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Interview15.09.2023

Die Standortbedingungen für die Pharma-Industrie verschlechtern sich derzeit

Was die Branche jetzt braucht

Dr. Sabine Nikolaus - Vorsitzende der Geschäftsführung, Boehringer Ingelheim Deutschland Quelle: Andreas Reeg Dr. Sabine Nikolaus Vorsitzende der Geschäftsführung Boehringer Ingelheim Deutschland
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Dipl.- Journ. Nikola Marquardt
Founder & Herausgeberin
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"Der Erfolg, den die innovative, forschende pharmazeutische Industrie zur Pandemie beigetragen hat, wird leider nicht nachhaltig honoriert", sagt Dr. Sabine Nikolaus, die Vorsitzende der Geschäftsführung bei Boehringer Ingelheim Deutschland. Für Deutschland fordert sie deswegen einen radikalen Politikwechsel und bekennt sich gleichzeitig ganz klar zum Standort Deutschland.





In der Pandemie hat die deutsche Pharmabranche ihre Innovationskraft bewiesen. Wie steht die Branche heute aus Ihrer Sicht ganz grundsätzlich da?
Diese Frage ist direkt ein harter Einstieg. Denn der Erfolg, den die innovative, forschende pharmazeutische Industrie zur Pandemie beigetragen hat, wird leider nicht nachhaltig honoriert. Die Industrie hat Resilienz bewiesen und die enorme Leistung, die superschnelle Forschung und Entwicklung von innovativen Impfstoffen sowie therapeutischen Ansätzen zur Behandlung der betroffenen Patienten, ist schon fast wieder vergessen.

Die Standortbedingungen für die Pharma-Industrie verschlechtern sich derzeit. Das GKV-Finanzstabilisierungsgesetz mit den negativen Veränderungen der AMNOG Leitplanken und die generell sehr unflexible Nutzenbewertung machen es für die Industrie zunehmend schwer. Jüngstes Beispiel – der G-BA hat aus rein formalen Gründen den Zusatznutzen eines innovativen Medikaments zur spezifischen Behandlung einer sehr seltenen Hauterkrankung nicht anerkannt. In der Praxis hat also ein Patient, der in Deutschland lebt, keinen Zugang zu einem Medikament, das hier entwickelt und produziert wird. Das Arzneimittel von Boehringer Ingelheim wurde international mehrfach als besondere Innovation ausgezeichnet und ist in den USA, in Europa, in China zugelassen und auf dem Markt.

Festhalten an starren Regelungen gefährden langfristig die Grundlagen der Branche. Die Folgen wirken sich auf den Standort und die Versorgung der Patient:Innen aus. Investitionen bleiben aus und Innovationsanstrengungen werden zurückgefahren. Hochqualifizierte Jobs könnten in der Folge verloren gehen.

Um es kurz zu sagen: die Zukunft der Pharmazeutischen Industrie in Deutschland sieht aktuell alles andere als rosig aus. Pharma ist ein langfristig ausgerichtetes Geschäftsmodell und braucht verlässliche Rahmenbedingungen, die Innovation fördern.

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Welche Standortpolitik verfolgen Sie für den Standort Deutschland und Europa und welche Herausforderungen gibt es hier für Sie?
Boehringer Ingelheim bekennt sich klar zum Standort Deutschland. Ingelheim ist seit Gründung der Hauptsitz, unser Corporate Center und mit seinen rund 9.500 Mitarbeitenden sehr bedeutend. Biberach als größtes internationales Forschungs- und Entwicklungszentrum des Unternehmens repräsentiert den Standort sehr stark. Dementsprechend hat er eine große Bedeutung bei der Umsetzung der Forschungs- und Entwicklungsstrategie. Unsere Investitionen in F&E in Deutschland belaufen sich auf 2,4 Milliarden Euro und stellen damit 47% der weltweiten F&E Investitionen dar. Auch das zeigt die für uns wichtige Bedeutung des Standortes Deutschland.

Aufgrund wiederholt unterbrochener Lieferketten fordern Experten die Rückverlagerungen von Produktion. Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie dabei?
Das Problem der unterbrochenen Lieferketten ist weder neu, noch ist es überraschend. Wenn wir die Produktion von generischen Arzneimitteln aber nach Deutschland zurückholen wollten, wäre das wenig aussichtsreich. Vielmehr sollten die politischen Bemühungen erst einmal den Erhalt der hier noch anwesenden und investierenden Pharmazeutischen Unternehmen zum Ziel haben.  Wir brauchen weiterhin die Souveränität über die benötigten Technologien in der Arzneimittelentwicklung und deren Herstellung. Werden nach den Generika auch die innovativen Arzneimittel vom Standort Deutschland bzw. Europa verdrängt, könnte zu möglichen Lieferschwierigkeiten obendrein die Abhängigkeit von anderen Regionen in der Entwicklung von Arzneimitteln und deren Produktion hinzukommen. Made in Europa muss auch hierzulande in der Versorgung honoriert werden. Und zwar im Interesse der Patientinnen und Patienten.

Was sind Ihre wichtigsten Forderungen an die Politik für Rahmenbedingungen für eine prosperierende hiesige Pharmabranche?
Die Themen betreffen die gesamte Branche, daher finden sich unsere Forderungen auch durch den Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa) vertreten.
Ein wichtiger Punkt und Forderung an die Politik ist die Rücknahme der Veränderungen der AMNOG-Leitplanken, die letztes Jahr durch das GKV-Finanzstabilisierungsgesetz vorgenommen wurden. Das bisher geltende Prinzip „gleiche Preise für gleich gute Produkte“ und „etwas höhere Preise für etwas bessere Produkte“ wurde in dem Gesetz geändert. Dadurch werden vor allem die Schrittinnovationen aus dem Innovationsanreizsystem herausgenommen. Die sind es aber gerade, die den Fortschritt bei der Bekämpfung vieler Krankheiten erst ermöglichen.

Besorgt sind wir auch mit Blick auf Deutschland als Standort für die klinische Forschung: War Deutschland im Jahr 2016 bei klinischen Studien noch weltweite Nummer 2 nach den USA, steht es jetzt nur noch auf Platz 7. Das schadet den Patient:Innen direkt.

Auf nächster, der europäischen Ebene, brauchen wir auch die Unterstützung der deutschen Politik. Die Einschränkung des Schutzes geistigen Eigentums, um eine Markteinführung neuer Arzneimittel in allen EU-Mitgliedstaaten zu erwirken, ist ein kontraproduktives Signal und schadet dem Wettbewerb.

Damit die pharmazeutische Industrie eine Schlüsselrolle in der anstehenden Transformation für Deutschland spielen kann, bedarf es eines radikalen Politikwechsels.

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