Die Frage ist für aber: „Was ist das Ursprungskunstwerk?“ Als nennt er Leonardo da Vincis die Mona Lisa. Als Reproduktion – schlechten wie sehr guten – finde das sich in zahlreichen Wohnungen auf der ganzen Welt wieder. Und natürlich könne die Reproduktion weiterverkauft werden, der Erlös liege aber wohl kaum über dem Anschaffungswert. Anders sehe es da bei dem Original im Louvre aus. „Die Originale sind es, die für den Kunstmarkt relevant sind.“
Auch für Prof. Wolfgang Prinz vom Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik (FIT) ist die Reproduktionsdiskussion nicht neu. Er verweist darauf, dass diese bereits 1936 von Walter Benjamin in "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" thematisiert wurde. „NFTs bieten keinen Kopierschutz und fast alle Versuche digitale Kunst per Kopierschutz (DRM) zu schützen, scheitern an der Kreativität Anderer diesen zu umgehen.“ Mit der Idee, digitale Kunst per NFT wieder eineindeutig identifizierbar und als Token besitzbar zu machen, werde indes ein neuer Weg zur Monetarisierung von Kunst geschaffen, ohne deren Nutzung zu beschränken.
Für Nicole Ströll, Geschäftsleiterin von ART VON WERT ist das Verlangen des Kunstmarkts nach Einzigartigkeit ist so groß, dass die NFTs quasi wie eine Erlösung gefeiert würden, da nun endlich wieder das Original eine Bedeutung erlange. Dies sei seit der Frühen Neuzeit ein Kriterium für die Beurteilung von Kunst, wenn nicht sogar das Kriterium schlechthin. Und nun „bekommt der Sammler sein Original und gleichzeitig existiert das Werk in vielfacher Weise weiter und das ist auch so gewollt, da das Werk dadurch höhere Bekanntheit erlangt.“ Da aber nur einer das Original besitze, werde eine Verknappung generiert, was wiederum die Preise steigen lasse. Und darum gehe es letztendlich.
Für Carolin Wend, COO von Mintbase, ist die NFT-Technologie die nächste Evolution des Internets. „Momentan werden NFTs hauptsächlich als Kunststücke verkauft, aber die Technologie kann weitaus mehr und bezieht sich auf alles, was digital existiert wie Musik, Tickets, Abos, Games usw.“ Tatsächlich ist auch John Ruhrmann, Managing Director und Co-Founder der Bookwire GmbH, die Audio und Text im Fokus hat, davon überzeugt, "dass wir uns heute an der Schwelle zu einer neuen Definition der Begriffe "Kunstwerk” und "Original" befinden." Wo man im Digitalen eine scheinbar unbegrenzte Verfügbarkeit erlebe, wachse zugleich die Sehnsucht nach dem einzigartigen Original. Dieses Bedürfnis nach dem Besitz des Einmaligen, das sich von allem anderen abhebe, sei zutiefst menschlich und schwer abzulegen. „Als Widerpart der Sharing-Kultur entsteht mit den NFTs nun das digitale Original.“
„Der klassische Kunstmarkt, wie wir ihn kennen, ist recht konservativ“, gibt Joergen Golz, Messedirektor der Discovery Art Fair zu bedenken. Im Vergleich zu anderen Märkten verändere er sich nur sehr langsam, insbesondere was die Digitalisierung betreffe. Medial würden digitale Plattformen, virtuelle Kunstmessen und Online-Verkäufe zwar gefeiert, aber gegenüber realen Präsentationsformen mache dieser Bereich einen recht kleinen Anteil aus. Daher werde es sicherlich für eine Überführung des Kunstmarktes in eine digitale Zukunft nicht ausreichen, in dieser Marktnische eine Blockchain-Technologie einzuführen, um Werke zu authentifizieren. „Wenn die NFT-Zertifizierung aber dazu führt, den kleinen Teil von Kunstmarkt-Akteuren, um neue Teilnehmer, vor allem um neue, jüngere Zielgruppen, zu erweitern, ist dies absolut begrüßenswert.“
Die Kunstexpertin Anna Maria Loffredo vermutet, dass zwei große Märkte oder mehrere Teilmärkte entstehen, weil allein die Expertisen im Kauf und Verkauf auch recht unterschiedlichen Anforderungen zu genügen hätten. „Grundsätzlich finde ich gut, wenn eingeschliffene Systeme mal ordentlich durchgerüttelt werden. Dann beginnt man sich neu aufzustellen und was das am Ende wird, können wir alle noch gar nicht absehen.“



