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02.07.2022
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GERMANWATCH FÜR EINRICHTUNG EINES RECHENZENTRUMSKATASTERS

Wie IT und Netze nachhaltiger werden

Hendrik Zimmermann - Referent für Digitalisierung, Demokratie und Nachhaltigkeit, Germanwatch e.V.

Hendrik Zimmermann - Referent für Digitalisierung, Demokratie und Nachhaltigkeit, Germanwatch e.V. [Quelle: Germanwatch e.V.]


"IKT ist eine Ermöglicherin von Klimaschutz, zum Beispiel bei der Energie- oder der Mobilitätswende", konstatiert Hendrik Zimmermann von Germanwatch e.V.. Doch auch dieser Sektor muss aus seiner Sicht die eigenen Emissionen stark reduzieren. An die Politik hat er klare Erwartungen.


Nach einer aktuellen Studie verursacht Informations- und Kommunikationstechnik weltweit wohl mehr Treibhausgasemissionen als der Flugverkehr. Zugleich gibt es viele Nachhaltigkeits-Initiativen in der Branche. Wie nachhaltig ist die hiesige IKT derzeit?
Die Europäische Kommission beziffert den derzeitigen Anteil der IKT an den weltweiten Treibhausgasemissionen auf mehr als 2 Prozent. Es gibt jedoch Schätzungen, die von einem deutlich größeren Anteil ausgehen. Aufgrund von unterschiedlichen Analysemethoden und Datengrundlagen ist es schwierig einzuschätzen, inwiefern die durch den IKT-Sektor emittierten Treibhausgase durch  IKT-induzierte Emissionseinsparungen in anderen Sektoren ausgeglichen oder gar überkompensiert werden.

IKT ist eine Ermöglicherin von Klimaschutz, zum Beispiel bei der Energie- oder der Mobilitätswende. Dies entbindet den Sektor aber nicht von der Pflicht, auch seine eigenen Emissionen stark zu reduzieren. IKT-Lösungen sind nur dann ökologisch sinnvoll, wenn sie bestehende emissionsverursachende Technologien oder Gewohnheiten emissionsmindernd ersetzen und nicht zusätzlich zu diesen hinzukommen. Um den IKT-Sektor selbst emissionsneutral zu gestalten, sind Effizienz, Suffizienz und eine vollständige Deckung des Stromverbrauchs durch erneuerbare Energien zentral.


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DIE DOKUMENTATION DIESER FACHDEBATTE

Einsparungen durch Effizienzsteigerungen steht ein stets wachsender Datenverkehr gegenüber. Wie lassen sich solche sogenannten Rebound-Effekte beherrschen?
Rebound-Effekte können sehr unterschiedlich sein. Deshalb gibt es keine „one size fits all“- Lösungen. Ein Ansatz besteht darin, die Anforderungen an die Energieeffizienz von Produkten von Anfang an so hoch anzusetzen, dass eine Senkung des Energiebedarfs trotz Rebound-Effekt eintritt. Zudem muss das Prinzip der digitalen Suffizienz gestärkt werden. Wichtig ist, dass Hersteller Rebound-Effekte schon im Design mitdenken: Produkte müssen langlebig und reparaturfähig sein. Dafür sind eine modulare Bauweise, Austauschmöglichkeiten von Bestandteilen, Ersatzteil-Lieferungen oder Open Source-Baupläne für Ersatzteile wichtig. Die Bundesregierung sollte funktionale sowie Sicherheits-Updates vorschreiben und als einzige Alternative die Veröffentlichung von Quellcodes unter freier Lizenz gestatten. Auch Schnittstellen zwischen Geräten, Betriebssystemen und Software sollten obligatorisch werden. Weitere politische Ansätze liegen in einem Verbot und einer empfindlichen Sanktionierung geplanter Hard- und Software-Obsoleszenzen sowie in der Ausweitung von Garantiezeiten.

