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Interview21.11.2022

Der Mittelstand braucht umfassende und unbürokratische Unterstützung für Digitalisierungsprojekte

Wo die Herausforderungen und die Chancen bei der digitalen Transformation liegen

Simon Nentwich, Fachreferent für Digitalisierung beim Deutschen Mittelstands-Bund (DMB) Quelle: DMB/ Jochen Rolfes Simon Nentwich Fachreferent für Digitalisierung Deutscher Mittelstands-Bund (DMB)
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Dipl.- Journ. Nikola Marquardt
Founder & Herausgeberin
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"Viele mittelständische Unternehmen haben bereits umfassende Schritte unternommen, um sich digitaler aufzustellen", konstatiert Simon Nentwich, Digitalisierungs-Experte beim Deutschen Mittelstands-Bund (DMB). Er sieht aber auch regulatorische, politische und standortspezifische Rahmenbedingungen, die es zu verbessern gilt.





Aktuelle Daten bescheinigen dem Mittelstand Fortschritte in der digitalen Transformation. Wo steht der hiesige Mittelstand in Sachen Digitalisierung im internationalen Vergleich?
Der deutsche Mittelstand befindet sich bei der digitalen Transformation insgesamt auf einem guten Weg. Viele mittelständische Unternehmen haben bereits umfassende Schritte unternommen, um sich digitaler aufzustellen. Es zeigt sich zudem eine hohe Bereitschaft auch weiterhin in die Digitalisierung zu investieren. Der Trend – das zeigen verschiedene Digitalisierungsindizes – geht in die richtige Richtung. Gerade während der Corona-Pandemie konnten deutliche Fortschritte erzielt werden. Die Krisensituation hat vielen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) aufgezeigt, dass die Digitalisierung dabei helfen kann, schnell und angemessen auf Veränderungen zu reagieren. Gleichwohl bewegt sich der digitale Reifegrad der deutschen Wirtschaft international nur auf einem mittleren Niveau. Defizite sind beim Einsatz digitaler Technologien, bei den Digitalkompetenzen und bei den IT-Investitionen zu beobachten. Es zeigt sich auch, dass der Digitalisierungsgrad sehr branchenabhängig ist und vor allem kleinere Unternehmen hinterherhinken. Der Nachholbedarf im deutschen Mittelstand gründet sich jedoch nicht ausschließlich auf endogene Faktoren. Vielmehr sind es regulatorische, politische und standortspezifische Rahmenbedingungen, die Fortschritt und Innovation ermöglichen oder ausbremsen. Darunter die digitale Infrastruktur, finanzielle und steuerliche Anreize für Digitalinvestitionen, Kreditzugang und Finanzierungsmöglichkeiten oder die Verfügbarkeit von Fachkräften. Auch der Digitalisierungsgrad der öffentlichen Verwaltung oder der Regulierungsrahmen für neue Technologien entscheiden über die digitale Entwicklung der hiesigen Unternehmen.

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Viele Unternehmen wollen ihre Digitalisierungsbudgets steigern. Wo sehen Sie die Grenzen beim wirtschaftlichen Potenzial für notwendige und wünschenswerte Investitionen im Mittelstand?
Die digitale Transformation bleibt einer der zentralen Veränderungsprozesse der kommenden Jahre und entscheidet maßgeblich über die Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit mittelständischer Unternehmen. Sie ist Herausforderung und Chance zugleich und bietet unzählige Potentiale für die Geschäftsentwicklung. Genauso vielschichtig wie die Digitalisierung, sind auch die Geschäftsmodelle mittelständischer Unternehmen. Daher sind die jeweiligen Investitionspotentiale auch sehr individuell zu betrachten. Wirtschaftliche Potentiale durch Digitalisierung lassen sich auf vielen Ebenen identifizieren. Möchte ein Unternehmen produktionsfördernde digitale Technologien einsetzen, Prozesse effizienter gestalten oder die digitalen Kompetenzen der Mitarbeiter stärken? Oder vielleicht gar neue digitale Produkte oder Dienstleistungen ins Portfolio aufnehmen? Darüber hinaus gibt es gesamtwirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen wie etwa die Datenökonomie, die enorme Potentiale bieten. Daten entwickeln sich zur entscheidenden Ressource und können sich für deutsche Unternehmen in Zukunft zur einer bedeutenden Wertschöpfungsquelle entwickeln. Entscheidend wird sein, wie umfänglich Unternehmen künftig Daten erheben und daraus Produkte und Dienstleistungen ableiten können. Grenzen zeigen sich vor allen Dingen dann, wenn Investitionen aufgrund von Personalmangel, z.B. im IT-Bereich, oder fehlendem Know-how nicht umgesetzt werden können. Ein weiteres zentrales Digitalisierungshemmnis für KMU stellt die Finanzierung dar. Fehlende Finanzierungsmöglichkeiten, erschwerter Kreditzugang und Liquiditätsprobleme sorgen dafür, dass Unternehmen wichtige Investitionen aufschieben. Hemmend wirken zudem – gerade für kleinere Unternehmen – Bedenken hinsichtlich der Datensicherheit und des Datenschutzes.

