Menue-Button
← FACHDEBATTE
Interview26.02.2026

Verband fordert Buy European ohne Abschottung

Warum eine Bevorzugung europäischer Lösungen nicht zu Protektionismus führen muss

Christian Gericke - Vizepräsident, Bundesverband IT-Mittelstand e.V. (BITMi) Quelle: BITMi Christian Gericke Vizepräsident Bundesverband IT-Mittelstand e.V. (BITMi)
INITIATORIN DIESER FACHDEBATTE
Dipl.- Journ. Nikola Marquardt
Founder & Herausgeberin
Meinungsbarometer.info
ZUR FACHDEBATTE

"Ob Europa digital unabhängig werden kann, wird sich in diesem Jahr entscheiden" prognostiziert Christian Gericke vom Bundesverband IT-Mittelstand. Er erklärt, wo Europa dabei steht und worauf es jetzt ankommt.





Die EU will und soll digital unabhängig werden. Wie sehen Sie die Chancen dafür in welchem Zeithorizont? 
Ob Europa digital unabhängig werden kann, wird sich in diesem Jahr entscheiden. Die EU verfügt bereits heute über viele der notwendigen Voraussetzungen. Das Bewusstsein für digitale Souveränität ist in Politik und Gesellschaft gewachsen und es gibt leistungsfähige, qualitativ hochwertige IT-Lösungen europäischer Entwicklung, die dem europäischen Rechtsrahmen vollständig unterliegen.

Andererseits zeigen die Debatte über „Buy European“, die inkonsequente Durchsetzung europäischen Rechts und politischer Zusagen sowie der Mangel an verbindlicher Gesetzgebung, dass der politische Wille zu tatsächlicher Souveränität teilweise noch immer fehlt. Angesichts der sich zuspitzenden geopolitischen und wirtschaftlichen Lage wird sich im Jahr 2026 zeigen, ob es Deutschland und Europa gelingt, technologische Unabhängigkeit und Resilienz aufzubauen – vor allem in der IT-Infrastruktur von Staat und Wirtschaft. 

Als ein wichtiges Element gilt die Privilegierung europäischer Anbieter bei der Beschaffung - welche Regeln halten Sie hier für sinnvoll?
Die öffentliche Beschaffung ist ein zentraler Hebel, um die digitale Souveränität wirksam zu stärken. Sie kann gleichzeitig die Resilienz von Staat und Verwaltung erhöhen und die europäische Digitalwirtschaft gezielt fördern. Eine „Buy European“-Regelung könnte sowohl auf nationaler als auch auf EU-Ebene der zentrale Mechanismus sein, um faire Wettbewerbsbedingungen mit amerikanischen Anbietern zu schaffen.

Aus unserer Sicht wäre eine Priorisierung europäischer Lösungen sinnvoll, ohne sich dabei jedoch abzuschotten und außereuropäische Produkte kategorisch auszuschließen. Bei vergleichbarem Leistungsumfang sollte grundsätzlich das Produkt bevorzugt werden, das vollständig europäischem Recht unterliegt und dieses konsequent umsetzen kann. Dieser Vorstoß ist keinesfalls der erste Schritt zum Protektionismus – die Zusammenarbeit mit Partnern im inner- und außereuropäischen Ausland ist für die IT-Wirtschaft weiterhin von zentraler Bedeutung. Vielmehr schafft er Aufmerksamkeit und Aufträge für europäische Produkte, die zu lange im Schatten der Tech-Giganten gestanden haben.

Open-Source-Lösungen können bei der Infrastruktur eine Schlüsselrolle spielen - wie sehen Sie das?
Europa verfügt über zahlreiche innovative und leistungsfähige Open-Source-Lösungen, die einen wichtigen Beitrag zur digitalen Infrastruktur leisten können. Gleichzeitig gibt es ebenso starke proprietäre Angebote, die einen bedeutenden Teil des europäischen IT-Marktes ausmachen.

Eine einseitige Festlegung auf ein bestimmtes Lizenzmodell oder eine ideologiegetriebene Diskussion wäre daher nicht zielführend. Denn Digitale Souveränität entsteht durch Vielfalt, Wettbewerb und Wahlfreiheit. Um dieses Ziel zu erreichen, sollten wir die gesamte Bandbreite der europäischen Digitalwirtschaft nutzen – unabhängig vom Lizenzmodell.

