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14.07.2020
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LEARNING SNACKS STATT HAUSAUFGABEN

Wie Schüler auch nach der Krise zu Hause besser lernen

Prof. Dr. Katrin Liebers (rechts) und Miriam Beier - Universität Leipzig, Erziehungswissenschaftliche Fakultät, Institut für Pädagogik und Didaktik im Elementar- und Primarbereich

Prof. Dr. Katrin Liebers (rechts) und Miriam Beier - Universität Leipzig, Erziehungswissenschaftliche Fakultät, Institut für Pädagogik und Didaktik im Elementar- und Primarbereich [Quelle: privat]


"An diese Erfahrungen kann und sollte angeknüpft werden", sagt die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Katrin Liebers von der Uni Leipzig mit Blick auf den krisenbedingten Digitalisierungsschub an den Schulen. Gemeinsam mit ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiterin Miriam Beier erklärt sie im Interview, wo die Chancen und Grenzen des Digitalen in der schulischen Bildung liegen.


Mit den Erfahrungen aus mehreren Wochen Corona-bedingtem Home Schooling – was könnte für die Zeit nach der Krise mit normalisierten Schulbetrieb an digitalen Lernangeboten für Zuhause fortgeführt werden?
K.L.: Digitale Lernangebote, im Sinne von Aufgaben und Lernmaterialien, nutzten in den letzten Wochen ca. 50 Prozent der Kinder, deren Eltern von Infratest dimap befragt wurden. Ein Fünftel erhielt zudem videogestützten Unterricht. An diese Erfahrungen kann und sollte angeknüpft werden, jedoch existieren noch große Unterschiede: manche Schulen haben auf digitale Lernangebote verzichtet und wöchentlich Materialien zum Abholen ausgegeben, manche haben Aufgaben über Emails verteilt, andere haben (landeseigene) Lernplattformen wie LernSax, Moodle und Padlet oder Schul-Clouds genutzt.

Wesentliche Voraussetzungen für digitale Lernangebote für Zuhause bilden eine entsprechende Infrastruktur in jeder Familie, vorhandene Medienkompetenzen bei den Lehrkräften sowie eine frühzeitige Aufklärung seitens der Bildungsverwaltung, z.B. hinsichtlich eines praktikablen Umgangs mit Datenschutz- und Urheberrechtsverordnungen.

M.B.: Geht man von den Schulen aus, die tatsächlich digitales Lernen praktiziert haben, kann das Prinzip des Blended-Learnings, d.h. kombiniertes E-Learning und Präsenzunterricht, dauerhaft stärker in den Schulalltag und das häusliche Lernen, vor allem der weiterführenden Schulen, integriert werden. Die Schüler.innen eignen sich hier asynchron und zeitlich flexibel didaktisch aufbereitete Lerninhalte, z.B. in Form von Aufgaben, Texten oder Videos, an. Auf diese Weise gut informiert, nehmen Sie am Präsenzunterricht teil, der der Anwendung, Vertiefung, dem sozialen Austausch und der Beziehungsarbeit dient. Es kommt auch auf das Alter an, in dem die Kinder und Jugendlichen sind.

K.L.: In Grundschulen kann z.B. im Anfangsunterricht das vertiefte adaptive Üben, d.h. ein Üben bezogen auf das jeweils individuell erreichte Lernniveau und das individuelle Lerntempo, mit empirisch bewährter Lernsoftware deutlich ausgebaut werden.

M.B.: Ältere Kinder und Jugendliche können mit Lernplattformen arbeiten, auf die sog. Learning Snacks eingestellt werden. Das sind kleine Wissenshappen, die zur individuellen Vertiefung gedacht sind, z.B. als Ersatz für die traditionell gleichförmige Form der Hausaufgabe.

Digitale Angebote stellen auch die Lehrerschaft vor Herausforderungen – wie müssen die Lehrer bei der Arbeit mit digitalen Hilfsmitteln begleitet werden?
M.B.: Die Dramaturgie des klassischen Präsenzunterrichts kann nicht 1:1 in eine digitale Form übersetzt werden und E-Learning ist nicht die einzige Form zeitgemäßer Bildung. Zeitgemäße Bildung schließt die bewusste Nutzung von digitalen Werkzeugen ein, um sowohl stärker individualisiert als auch kollaborativ und kooperativ zu arbeiten.

Die Lehrkräfte brauchen neben dem technischen Know-How ein didaktisches Verständnis dafür, dass die Kommunikation und der gesamte Arbeitsprozess anders organisiert werden müssen. Durch den veränderten Zugang zu Wissen und der zukünftigen Variabilität unserer Welt, verändern sich die Lehrerrolle und Hierarchien im Klassenzimmer.

