MEINUNGSBAROMETER.INFO

DIGITALISIERUNG

DAS FACHDEBATTENPORTAL

Für Entscheider aus Politik, Wirtschaft, Medien & Gesellschaft


schliessen

Bitte hier einloggen:

Login

Passwort vergessen?
 
23.05.2022
Kopieren und anderweitige Vervielfältigungen sind nicht erlaubt.

LEBENSHILFE FORDERT PAUSCHALE FÜR DIE AUSSTATTUNG MIT DIGITALER HARDWARE

Wie Inklusion in der digitalen Transformation gelingen kann

Ulla Schmidt - Bundesvorsitzende, Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V.

Ulla Schmidt - Bundesvorsitzende, Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V. [Quelle: Ulla Schmidt]


"Für das Gelingen von echter Teilhabe braucht es bessere Rahmenbedingungen", sagt Ulla Schmidt von der Bundesvereinigung Lebenshilfe. Die Bundesministerin a.D. berichtet von vielen Initiativen, die auch die Digitalisierung und Technlogieentwicklung fördern und betont: "Inklusion bekommen wir nicht nicht zum Nulltarif." Die Lebenshilfe fordert daher auch eine Pauschale für die Ausstattung mit erforderlicher Hardware für die Menschen mit einer geistigen oder einer mehrfachen Behinderung, die auf  Grundsicherung angewiesen sind.


Was bedeutet für Menschen mit einer körperlichen, sozialen oder geistigen Einschränkung gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben?
Menschen mit Behinderung und ihre Familien brauchen vielfältige und umfassende Unterstützung, die ihre behinderungsbedingten Nachteile ausgleichen. Das beginnt bei der Frühförderung und geht weiter mit Angeboten in Kita und Schule, beim Wohnen, am Arbeitsplatz, in der Freizeit und Gesundheitsversorgung. Auch finanzielle Hilfen sind notwendig. Darüber hinaus ist es immens wichtig, dass sich Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen willkommen fühlen. Dass die Gesellschaft niemanden ausschließt, dass jede und jeder von Anfang an und in allen Lebensbereichen gleichberechtigt teilhaben kann. Das ist Inklusion. Auf dem Weg hin zu einer inklusiven Gesellschaft sind wir schon ein gutes Stück vorangekommen, aber es gibt immer noch viel zu tun.


Jetzt bestellen!

DIE DOKUMENTATION DIESER FACHDEBATTE

Sind technische Neuerungen der Königsweg in Sachen Teilhabe? Oder können sich technische Lösungen auch als Inklusionshindernis erweisen?
Neue Technik ist sicher nicht die Lösung für jedes Problem, aber auf jeden Fall für viele Menschen mit Beeinträchtigung enorm hilfreich. Zum Beispiel bei der Kommunikation. Wer sich nur schwer oder gar nicht mit Sprache verständlich machen kann, hat die Möglichkeit, sich dank moderner Technik anderen Menschen mitteilen zu können. Etwa mit einem sogenannten Talker, der durch Anklicken von Symbolen Sprache erzeugt. Damit können Menschen gerade mit schwerer und mehrfacher Behinderung anderen Menschen gegenüber ihre Wünsche und Entscheidungen mitteilen. Und zwar so, dass es jeder verstehen kann, was bei anderen Formen unterstützter Kommunikation wie Gebärdensprache und Symbolen nicht so ist. Hilfreich kann auch die EiS-App sein: Eine inklusive Sprachlern-App für Gebärdensprache und ein digitales Wörterbuch. Im Rahmen des Digitalen Gesundheitspreises 2022 von Novartis bin ich als Lebenshilfe-Bundesvorsitzende Schirmherrin des Sonderpreises „#Teilhabe durch Digitalisierung", und die EiS-App gehört zu den Nominierten für diesen Sonderpreis.

In der Corona-Zeit war die digitale Teilhabe für alle Menschen besonders wichtig, also auch für Menschen mit Behinderung – somit kann es tatsächlich zum Ausschluss von Menschen kommen, die nicht daran teilhaben können. Daher haben wir zum Beispiel die Informationen digital in Leichter Sprache zur Verfügung gestellt. Und auch für Menschen mit geistiger Behinderung haben wir als Lebenshilfe Videokonferenzen für den gegenseitigen Austausch angeboten.

Welche Erfahrungen hat ganz speziell die Lebenshilfe und ihre Mitglieder in den vergangenen zwei Jahren mit technischen Innovationen machen können?
Durch die Corona-Pandemie hat sich ein Großteil des gesellschaftlichen Lebens in den digitalen Raum verlagert. Viele Menschen beziehen Informationen aus dem Internet, auch Kommunikation und Bildung finden häufig online statt. Es ist für mich sehr beeindruckend, wenn ich Menschen geistiger Beeinträchtigung, unsere Selbstvertreter*innen und im Vorstand und in den weiteren Gremien der Lebenshilfe, in Video-Konferenzen erlebe. Mit Unterstützung ihrer Assistent*innen sind sie sehr schnell mit der digitalen Technik zurechtgekommen. Allerdings sind noch viel zu viele Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung von digitaler Teilhabe ausgeschlossen, da sie häufig auf Leistungen der Grundsicherung angewiesen sind. Im Regelsatz sind Leistungen zur digitalen Teilhabe nicht ausreichend berücksichtigt. Auch vielen Familien mit behinderten Kindern und Jugendlichen fehlt eine entsprechende Ausstattung. Daher fordert die Lebenshilfe eine Pauschale für die Ausstattung mit erforderlicher Hardware. Ich kann es nur wiederholen: Verständliche Sprache ist das A und O in der Kommunikation – nicht nur für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Damit Menschen mit geistiger Beeinträchtigung einen deutlichen Zuwachs an digitaler Kompetenz haben und digitale Hilfsmittel ihre Teilhabe erleichtern, müssen sie mitgedacht und ihre spezifischen Bedarfe berücksichtigt werden.

Was kann getan werden, dass es in diesem Bereich mehr Innovationen gibt?
Motivierend können sicher Preise wie der digitale Gesundheitspreis von Novartis sein, der mit einem Sonderpreis Menschen mit Behinderung in den Blick nimmt. Ganz entscheidend ist aber, dass Unternehmen verstärkt auf Menschen mit Behinderung und ihre Verbände zugehen und sie bei der Entwicklung neuer Produkte von Anfang an mit einbeziehen. Nur wer genau weiß, was die Kund*innen brauchen, schafft wirkliche Innovation.

Wie lässt sich das Zusammenspiel von neuer Technik und gesellschaftlicher Akzeptanz in Sachen Inklusion/Teilhabe optimal organisieren?
Das ist weniger eine organisatorische als vielmehr eine finanzielle Frage. Für das Gelingen von echter Teilhabe braucht es bessere Rahmenbedingungen. Inklusion bekommen wir nicht nicht zum Nulltarif. So funktioniert gemeinsamer Unterricht von Schüler*innen mit und ohne Behinderung nur dann, wenn die Klassen klein sind und gleichzeitig genügend gut ausgebildete Lehrkräfte vorhanden sind. Eine Ausstattung der Schulen nach dem neuesten Stand der Technik ist eine wichtige Ergänzung, die es aber auch nicht geschenkt gibt. Es hängt also – wie so oft – am lieben Geld.