Ein Beispiel zu Rebound-Effekten aus dem Alltag vieler Menschen ist das Video-Streaming. Die erste Annahme wäre ja, dass durch die Entmaterialisierung Ressourcen eingespart werden. Jedoch verbraucht die Übertragung von Videos sehr viel Strom. Das Ausleihen einer DVD ist immer ökologischer - außer wenn man über 30 Kilometer mit dem Auto fährt, um die DVD abzuholen. Hinzu kommt, dass Menschen durch die Einführung von Flatrates mehr streamen. Germanwatch fordert die Bundesregierung und die EU auf, Streaming-Diensten vorzuschreiben, standardmäßig die Autoplay-Funktion auszustellen. Dies betrifft beispielsweise das automatisierte Abspielen von (Werbe-)Videos beim Aufrufen von Websites oder das Abspielen von looping videos in Musik-Apps. Außerdem sollten Streaming-Dienste verpflichtet werden, standardmäßig Streaming-Bitrates zu reduzieren. Auf Endgeräten mit kleinen Displays wie Smartphones oder Tablets kann das menschliche Auge die hohe Auflösung übrigens nicht einmal von einer geringen Auflösung unterscheiden.

Im Gespräch ist in diesem Zusammenhang auch ein verbindlicher Energieausweis für Rechenzentren. Was spricht für oder gegen einen solchen?
Energieausweise sind ein preiswertes und schnell einführbares Instrument zur Erfassung der Umweltwirkung digitaler Infrastrukturen. Der Gesetzgeber hat hier die Möglichkeit, das Green Computing mit einem niedrigschwelligen regulatorischen Eingriff deutlich voranzubringen.

Wir wissen bisher viel zu wenig über den exakten Energiebedarf von Rechenzentren. Um genauer sagen zu können, welche Komponenten wann wieviel Energie benötigen und wo Entwicklungspotenziale liegen, brauchen wir bessere Daten. Energieausweise könnten Daten zu den Rohstoffen der verbauten Hardware, dem Energiebedarf einzelner technischer Komponenten, dem Wasserverbrauch zur Kühlung sowie der Leistungsfähigkeit des Rechenzentrums enthalten.

Viele dieser Daten liegen vor, werden aber nicht systematisch erfasst. Die fehlenden Transparenzanforderungen an Rechenzentren entsprechen nicht ihrer steigenden gesellschaftlichen Bedeutung als sensible Infrastrukturen. Daher ist auch die Einführung eines Rechenzentrumskatasters sinnvoll, das die künftige Planung erleichtern würde. Denn vielfach werden Kapazitäten nicht dem tatsächlichen Bedarf angepasst. Dafür benötigt man Energiebedarfs- und Lastdaten, die durch die Energieausweispflicht gesammelt werden könnten. Transparenz beim Energiebedarf von Anlagen ermöglicht es Kund:innen zudem, weniger klimaschädliche Angebote zu finden.

Welchen Beitrag könnte eine Ausweisungspflicht für einen CO₂-Fußabdruck pro Service- oder Übertragungseinheit leisten?
Ausweisungspflichten ermöglichen es gewerblichen und privaten Akteur:innen, klimafreundliche Technologien zu identifizieren. Dadurch können Anbieter in einen Wettbewerb um effizientere Lösungen geraten. Wie viele Menschen wissen, dass Mobilfunk-Internet (3G) für eine Stunde HD-Videostreaming 90 Gramm CO2e erzeugt, während es bei einer Verbindung über Glasfaserkabel nur 2 Gramm sind? Kenntnisse über die CO2-Ausstöße dieser Technologien können im besten Fall handlungsleitend wirken, mindestens aber Aufmerksamkeit für das Thema erzeugen. Gleichzeitig geben die durch Ausweisungspflichten gewonnenen Daten wertvolle Hinweise auf künftige Entwicklungspotenziale.

Mit Transparenz allein ist es jedoch auch im Bereich der Übertragungstechnologien nicht getan: So sollte die Bundesregierung zum Beispiel ein nationales Roaming mit einheitlichen und fairen Netznutzungsentgelten einführen, um mehrfache Funkabdeckung gleicher Regionen zu verhindern.