Deutschlandweit beobachten wir derzeit, dass sich v.a. privatwirtschaftliche Unternehmen, wie FoBizz, Microsoft und Google, und Non-Profit-Initiativen, wie Chaos macht Schule, Pacemaker und Digitale Bildung für alle e.V., um die aktive Begleitung von Lehrkräften bemühen. Die Länder ziehen Schritt für Schritt nach. Um Lehrkräfte zu begleiten, stellt u.a. Sachsen eine landeseigene Datenbank für Medienbildung mit Webinaren zur Verfügung. Im Rahmen des Modellprojektes „Ganztägig lernen“, in Kooperation mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS), ist zudem das Portal bildung.digital entstanden, in dem Erfahrungen der am Projekt teilnehmenden Schulen mit digitaler Bildung geteilt werden. Darüber hinaus erstellt Sachsen derzeit ein zentrales Verzeichnis für Medienbildungsreferent.innen, die von den Schulen gebucht werden und vor Ort bedarfsgerecht begleiten können. All das sind Beispiele dafür, wie Lehrkräfte vielfältig begleiten werden können.

K.L.: Deutschlandweit gibt es in den Ländern bereits Modellversuche zum digitalen Lernen an Schulen, die sich als erfolgreich erwiesen haben und an deren Erfahrungen andere Schulen in vergleichbarer Situation anknüpfen können. Im Rahmen von Lehrkkräftefortbildungen kann ein „Doppeldeckerprinzip“ kann zum Tragen kommen, bei dem Lehrkräfte in vergleichbaren digitalen Lernformaten und -umgebungen arbeiten, die sie später für ihre Schüler einsetzen sollen.

Digitale Angebote brauchen Technik – wie lässt sich einer zunehmenden digitalen Spaltung der Schülerschaft entgegenwirken?
K.L.: Eine vermeintlich „digitale Spaltung“ der Schülerschaft ist eigentlich eher eine Erscheinungsform sozialer Unterschiede, die von einer unterschiedlichen Verfügbarkeit bildungsrelevanter digitaler Medien und Endgeräte, aber auch von einem unterschiedlichen familiären Mediennutzungsverhalten gekennzeichnet ist. Diese Unterschiede lassen sich nicht nur mit der Bereitstellung von passenden Endgeräten für die Hand der Kinder ausgleichen, es wäre aber ein erster Schritt.

M.B.: Modellrechnungen zeigen, dass es finanziell möglich wäre, Grundschulen flächendeckend mit Tablets auszustatten und in den höheren Klassen das BYOD-Prinzip einzuführen. Mit beiden Varianten wurden, nach Aussage des Deutschen Schulportals (14.05.20) bereits gute Erfahrungen gemacht. BYOD steht dabei für „Bring Your Own Device“ und erlaubt Schüler.innen die Nutzung privater Laptops, Smartphones und Tablets in der Schule. Die Schule sorgt dabei für einen mobilen Internetzugang und eine webbasierte Lernumgebung. Beim Einsatz des BYOD-Prinzips muss sichergestellt werden, dass die soziale Ungleichheit sich nicht stärker auswirkt und zu neuen Ungerechtigkeiten führt. Nicht alle Eltern können die notwendigen Geräte finanzieren. Auf der anderen Seite verfügen 95 Prozent der Jugendlichen ab einem Alter von 12 Jahren über ein Smartphone, 70 Prozent über einen Laptop und etwa die Hälfte über ein Tablet, Tendenz steigend. Vor diesem Hintergrund lassen sich regional und lokal pragmatische Lösungen finden, die die Finanzierung/Nutzung z.B. über einen Sozialfond, ein Leih-Konzept oder im Rahmen des Ganztagesbetriebs abfedern. Zum Potential dieses BYOD-Prinzips gibt es mittlerweile einige Überlegungen von offizieller Seite (u.a. vom Medienkompetenzportal NRW, 14.05.20).

Digitalisierung erfordert Investitionen. Brauchen die für die Schulen verantwortlichen Länder, nach dem gerade erfolgten Digitalisierungsschub, zusätzliche Unterstützung vom Bund – und welche Potenziale sehen Sie in länderübergreifender Zusammenarbeit?
M.B.: Die Unterstützung vom Bund ist durch den Digitalpakt im Moment gegeben, auch wenn es in den Ländern zurzeit noch viel zu lange dauert, bis die Schulträger diese Mittel abrufen, Sachsen und Hamburg stellen hier eine positive Ausnahme dar (Zeit Online, 13.04.2020). Dass die Finanzmittel nicht ausgeschöpft werden, scheint an der fehlenden regionalen Begleitung durch Bildungsverwaltungen, z.B. in Fragen des IT-Supports oder der zugelassenen Nutzung bestimmter Apps/Programme, als auch am offenen Bedarf von medienkompetenten Fachkräften zu liegen.

K.L.: Der Digitalpakt versucht die digitale Infrastruktur in Schulen zu sichern, was ein guter erster Schritt ist. Diese Infrastruktur bedarf jedoch auch einer regelmäßigen Wartung und Aktualisierung, die zurzeit von Schulträgern und Schulen nur bedingt und zum Teil auch gar nicht gesichert werden kann. Dazu wäre eine dauerhafte professionelle Unterstützung der nächste logische Schritt für den Bund. Eine länderübergreifende Zusammenarbeit bei der Entwicklung und dem Transfer pädagogischer Konzepte, das haben viele frühere Modellprojekte deutlich gezeigt, beinhalten deutliche Potentiale für die Weiterentwicklung von praxistauglichen, erprobten und evaluierten Konzepten zunächst an Best-Practice-Schulen und im Transfer für weitere Schulen, Bildungsregionen und Deutschland insgesamt.