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Interview28.06.2024

Die sechs Forderungen der Grundschullehrerschaft bei der Digitalisierung

Was mit welchen Mitteln gelernt werden sollte

Prof. Dr. Thomas Irion - Direktor des Zentrums für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd; Berater, Grundschulverband e. V. Quelle: Grundschulverband e. V. Prof. Dr. Thomas Irion Direktor Zentrum für Medienbildung (ZfM)
INITIATOR DIESER FACHDEBATTE
Uwe Schimunek
Freier Journalist
Meinungsbarometer.info
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"Der Digitalpakt Schule hatte das Ziel, leistungsfähige digitale Bildungsumgebungen zu schaffen. Aktuell sind Grundschulen unterschiedlich weit in der Umsetzung dieses Ziels", konstatiert Prof. Dr. Thomas Irion. Er berät den Grundschulverband zur digitalen Grundbildung.





Der Digitalpakt Schule hatte das Ziel, eine "leistungsfähige digitale Bildungsumgebungen" zu schaffen - wo stehen die Schulen nun diesbezüglich?
Der Digitalpakt Schule hatte das Ziel, leistungsfähige digitale Bildungsumgebungen zu schaffen. Aktuell sind Grundschulen unterschiedlich weit in der Umsetzung dieses Ziels:

Ausstattung: Viele Schulen haben Fortschritte gemacht und verfügen nun über digitale Geräte wie Tablets, Dokumentenkameras und Beamer.

Netzwerkinfrastruktur: Ein Großteil der Schulen hat in die Verbesserung der Netzwerkinfrastruktur investiert, um stabile und schnelle Internetverbindungen zu gewährleisten.

Software und digitale Lernplattformen: Viele Grundschulen arbeiten mit Apps. Nur teilweise werden die eingesetzten Tablets selbst mittels eines Mobile Device Managments durch die Schule selbst gewartet. Dies würde die vergleichsweise Nutzung von Apps und auch Verfahren des Datenschutzes unterstützen. Auch sogenannte Lernmanagementsysteme werden an Grundschulen nur punktuell und wenn, meistens ab Klasse 3 eingesetzt, da diese häufig sehr textlastig sind und viele Lösungen auch recht komplex zu betreiben sind. In beiden Fällen fehlte die Orientierung für die Auswahl grundschulgerechter Lösungen, sowie ein geeignetes Implementationssystem an den Schulen.

Flächenwirkung der Maßnahmen: Bislang sind eine ganze Reihe von Grundschulen gestartet. Andere Grundschulen sind noch sehr zögerlich. Dies betrifft sowohl Ausstattungsfragen (es wurden offenbar nur ein Teil der für die Grundschulen vorgesehen Gelder abgerufen), als auch Fragen der Nutzung der Geräte in den Klassenzimmern. Bislang überwiegt häufig der Einsatz von Lernapps. Die vielfältigen Potenziale der Geräte werden häufig ebenso wenig ausgeschöpft wie eine systematische Förderung der Kompetenzen von Lehrkräften und Kindern zur reflektierten Nutzung digitaler Medien - nach Vorgaben der Kultusministerkonferenz ein zentrales Bildungsziel im Grundschulalter.
 
Welche Anstrengungen - und welche Unterstützung vom Bund - sind künftig nötig?
Um die Digitalisierung in den Schulen weiter voranzutreiben, sind zusätzliche Anstrengungen und Unterstützung vom Bund nötig:

Entwicklung grundschulgerechter Lösungen: Zuvorderst ist es erforderlich, grundschulgerechte Lösungen zu identifizieren. Hier wären Theorie-Praxis-Kooperationen zu initiieren, die nicht nur didaktische Fragen, sondern auch Fragen der spezifischen Technologieentwicklung und Organisationsentwicklung für Grundschulen fokussieren. Gerade für Grundschulen, die noch am Anfang stehen, braucht es hier Starthilfen didaktischer, aber auch technologischer und organisatorischer Art.

Finanzielle Mittel: Fortlaufende finanzielle Unterstützung für die Wartung und den Ausbau der digitalen Infrastruktur.

Technischer Support: Bereitstellung von technischem Support für die Wartung und Fehlerbehebung der digitalen Geräte.
 