Als Gefahr sehen Experten sogenanntes „Souveränitäts-Washing“ durch US-Tech-Riesen mit Lösungen in der EU. Was sagen Sie dazu?
Tatsächlich beobachten wir, dass „Digitale Souveränität“ mehr und mehr zum leeren Marketingbegriff von primär großen US-Anbietern wird, um angesichts der Bewegung für mehr technologische Unabhängigkeit keine Marktanteile zu verlieren. Auch werden US-Angebote oft als souverän bezeichnet, wenn deutsche Unternehmen im Angebotsportfolio mit involviert werden.

Echte digitale Souveränität setzt Anbieter voraus, die konsequent europäischem Recht unterliegen und Datensouveränität strukturell in ihrem Geschäftsmodell verankern. Unternehmen, die übergeordnet US-Gesetzen wie dem Cloud Act unterstehen, können diese Anforderungen systembedingt nicht vollständig erfüllen. Hier braucht es klare Kriterien und Transparenz, damit politische und wirtschaftliche Entscheidungen nicht auf bloßen Versprechen, sondern auf belastbaren Rahmenbedingungen basieren. Das schützt die Industrie und die Verbraucher. 

■■■ WEITERE BEITRÄGE DIESER FACHDEBATTE

EIN DEBATTENBEITRAG VON
Alexander Rabe
Geschäftsführer
eco - Verband der Internetwirtschaft e.V.

Alexander Rabe - Geschäftsführer, eco – Verband der Internetwirtschaft e. V.
Digitale Souveränität | EU | Open Source

Digitale Souveränität als stringenter, ■ ■ ■

Wie Europa dabei vorankommen kann - und wo nicht ■ ■ ■

EIN DEBATTENBEITRAG VON
Alexander Rabe
Geschäftsführer
eco - Verband der Internetwirtschaft e.V.

ZUR FACHDEBATTE
■■■ DIESE FACHDEBATTEN KÖNNTEN SIE AUCH INTERESSIEREN
Uwe Schimunek

INITIATOR
Uwe Schimunek
Freier Journalist
Meinungsbarometer.info

Dipl.- Journ. Thomas Barthel

INITIATOR
Dipl.- Journ. Thomas Barthel
Founder & Herausgeber
Meinungsbarometer.info

ÜBER UNS

Meinungsbarometer.info ist die Plattform für Fachdebatten in der digitalen Welt. Unsere Fachdebatten vernetzen Meinungen, Wissen & Köpfe und richten sich an Entscheider auf allen Fach- und Führungsebenen. Unsere Fachdebatten vereinen die hellsten Köpfe, die sich in herausragender Weise mit den drängendsten Fragen unserer Zeit auseinandersetzen.

überparteilich, branchenübergreifend, interdisziplinär

Unsere Fachdebatten fördern Wissensaustausch, Meinungsbildung sowie Entscheidungsfindung in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Gesellschaft. Sie stehen für neue Erkenntnisse aus unterschiedlichen Perspektiven. Mit unseren Fachdebatten wollen wir den respektvollen Austausch von Argumenten auf Augenhöhe ermöglichen - faktenbasiert, in gegenseitiger Wertschätzung und ohne Ausklammerung kontroverser Meinungen.

kompetent, konstruktiv, reichweitenstark

Bei uns debattieren Spitzenpolitiker aus ganz Europa, Führungskräfte der Wirtschaft, namhafte Wissenschaftler, Top-Entscheider der Medienbranche, Vordenker aus allen gesellschaftlichen Bereichen sowie internationale und nationale Fachjournalisten. Wir haben bereits mehr als 600 Fachdebatten mit über 20 Millionen Teilnahmen online abgewickelt.

nachhaltig und budgetschonend

Mit unseren Fachdebatten setzen wir auf Nachhaltigkeit. Unsere Fachdebatten schonen nicht nur Umwelt und Klima, sondern auch das eigene Budget. Sie helfen, aufwendige Veranstaltungen und überflüssige Geschäftsreisen zu reduzieren – und trotzdem die angestrebten Kommunikationsziele zu erreichen.

mehr als nur ein Tweet

Unsere Fachdebatten sind mehr als nur ein flüchtiger Tweet, ein oberflächlicher Post oder ein eifriger Klick auf den Gefällt-mir-Button. Im Zeitalter von X (ehemals Twitter), Facebook & Co. und der zunehmenden Verkürzung, Verkümmerung und Verrohung von Sprache wollen wir ein Zeichen setzen für die Entwicklung einer neuen Debattenkultur im Internet. Wir wollen das gesamte Potential von Sprache nutzen, verständlich und respektvoll miteinander zu kommunizieren.