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Interview11.07.2022

Über neue Therapien und das Recht auf Nichtwissen

Wie die individualisierte Medizin gerecht umgesetzt werden kann

Jennifer Debarry, Koordinatorin des Centre for Individualised Infection Medicine (CiiM) in Hannover Quelle: Tom Figiel Jennifer Debarry Koordinatorin Centre for Individualised Infection Medicine (CiiM)
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Uwe Rempe
Freier Journalist
Meinungsbarometer.info
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Jennifer Debarry, Koordinatorin des Centre for Individualised Infection Medicine (CiiM) in Hannover, ist sich sicher, dass viele Krankheiten mittels personalisierter Medizin besser therapiert werden können. Das reiche weit über die derzeit in Forschung und Therapie führende Onkologie hinaus. Es gebe freilich noch eine Reihe zu klärender Fragen.





Was kann personalisierte Medizin, was die etablierte Schulmedizin nicht leistet?
Die Medizin ist aufgrund ihrer Natur schon immer eine sehr persönliche und auch personalisierte Angelegenheit. Bereits Hippokrates (460-370 v. Chr.) sagte: „Es ist wichtiger zu wissen, welche Person eine Krankheit hat, als welche Krankheit eine Person hat.“ In Behandlungsempfehlungen fließt in unterschiedlichem Maße auch die persönliche Betrachtung der Betroffenen und ihrer Lebensumstände ein. Moderne Technologien erlauben uns eine zunehmend personalisierte Medizin, indem wir diese Betrachtung systematisieren und evidenzbasierte Schlussfolgerungen für die Behandlung ziehen. Somit sehe ich keine Abgrenzung zwischen Schulmedizin und personalisierter Medizin, sondern eher eine Entwicklung aus der Schulmedizin heraus. Basierend auf den Erkenntnissen der Forschung werden wir die Frage nach der richtigen Behandlung mit der passenden Dosierung zur rechten Zeit und Dauer zunehmend individuell betrachten können.

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Welche Neuerungen sind in diesem Bereich kurz- und mittelfristig zu erwarten?
Der Ansatz der personalisierten Medizin ist derzeit vor allem in der Onkologie zu finden. In den kommenden Jahren erwarte ich aber eine zunehmende Anwendung in anderen Indikationsgebieten wie der Infektionsmedizin, mit der wir uns am Zentrum für Individualisierte Infektionsmedizin (CiiM) in Hannover beschäftigen. Kurzfristig wird die Forschung in diesem Bereich Faktoren, sogenannte Biomarker, identifizieren, welche eine individuelle Abschätzung des Krankheitsrisikos bzw. -verlaufs und des Therapieerfolgs erlauben. Dies wiederum ermöglicht eine gezielte Prävention, denkbar wäre eine therapeutische Prophylaxe bei erhöhtem Risiko einer Erkrankung und individuelles Patientenmanagement, z.B. anhand eines angepassten Überwachungsschemas und einer angepassten Therapiedauer. Die Entwicklung von tatsächlich maßgeschneiderten Medikamenten erfordert weitergehende Studien, wird aber mittelfristig ebenso zu erwarten sein.

Inwieweit ist das Thema personalisierte Medizin adäquater Fachaufsicht und Regulierung unterworfen?
Wie alle Neuerungen in der Medizin unterliegen auch die aus dem Gedanken der personalisierten Medizin resultierenden Anpassungen den gängigen Fachaufsichten und Regulierungen. Für wichtiger erachte ich die Frage, wie die Einführung einer personalisierten Medizin gerecht erfolgen kann. Wie können wir sicherstellen, dass die notwendigen Technologien allen Patienten und Patientinnen zur Verfügung stehen? Und wie erreichen wir, dass das stetig zunehmende Wissen für jede und jeden Einzelnen umfassend eingesetzt wird? Konträr hierzu müssen wir aber auch die Frage stellen, wie ein Recht auf Nichtwissen umgesetzt werden kann. Nicht jede oder jeder möchte ein potenzielles Krankheitsrisiko kennen, das sich bspw. aus einer Genanalyse ergibt. Für all diese Fragen braucht es aus meiner Sicht gesellschaftliche Diskussionen und begleitende Forschung und letzten Endes eine Einigung auf klare Regelungen.

Wie viel Digitalisierung erwartet uns in naher Zukunft im Gesundheitswesen, wie gläsern werden Patienten, wie steht es um den Datenschutz?
Natürlich hält die Digitalisierung auch im Gesundheitswesen zunehmend Einzug. Wir versprechen uns dadurch auch zusätzliche Möglichkeiten in der personalisierten Medizin. So werden schon heute mit wearables oder Gesundheits-Apps zahlreiche Gesundheitsdaten erfasst. Die Einbeziehung dieser Daten in die Diagnosestellung, aber auch im Sinne einer tatsächlichen Echtzeit-Überwachung werden ausgelotet und sind in naher Zukunft zu erwarten. Somit sind der gläserne Patient und der Datenschutz sehr wichtige Themen, denen wir uns bereits heute widmen.

Treibt die erwartete rasante Innovationsgeschwindigkeit nicht einen ständigen Technologiewechsel und damit die akute Ressourcenverschwendung an?
Das sehe ich nicht so. Neuartige und damit kosten- und ressourcenintensive Technologien kommen zumeist erst in der Forschung zum Einsatz. Bis zur tatsächlichen Anwendung z.B. in der Diagnose hat die Optimierung der Technologie oft bereits die Kosten- und Ressourceneffizienz gesteigert. Darüber hinaus bin ich der Überzeugung, dass die personalisierte Medizin, die erst durch die neuen Technologien ermöglicht wird, auf lange Sicht zu deutlich weniger Sekundärkosten führen wird. So werden verbesserte Präventionsmaßnahmen Behandlungskosten senken, schnellere und spezifischere Diagnostik Behandlungszeiträume verkürzen und optimierte Therapien Nebenwirkungen und Langzeitfolgen verringern und in Summe die Lebensqualität steigern.

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