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Interview14.03.2018

Digitale Ticketmodelle für gerechteren ÖPNV

Wie Bonn neue Technologien für den Verkehrsmix der Zukunft einsetzt

Helmut Wiesner, Dezernent, Dezernat III/ Planung, Umwelt und Verkehr Bonn Quelle: Bundesstadt Bonn Helmut Wiesner Dezernent Bundesstadt Bonn
INITIATOR DIESER FACHDEBATTE
Alexander Hiller
Redakteur
Meinungsbarometer.info
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"Digitale Ticketmodelle werden neue Möglichkeiten eröffnen und Ungerechtigkeiten im ÖPNV beseitigen." Das sagt Helmut Wiesner vom Dezernat Planung, Umwelt und Verkehr in Bonn. "Über digital vernetzte Infrastrukturen wird man im städtischen Verkehrsnetz noch einiges optimieren können, so zum Beispiel über verkehrs- und fahrplanabhängige Vorrangschaltungen für Busse und Straßenbahnen." Zudem könnten Digitale Ticket-Systeme die unbeliebten ÖPNV-Tarife nicht nur vereinfachen, sondern vor allem kundenfreundlicher machen.





Zur Verbesserung der Luft in Städten diskutiert die Politik auch über einen kostenlosen ÖPNV. Wie stehen Sie zu diesem Vorschlag, vor allem mittel- bis langfristig?
Kurzfristig ist kostenloser Nahverkehr keine Option, denn in der Stadt Bonn als Teil einer wachsenden Region sind nicht nur die Straßen, sondern auch Busse und Bahnen an der Kapazitätsgrenze. So oder so ist also ein massiver Ausbau der Infrastruktur für den Umweltverbund, gerade auch Bus und Bahn, notwendig. Hier sind übrigens im Hinblick auf die Schienenverkehre auch Bund und Land in der direkten Verantwortung. Ob dann langfristig der ÖPNV komplett kostenlos sein sollte, wäre durch die politischen Entscheidungsträger zu diskutieren. Wobei kostenlos das falsche Wort ist, denn kosten wird der ÖPNV so oder so. Die Frage ist, wie man die Kosten deckt. Hier gibt es viele Modelle, z.B. Bürgerticket, Nahverkehrsabgaben usw. Digitale Ticketmodelle werden neue Möglichkeiten eröffnen und Ungerechtigkeiten beseitigen. Persönlich habe ich langfristig eine gewisse Sympathie für eine deutliche Kostenreduzierung im ÖPNV, ähnlich wie in der Stadt Wien, auch wenn dafür genauso die Infrastruktur erst einmal ausgebaut werden muss. Wichtig ist auf jeden Fall eine regionale Abstimmung, denn Verkehr endet in einer zusammenwachsenden Region nicht an einer Stadtgrenze.

Kritiker wenden ein, dass vor allem Fußgänger und Radfahrer auf den kostenlosen ÖPNV umsteigen könnten. Welches wären die wichtigsten Maßnahmen für den Verkehrsmix der Zukunft aus Ihrer Sicht?
Es gibt in der Tat aus einigen Städten die Erkenntnis, dass kostenloser ÖPNV auch zu Verschiebungen im Umweltverbund führt. Das ist natürlich weniger sinnvoll. Wichtig ist es, dass die jeweiligen umweltfreundlichen Verkehrsmittel genau dort ausgebaut werden, wo sie ihre Stärken am besten entfalten können. Bus und Bahn sollten daher gerade auf zentralen Achsen stärker werden und auch für mittlere und längere Weg ein differenziertes gut ausgebautes Angebot vorhalten. Das Fahrrad ist besonders stark auf kurzen und mittleren Distanzen und kann auch gut Tangentialverbindungen bedienen und ÖPNV-Lücken schließen. Gemeinsam kann man Bus, Bahn und Fahrrad vernetzen zu einer guten und komfortablen durchgängigen Reisekette, ergänzt um P+R, Car- und Bike-Sharing. Diese physische Vernetzung sollte an einem Netz klar definierter Mobilstationen erfolgen, die wir in der Stadt Bonn gerade planen.

Der ÖPNV ist Teil eines komplexen Netzes an öffentlichem Verkehr. Welche Rolle spielt das für den Verkehrsmix - und welche Stellschrauben sehen Sie hier noch zur Optimierung?
Alle müssen ihren Beitrag leisten, dass der Öffentliche Verkehr attraktiver wird. Das betrifft natürlich die Städte und Gemeinden mit ihren Bussen sowie Stadt- und Straßenbahnen genauso wie die Bundesländer mit dem Angebot an S-Bahnen und Regionalzügen. Beide brauchen ausreichende Finanzmittel für Erhalt und Ausbau des Nahverkehrs. Aber der Bund bzw. DB und private Anbieter sind auch direkt gefragt und zwar für bessere Fernverkehrsleistungen. Der eigentliche Fernverkehr ist zwar für den alltäglichen Verkehrsmix weniger relevant, da sind Pendlerbewegungen eher dominant. Doch alle Statistiken zeigen, dass die Pendelentfernungen zunehmen und gerade in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel wickeln ICE und IC viele Pendelverkehre ab. Hier ist es im Sinne einer umfassenden Mobilität wichtig, die Verkehre bei knapper Infrastruktur nicht gegeneinander auszuspielen, sondern Angebote zu verzahnen – sowohl bei den Fahrleistungen wie auch bei den Tarifen.

Welche Chancen sehen Sie in der Digitalisierung für den optimalen Verkehrsmix?
Die Digitalisierung bietet ein enormes Potenzial. Das betrifft zum einen die Abwicklung. Über digital vernetzte Infrastrukturen wird man im städtischen Verkehrsnetz noch einiges optimieren können, so zum Beispiel über verkehrs- und fahrplanabhängige Vorrangschaltungen für Busse und Straßenbahnen.

Mindestens genauso wichtig sind die Vorteile digitaler Angebote für die Kunden. Mobilität darf nicht nur für Verkehrsexperten sein, die sich stundenlang mit zig Apps, Parktarifen, Fahrplänen, Accounts und Sonderangeboten beschäftigen. Digitale Ticket-Systeme können die unbeliebten ÖPNV-Tarife nicht nur vereinfachen, sondern vor allem kundenfreundlicher machen. Der Umweltverbund kann gestärkt werden, wenn Verkehrsmittel verschiedenster Art nicht nur an Mobilstationen räumlich kombiniert, sondern auch digital vernetzt werden. Gute digitale Angebote senken die Nutzungsbarrieren erheblich. Digitale Angebote können hier vor allem flexible Lösungen bieten, die zum Beispiel speziell darauf reagieren, ob irgendwo keine Parkplätze mehr sind, ein Stau oder eine Strecke gesperrt. Diese digitalen Services bieten dann die Verlässlichkeit, die Menschen brauchen, um sich intelligent bewegen zu können.

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