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13.08.2022
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FORSCHER SCHLÄGT NUTZUNGSVERBOT FOSSILER ENERGIETRÄGER FÜR IT GROSSANLAGEN VOR

Wie Informationstechnik nachhaltiger wird

Prof. Dr. Dr. Ortwin Renn - Wissenschaftlicher Direktor, Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam

Prof. Dr. Dr. Ortwin Renn - Wissenschaftlicher Direktor, Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam [Quelle: IASS/ Peter-Paul Weiler]


Für Prof. Dr. Dr. Ortwin Renn vom Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam gilt es, in Sachen nachhaltiger ITK-Technik "entweder im Wettlauf zwischen Effizienz und Nachfragesteigerung weniger Strom zu verbrauchen, als bei steigender Nachfrage benötigt wird, oder aber die Nachfrage nur noch aus erneuerbaren Quellen zu decken." Auch regulatorisch hat er klare Vorstellungen.


Nach einer aktuellen Studie verursacht Informations- und Kommunikationstechnik weltweit wohl mehr Treibhausgasemissionen als der Flugverkehr. Zugleich gibt es viele Nachhaltigkeit-Initiativen in der Branche. Wie nachhaltig ist die hiesige ITK derzeit?
Der Anteil an den Treibhausgasemissionen durch Informations- und Kommunikationstechnik wird weltweit auf 2,1 bis 3.9% geschätzt. Damit würde dieser Sektor mehr Treibhausgase emittieren als der gesamte Flugverkehr. Soweit die schlechte Nachricht: Aber die großen Energieverbraucher, vor allem die Anbieter von Cloud Dienstleistungen, stellen zunehmend auf erneuerbare Energieträger um und investieren auch in höhere Energieeffizienz So gleicht Google eigenen Angaben zufolge schon seit vier Jahren den Strombedarf vollständig mit erneuerbaren Energien aus. Bis 2030 will Google komplett mit CO2-freier Energie arbeiten, inklusive aller Rechenzentren. Microsoft gibt an, die Rechenzentren für die Azure-Cloud bereits seit rund zehn Jahren CO2-neutral zu betreiben. In drei Jahren will der Konzern nur noch erneuerbare Energien beziehen. Mitbewerber AWS plant, ab 2030 ausschließlich grünen Strom zu nutzen (https://www.it-business.de/wege-aus-der-klimakrise-a-1092959/). Genaue Zahlen, wieviel der insgesamt von der IT Branche benötigte Strom aus erneuerbaren Energiequellen kommt, gibt es nicht. Aber der Anteil nimmt von Jahr zu Jahr zu und könnte auch mit mehr öffentlichen Druck noch verstärkt werden.


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DIE DOKUMENTATION DIESER FACHDEBATTE

Einsparungen durch Effizienzsteigerungen steht ein stets wachsender Datenverkehr gegenüber. Wie lassen sich solche sogenannten Rebound-Effekte beherrschen?
Nach den Daten von Statista gibt es ein exponentielles Wachstum bei der Datenübertragung. Trotz dieser exponentiellen Steigerung ist der Energiebedarf im gleichen Zeitraum nur linear angewachsen, in Europa sogar leicht gesunken. Dennoch ist der Rebound Effekt überall spürbar. Vor allem bei den Streaming Dienste (etwa Filme in HD Qualität) beobachtet man eine steil ansteigende Nachfrage. Aber auch andere Cloud Dienstleistungen sind energieintensiv. Daher gilt es entweder im Wettlauf zwischen Effizienz und Nachfragesteigerung weniger Strom zu verbrauchen, als bei steigender Nachfrage benötigt wird, oder aber die Nachfrage nur noch aus erneuerbaren Quellen zu decken. Natürlich ließe sich auch die Nachfrage drosseln, aber der Trend läuft gerade in die entgegengesetzte Richtung.

Im Gespräch ist in diesem Zusammenhang auch ein verbindlicher Energieausweis für Rechenzentren. Was spricht für oder gegen einen solchen?
Der Energieausweis ist ja nur ein Dokument des Ist-Zustandes. Eine solche Dokumentation ist sicher auch wirkungsvoll, aber ich würde eher ein Nutzungsverbot fossiler Energieträger für Rechenzentren und andere IT Großanlagen vorschlagen. Dadurch werden die Betreiber gezwungen, früher als geplant die Energieversorgung auf erneuerbare Quellen umzustellen. Back-up Lösungen oder Notstromaggregate können weiterhin mit Gas betrieben werden, aber dieses Gas kann mittelfristig aus grünem Wasserstoff bereit gestellt werden.

Welchen Beitrag könnte eine Ausweisungspflicht für einen CO₂-Fußabdruck pro Service- oder Übertragungseinheit leisten?
Wie oben ausgeführt, sind das Dokumentationen, die sicherlich der Transparenz dienen, aber keine direkte, möglicherweise nicht einmal indirekte Steuerungskraft haben. Sinnvoller wäre es m.E. eine Pflicht zur Nutzung erneuerbarer Energien einzuführen. Da diese auch jetzt noch recht teuer sind (wenn man alle Backup Anforderungen mit berücksichtigt) gibt es auch zusätzlich mehr Anreize für erhöhte Effizienz. Eine Regulierung der Nachfrage halte ich dagegen für wenig realistisch und auch schwer umzusetzen. Da die Energiebereitstellung aus erneuerbaren Quellen aber mehr Kosten verursacht, werden Streaming Dienste und Cloud Dienstleistungen auch teurer, was je nach Elastizität der Nachfrage dann zu einer geringeren Nachfrage führen könnte.