Die EU will und soll digital unabhängig werden. Wie sehen Sie die Chancen dafür in welchem Zeithorizont?
Ob Europa digital unabhängig werden kann, wird sich in diesem Jahr entscheiden. Die EU verfügt bereits heute über viele der notwendigen Voraussetzungen. Das Bewusstsein für digitale Souveränität ist in Politik und Gesellschaft gewachsen und es gibt leistungsfähige, qualitativ hochwertige IT-Lösungen europäischer Entwicklung, die dem europäischen Rechtsrahmen vollständig unterliegen.
Andererseits zeigen die Debatte über „Buy European“, die inkonsequente Durchsetzung europäischen Rechts und politischer Zusagen sowie der Mangel an verbindlicher Gesetzgebung, dass der politische Wille zu tatsächlicher Souveränität teilweise noch immer fehlt. Angesichts der sich zuspitzenden geopolitischen und wirtschaftlichen Lage wird sich im Jahr 2026 zeigen, ob es Deutschland und Europa gelingt, technologische Unabhängigkeit und Resilienz aufzubauen – vor allem in der IT-Infrastruktur von Staat und Wirtschaft.
Als ein wichtiges Element gilt die Privilegierung europäischer Anbieter bei der Beschaffung - welche Regeln halten Sie hier für sinnvoll?
Die öffentliche Beschaffung ist ein zentraler Hebel, um die digitale Souveränität wirksam zu stärken. Sie kann gleichzeitig die Resilienz von Staat und Verwaltung erhöhen und die europäische Digitalwirtschaft gezielt fördern. Eine „Buy European“-Regelung könnte sowohl auf nationaler als auch auf EU-Ebene der zentrale Mechanismus sein, um faire Wettbewerbsbedingungen mit amerikanischen Anbietern zu schaffen.
Aus unserer Sicht wäre eine Priorisierung europäischer Lösungen sinnvoll, ohne sich dabei jedoch abzuschotten und außereuropäische Produkte kategorisch auszuschließen. Bei vergleichbarem Leistungsumfang sollte grundsätzlich das Produkt bevorzugt werden, das vollständig europäischem Recht unterliegt und dieses konsequent umsetzen kann. Dieser Vorstoß ist keinesfalls der erste Schritt zum Protektionismus – die Zusammenarbeit mit Partnern im inner- und außereuropäischen Ausland ist für die IT-Wirtschaft weiterhin von zentraler Bedeutung. Vielmehr schafft er Aufmerksamkeit und Aufträge für europäische Produkte, die zu lange im Schatten der Tech-Giganten gestanden haben.
Open-Source-Lösungen können bei der Infrastruktur eine Schlüsselrolle spielen - wie sehen Sie das?
Europa verfügt über zahlreiche innovative und leistungsfähige Open-Source-Lösungen, die einen wichtigen Beitrag zur digitalen Infrastruktur leisten können. Gleichzeitig gibt es ebenso starke proprietäre Angebote, die einen bedeutenden Teil des europäischen IT-Marktes ausmachen.
Eine einseitige Festlegung auf ein bestimmtes Lizenzmodell oder eine ideologiegetriebene Diskussion wäre daher nicht zielführend. Denn Digitale Souveränität entsteht durch Vielfalt, Wettbewerb und Wahlfreiheit. Um dieses Ziel zu erreichen, sollten wir die gesamte Bandbreite der europäischen Digitalwirtschaft nutzen – unabhängig vom Lizenzmodell.
Als Gefahr sehen Experten sogenanntes „Souveränitäts-Washing“ durch US-Tech-Riesen mit Lösungen in der EU. Was sagen Sie dazu?
Tatsächlich beobachten wir, dass „Digitale Souveränität“ mehr und mehr zum leeren Marketingbegriff von primär großen US-Anbietern wird, um angesichts der Bewegung für mehr technologische Unabhängigkeit keine Marktanteile zu verlieren. Auch werden US-Angebote oft als souverän bezeichnet, wenn deutsche Unternehmen im Angebotsportfolio mit involviert werden.
Echte digitale Souveränität setzt Anbieter voraus, die konsequent europäischem Recht unterliegen und Datensouveränität strukturell in ihrem Geschäftsmodell verankern. Unternehmen, die übergeordnet US-Gesetzen wie dem Cloud Act unterstehen, können diese Anforderungen systembedingt nicht vollständig erfüllen. Hier braucht es klare Kriterien und Transparenz, damit politische und wirtschaftliche Entscheidungen nicht auf bloßen Versprechen, sondern auf belastbaren Rahmenbedingungen basieren. Das schützt die Industrie und die Verbraucher.