Mit neuer Technik wachsen auch die Anforderungen an das Lehr-Personal. Wie wird die Lehrerschaft für diese Herausforderung fit gemacht?
Um die Lehrerschaft für diese Herausforderungen fit zu machen, sind folgende Maßnahmen erforderlich:

Verlässliche Integration von Ausbildungsinhalten für eine Digitale Grundbildung in Studium und zweiter Phase.

Schulungen und Weiterbildung: Regelmäßige Schulungen und Fortbildungsangebote für Lehrkräfte, die diese nicht nur in Fragen der Nutzung der Geräte, sondern auch in Fragen des Kindermedienschutzes und der Medienkompetenzförderung schulen.

In Studien wird deutlich, dass Lehrkräfte insbesondere im Bereich Einstellungen zu digitalen Medien und in Selbstlernkompetenzen gefördert werden müssen.
 
Wissenschaftler befürchten, dass digitale Medien sogar negative Auswirkungen auf das Lernen haben könnten. Welches Maß und welche Art der Digitalisierung ist an den Schulen überhaupt sinnvoll?  
Aktuell steht in Deutschland nicht zur Diskussion, ob Schulbücher oder Hefte - wie in skandinavischen Ländern - weitgehend durch digitale Medien ersetzt werden sollen. Eine Diskussion, ob mit digitalen Medien in der Grundschule gelernt werden soll, ist aber in Deutschland ausgesprochen problematisch, da Grundschulen hier ja erst begonnen habe, digitale Medien maßvoll einzusetzen und diesen ja die wichtige Aufgabe zukommt, Kinder bei ihrem Weg in der digitalen Welt zu begleiten. Diese Entwicklung auszubremsen wäre ebenso problematisch, wie eine naive Ausstattung der Schulen ohne klare didaktische Konzepte.

Digitale Technologien bieten enorme Chancen für das Aufwachsen und die Bildung von Kindern. Sie ermöglichen Zugang zu vielfältigen Bildungsangeboten und fördern – richtig eingesetzt – neben kognitiven Lernzielen auch die Persönlichkeitsentwicklung, Kreativität, Solidaritätsfähigkeit und eine gesunde Lebensführung. Schulen und KITAs müssen diese Bildungspotenziale nutzen, um Kinder angemessen für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorzubereiten.

Allerdings sind die Bedenken hinsichtlich der außerschulischen Nutzung von Medien durchaus ernst zu nehmen. Der Einsatz digitaler Medien in KITA und Grundschule ist in medienpädagogische Konzepte einzubinden, die das sichere Aufwachsen von Kindern unterstützen. Auch ist es wichtig, die Bedeutung lebensweltlicher und ganzheitlicher Erfahrungen in Natur und Kultur hervorzuheben, die im Zeitalter der Digitalisierung keinesfalls zu vernachlässigen sind. Kinder müssen gerade heute vielfältige Erfahrungen mit und ohne digitale Medien erwerben können. Kinder sollen auch durch solche Primärerfahrungen und den Einsatz analoger Medien ein vielfältiges Lernen erleben, das sie auf unterschiedliche Lebenssituationen vorbereitet. Der Verband sieht in einer solchen ganzheitlichen Bildung einen wesentlichen Baustein für die Entwicklung von Kindern in KITAs und Grundschulen.

Der Grundschulverband hat sich hier klar positioniert und fordert:

Die verbindliche Verankerung einer digitalen Grundbildung in allen Bildungsplänen für die Grundschule unter besonderer Berücksichtigung der Medienpädagogik.

Die Ausstattung aller Grundschulen mit den erforderlichen Geräten und einer angemessenen Netzinfrastruktur.

Die Förderung von Forschungsprojekten zur Entwicklung neuer Grundschullernkulturen in der Digitalität.

Die Weiterentwicklung der Lehrkraftaus- und weiterbildung unter Berücksichtigung medienpädagogischer, fachdidaktischer und grundschulpädagogischer Expertise.

Die Förderung von Schulentwicklungsprojekten zur Entwicklung geeigneter Lösungen für Grundschulen.

Die Entwicklung eines Beratungskonzepts für Eltern, das über negative Folgen digitaler Medien und Interventionsmaßnahmen informiert.

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