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Interview15.03.2018

Kostenloser ÖPNV kein Allheilsbringer

Warum Essen lieber auf einen Verkehrsmix von jeweils 25 Prozent setzt

Simone Raskob, Umwelt-, Bau- und Sportdezernentin der Stadt Essen Quelle: Stadt Essen/Elke Brochhagen Simone Raskob Dezernentin Stadt Essen
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Alexander Hiller
Redakteur
Meinungsbarometer.info
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"Ich verstehe gut, dass viele den kostenlosen ÖPNV für eine gute, sogar revolutionäre Idee halten. Allerdings ist er kein Allheilsbringer." Das sagt Simone Raskob, Umwelt-, Bau- und Sportdezernentin der Stadt Essen. "Meiner Meinung nach wird ein kostenloser ÖPNV nicht die Probleme lösen, die wir in den Städten mit Mobilität und Schadstoffausstoß haben. Wir als Stadt Essen haben uns zum Ziel gesetzt, bis 2035 einen Modal-Split von jeweils 25 Prozent Radverkehr, ÖPNV, Fußgänger und Autoverkehr zu erreichen."





Zur Verbesserung der Luft in Städten diskutiert die Politik auch über einen kostenlosen ÖPNV. Wie stehen Sie zu diesem Vorschlag, vor allem mittel- bis langfristig?
Ich verstehe gut, dass viele den kostenlosen ÖPNV für eine gute, sogar revolutionäre Idee halten. Allerdings ist er kein Allheilsbringer: Meiner Meinung nach wird ein kostenloser ÖPNV nicht die Probleme lösen, die wir in den Städten mit Mobilität und Schadstoffausstoß haben. Dafür brauchen wir ein ganzheitliches Konzept, das die verschiedenen Mobilitätsbedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger in den Blick nimmt und ganz unterschiedliche Anreize schafft. Wir als Stadt Essen haben uns zum Ziel gesetzt, bis 2035 einen Modal-Split von jeweils 25 Prozent Radverkehr, ÖPNV, Fußgänger und Autoverkehr zu erreichen. Ein kostenloser ÖPNV würde hohe Kosten verursachen: Es würden zusätzliche Fahrzeuge benötigt, um mehr Menschen transportieren zu können, es müsste neues Personal eingestellt werden und es würde eine Finanzierungslücke von mindestens hundert Millionen Euro entstehen, die die Ruhrbahn als Verkehrsgesellschaft durch Ticketverkäufe jährlich einnimmt. Zudem ist Essen Teil eines Verkehrsverbundes – da können wir als Stadt keine Insellösung umsetzen. Die Mobilitätsfragen können nur regional gelöst werden.

Kritiker wenden ein, dass vor allem Fußgänger und Radfahrer auf den kostenlosen ÖPNV umsteigen könnten. Welches wären die wichtigsten Maßnahmen für den Verkehrsmix der Zukunft aus Ihrer Sicht?
Die Stadt Essen war im vergangenen Jahr Grüne Hauptstadt Europas – ausgezeichnet von der Europäischen Kommission. Ein zentraler Baustein unseres Titeljahres war das Thema Mobilität, da wir wissen, dass wir gerade in diesem Bereich noch große Schritte gehen müssen, damit wir die Mobilitätswende erreichen. Unter dem Motto „Meine Wege“ entwickelten wir durch zahlreiche Projekte gemeinsam mit Partnern aus dem Mobilitätssektor unser Bild von einer urbanen Mobilität der Zukunft. Nur ein paar Beispiele: Mit der Ruhrbahn eröffneten wir Mobilstationen, an denen man zwischen ÖPNV, Leihfahrrad und -Elektroauto wählen kann, und wir unterstützten die Einführung eines „Green Tickets“, mit dem man ebenfalls alle drei Varianten nutzen kann. Die Stadt Essen engagiert sich zudem seit vielen Jahren für den Radverkehr: Wir haben inzwischen 376 km Radwege in Essen und der Regionalverband Ruhr baut derzeit Deutschlands ersten Radschnellweg, der von Duisburg nach Hamm zehn Zentren und vier Universitäten verbindet. Auch auf dem Gebiet der alternativen Antriebe sind wir aktiv: Nicht nur, dass die Ladeinfrastruktur für Elektroautos in den kommenden Jahren massiv ausgebaut werden soll – auf dem Baldeneysee in Essen schippert seit letztem Jahr mit der MS innogy Deutschlands erstes emmissionsfreies Ausflugsschiff, betrieben mit Methanol und einem Elektroantrieb mit Brennstoffzelle. Die urbane Mobilität der Zukunft hat viele Gesichter und muss unterschiedlichste Bedürfnisse bedienen. Nur durch viele Maßnahmen, durch ein integriertes Konzept können wir den motorisierten Individualverkehr reduzieren.     

Der ÖPNV ist Teil eines komplexen Netzes an öffentlichem Verkehr. Welche Rolle spielt das für den Verkehrsmix - und welche Stellschrauben sehen Sie hier noch zur Optimierung?
Der ÖPNV nimmt eine Schlüsselrolle im Verkehrsmix ein. Um mehr Nutzer in die Busse und Bahnen zu bekommen, benötigen wir einen zuverlässigen und attraktiven ÖPNV. Ein bedeutendes Zukunftsprojekt ist der RRX – der Rhein Ruhr Express, das größte Schieneninfrastrukturprojekt in Nordrhein-Westfalen. Im 15 Minuten-Takt werden Pendlerinnen und Pendler in Zukunft von Köln bis Dortmund und auf anderen Strecken unterwegs sein – in hochmodernen, komfortablen, spurt- und leistungsstarken Zügen auf einem optimierten Schienennetz. Das wird die Nutzung des umweltfreundlichen und nachhaltigen Regionalverkehrs für viele Menschen bereits ab Ende 2018 reizvoller machen.

Welche Chancen sehen Sie in der Digitalisierung für den optimalen Verkehrsmix?
Wichtig ist, dass die Menschen sich ihre Informationen – z.B. über Fahrpläne oder Standorte von Leih-Fahrrädern und Car-Sharing-Angeboten nicht an unterschiedlichen Orten kompliziert zusammensuchen müssen. Wir benötigen intelligente, digitale und bedienerfreundliche Lösungen, die die einzelnen Angebote zusammenfasst, wie z.B. eine App, mit der ich meinen Weg von zu Hause bis zur Arbeit planen kann und die mir die gesamte Bandbreite des Verkehrsmixes anzeigt. Auch das „Internet der Dinge“ kann hier neue Ansätze bieten, beispielsweise können über eine digitale Vernetzung freie Ladesäulen für Elektro-Autos angezeigt werden. Ein innovatives Projekt führt gerade der Verkehrsverbund Rhein Ruhr, unterstützt vom NRW-Ministerium für Verkehr, durch: Testkunden checken mit einen App auf dem Handy in Bus oder Bahn ein und aus – ohne sich Gedanken um das passende Ticket machen zu müssen. Am Ende des Monats erhalten sie dann eine Rechnung, die die für den Kunden idealen Tickets berücksichtigt.

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