Ja, man kann in der durchdigitalisierten Arbeitswelt mit ihren hohen Anforderungen an Physis und Psyche gesund bleiben, sich Resilienz gegen überbordende Ansprüche erarbeiten. So das Fazit der Fachdebatte auf Meinungsbarometer.info. Das klappt nach Meinung der Debattenteilnehmer nur, wenn alle beteiligten Seiten an einem Strang in dieselbe Richtung ziehen und letztlich alle Aspekte des Problems bedacht werden.
Die Schere zwischen hochspezialisierte Tätigkeiten und einfacher Clickarbeit durch die Digitalisierung kann bei den Beschäftigten Stress auslösen und damit einhergehend weitere körperliche Beschwerden hervorrufen, weiß Esin Taskan von der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie. Möglichen Beanspruchungsfolgen hält man am besten durch klare Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben stand. Das gelte auch für das Arbeiten im Homeoffice.
Bei der Digitalarbeit bestehe immer das Risiko, sich zu wenig zu bewegen und die Entgrenzung von der Arbeit zu vernachlässigen, so Christian Friedrich, Geschäftsführer der Haufe Akademie. Vor allem die Arbeitgeber:innen seien gefordert, „ihre Beschäftigten zu befähigen, das Thema Gesundheitsprävention ernst zu nehmen, den Rechner nach Ende der regulären Arbeitszeit auch wirklich herunterzufahren und regelmäßig aktive Pausen einzulegen“. Zudem sollten sie sie bei der ergonomischen Gestaltung des Homeoffice unterstützen.
Dem stimmt auch Györgyi Bereczky-Löchli vom BKK Dachverband zu: „Arbeitgeber sind verpflichtet, eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen und Maßnahmen abzuleiten, die hier erkannte Risiken abwendet.“ Im Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung und Prävention könnten sowohl verhaltens- als auch verhältnispräventive Maßnahmen dabei unterstützen, die Resilienz der Beschäftigten zu stärken.
"Die Gestaltung von Arbeitsplätzen, Arbeitsinhalten und Arbeitsabläufen spielt für das Wohlbefinden in der Arbeit eine zentrale Rolle", sagt Hinrich Gehrken vom Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen (SOFI). Das entsprechende Betriebliche Gesundheitsmanagement müsse sich der schwierigen Aufgabe annehmen, einerseits „groß“ zu denken, also Organisations- und Techniknutzungsprozesse mitzugestalten. Anderseits müsse es auch „im Kleinen“ in der Lage sein, auf die teilweise komplexen persönlichen Problemkonstellationen der Beschäftigten eingehen zu können.
„Arbeitgeber sollten frühzeitig und proaktiv typische Gefahren digitaler Veränderungen thematisieren und unter Einbindung der Beschäftigten partizipativ Lösungen entwickeln“, rät auf Grund eigener Studien Prof. Dr. Susanne Völter-Mahlknecht, Direktorin des Instituts für Arbeitsmedizin an der Charité in Berlin. Resilienz könne unter anderem dadurch gestärkt werden, „dass in Form einer partizipativen Chancen- und Risikenabwägung mehr Bewusstsein dafür geschaffen wird, inwiefern bestimmte Chancen auch mit gesundheitlichen Gefahren einhergehen können“. Bei der Frage der Resilienz könne der Fokus nicht nur auf der Verantwortung des Einzelnen liegen, sondern auch eine mögliche Gruppendynamik berücksichtigen.
„Die gesundheitliche Gefährdung, die durch den üblich gewordenen Einsatz digitaler Systeme in der Arbeitswelt entsteht, ist ein Mangel an mentaler und damit auch physiologischer Erholung“, betont Prof. Dr. Jessica Lang, Leiterin des Lehr- und Forschungsgebiets Betriebliche Gesundheitspsychologie an der RWTH Aachen University und Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin. Ein gutes Zeitmanagement könne zu einer Entlastung führen und für das Arbeiten unter erhöhtem Zeitdruck aufgrund von Multitasking seien auch Stressmanagementtechniken hilfreich.
„Arbeiten in einer digitalen Welt funktioniert nur dann, wenn wir sie von den Ressourcen aus denken und so neu und anders gestalten, anstatt digitale Elemente noch obendrauf zu packen.“ Denn „mehr“ ist zuerst immer eine Anforderung. Jedoch bietet ein „anders“ das Potenzial, neue Zielgruppen zu erreichen, Freiheiten zu gewähren und die Work-Life Balance zu stärken, so Dr. Lutz Goertz und Katja Buntins vom mmb Institut – Gesellschaft für Medien- und Kompetenzforschung in Essen.
„Digitale Anwendungen werden oft technikzentriert geplant. Die Projektergebnisse zeigen jedoch, dass man dabei stärker mitarbeiterorientiert vorgehen muss“, betont Dr. Jürgen Peter, Vorstandsvorsitzender der AOK - Die Gesundheitskasse für Niedersachsen. Da die Beschäftigten der entscheidende Faktor für den Erfolg von Digitalisierungsmaßnahmen seien, müsse der Arbeitgeber darauf achten, die Digitalisierungsprozesse gesundheitsgerecht zu gestalten. In diese Kerbe schlägt auch Ingrid Reifinger vom Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB). Technisch Machbares dürfe nicht als Maß für die Gestaltung von Arbeitsplätzen und den Aufgabenzuschnitt herangezogen werden. Neue Technologien und Arbeitsplätze müssten in Hinblick auf gesundheitlichen Belastungen evaluiert und angepasst werden.
Resilienz in Sachen digitale Beanspruchung könne man am besten aufbauen, indem man sich „möglichst zusammen mit den Vorgesetzten und Kollegen Resiliennzrituale aneignet, die Stress- und Copingtechniken beinhalten“, sagt Dr. Gerhard Westermayer, Mitglied des Vorstands im Bundesverband Betriebliches Gesundheitsmanagement (BBGM). „Einmal pro Woche sich in Teammeetings über die damit gemachten Erfahrungen austauschen, kann sehr hilfreich sein.“
„Die Literatur und unsere eigenen Daten zeigen, dass der digitale Wandel und das Mehr an flexibler Arbeit auch gesünder und leistungsfähiger machen kann“, berichtet Dr. Ulrike Körner, Arbeitspsychologin im Bereich Personal der Barmer-Hauptverwaltung. Voraussetzung dafür sei ein gesundes Gleichgewicht zwischen qualitativen und quantitativen Arbeitsanforderungen und Ressourcen. „Anforderungen wie Zeitdruck, Multitasking, Informationsüberflutung, Erreichbarkeit und Eingebundenheit müssen sich also mit Ressourcen wie Erholung, Abgrenzung, Handlungsspielraum und Autonomie die Waage halten.“