Wie kann die Politik den Mittelstand bei der digitalen Transformation noch besser unterstützen?
Damit die digitale Transformation weiter an Fahrt aufnimmt, braucht der Mittelstand umfassende und unbürokratische Unterstützung für Digitalisierungsprojekte. Die Förderprogramme und Unterstützungsangebote müssen ausgebaut und deren Zugang unbürokratischer gestaltet werden. Gerade in den aktuellen Krisenzeiten müssen weitere Belastungen, die Digitalisierungsvorhaben ausbremsen könnten, vermieden werden. Dazu ist es auch wichtig, dass Finanzierungsschwierigkeiten bekämpft werden. Ferner müssen Schlüsselthemen der digitalen Transformation wie die Datenökonomie oder der Einsatz Künstlicher Intelligenz stärker in den Fokus rücken, um die digitale Innovationsfähigkeit der Unternehmen zu stärken. Zentral für den Erfolg der digitalen Transformation ist die Verfügbarkeit von geeignetem Fachpersonal und die Verbesserung der Digitalkompetenzen auf dem gesamten Arbeitsmarkt. Die Politik muss das Thema Digitalisierung in der Aus- und Weiterbildung stärken. Dazu muss die IKT-Ausstattung in den Schulen und Weiterbildungsstätten ausgebaut und die Kompetenzen der Lehrkräfte verbessert werden. Digitale Bildung sollte bereits in einer frühen Lebensphase verankert werden. Die große Fachkräftelücke zeigt aber auch, dass die Rahmenbedingungen für ausländische Fachkräfte attraktiver gestaltet werden müssen. Weiterhin maßgeblich ist der rasche Ausbau der digitalen Infrastruktur in Deutschland – insbesondere die Versorgung mit schnellem Internet. Die Digitalisierung der Verwaltung hakt seit Jahren gewaltig. Das Onlinezugangsgesetz (OZG) muss endlich mit Nachdruck umgesetzt werden.

Welche Herausforderungen sehen Sie durch den Fachkräftemangel bei der Digitalisierung des Mittelstandes?
Durch die fortschreitende Digitalisierung sind auch zunehmend KMU auf IT-Fachkräfte angewiesen, deren Geschäftsmodelle und Produkte nicht originär im IT-Bereich liegen. Daher ist zu erwarten, dass der bereits heute hohe Bedarf an IT-Fachkräften künftig steigt. Diesen Fachkräftebedarf zu decken, stellt KMU in Deutschland vor immer größere Herausforderungen. Häufig wünschen sich Informatiker einen hohen Anteil an Arbeitszeit im Homeoffice, was gerade für jene Mittelständler eine Herausforderung bedeutet, bei denen bislang noch eine ausgeprägte Präsenzkultur herrscht. Da hierzulande das Angebot an IT-Fachkräften knapp ist, suchen Unternehmen mittlerweile auch im Ausland nach geeigneten Mitarbeitern. Großkonzerne haben bei solchen Personen häufig zunächst einen Vorteil, da sie weltweit bekannt sind und oft in Großstädten oder Regionen sitzen, die auch international bekannt sind. Kleine Unternehmen können dies aber wettmachen, indem sie ihre Vorzüge zum Beispiel hinsichtlich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder die positiven Aspekte des Lebens im ländlichen Raum unterstreichen. Auch sollten Unternehmen grundsätzlich überlegen, welche Anforderungen bei ausländischen Bewerbern zwingend erforderlich sind, um für ausländische IT-Fachkräfte attraktiver zu werden. Da im IT-Bereich viel auf Englisch kommuniziert wird, kann man so zum Beispiel überdenken, welche deutschen Sprachkenntnisse ein Bewerber für die Stelle zwingend mitbringen muss.

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