Ihr Bundesland gilt als Vorreiter in Sachen Digitaler Souveränität - welche Erfahrungen haben Sie mit der Umstellung auf Tech-Riesen-unabhängige Systeme gemacht?
Wir haben auf Landesebene einen wesentlichen Teil unser eingesetzten IT-Lösungen auf Open Source Lösungen migriert, aber wir sind noch nicht ganz am Ziel. Ein vergleichbares Projekt hat es europaweit noch nicht gegeben. Auch aus diesem Grunde war und ist die Motivation bei allen Beteiligten, bei Herstellern der offenen Lösungen, unserem IT-Dienstleister und insbesondere bei unseren Mitarbeitenden, von Beginn an groß, an diesem Ziel Schritt für Schritt gemeinsam zu arbeiten. Die Zusammenarbeit zwischen Herstellern und Dienstleister ist hervorragend. Auf unserem Weg haben wir daher mehrere Meilensteine erfolgreich umgesetzt, darunter den Umstieg von Microsoft Office zu LibreOffice sowie die vollständige Migration von Microsoft Exchange und Outlook auf Open-Xchange und Thunderbird mit mehr als 44.000 Postfächern sowie 110 Millionen E-Mails und Kalendereinträgen.
Der Prozess des Open-Source-Umstiegs in Schleswig-Holstein hat einen mehrjährigen Vorlauf. Wir haben frühzeitig begonnen, umfangreiche Gespräche mit Herstellern zu führen und Tests mit Open-Source-Produkten vorzunehmen. Schnell stellte sich heraus, dass eine Umstellung technisch machbar ist. Die Funktionalitäten sind alle da. Denn: Wir haben dabei das Rad nicht neu erfunden, sondern greifen auf millionenfach in der Praxis erfolgreich etablierte Open-Source-Lösungen von hochprofessionellen deutschen und europäischen Unternehmen zurück – zum Beispiel Nextcloud, Univention, oder Open-Xchange. Die Lösungen werden auf unsere verwaltungsspezifischen Bedürfnisse angepasst. Das erleichtert den Umstieg.
Insofern ging es neben neben der technischen Umstellung vor allem darum, diesen Prozess durch ein umfassendes Change Management zu begleiten. Dies ist im gesamtem Migrationsprozess fest mit eingeplant, aber an manchen Stellen auch herausfordernd. Viele Mitarbeitende haben 20 oder 30 Jahre lang mit den Microsoft-Lösungen garbeitet. Da fällt der Umstieg nicht immer leicht. Es braucht gute Unterstützungsangebote, die wir entwickelt haben. Das Verständnis aller ist aber groß, denn jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter hat verstanden, dass digitale Souveränität kein nice to have ist, sondern es für einen Staat zwingend erforderlich ist, sich aus technologischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten zu lösen. Es braucht also ein klares Bild, wohin die Reise geht.
Die Zusammenarbeit zwischen dem Projektteam in der Staatskanzlei, unserem Dienstleister und den Unternehmen hat sich in der Umstiegsphase und gerade, wenn unvorhersehbare Herausforderungen auftraten, als besonders vertrauensvoll und agil herausgestellt. Schnell konnten wir in den direkten Austausch gehen und gemeinsam Lösungen erarbeiten.
In der EU fordern maßgebliche Akteure Privilegierung europäischer Anbieter bei der Beschaffung - welche Regeln halten Sie hier für sinnvoll?
Ich halte einen „Open Source first“-Ansatz für den richtigen Weg. Das ist erst einmal nicht zwingend ein EU Thema. Viele glauben, durch einen „buy-european“ Ansatz würden wir digitale Souveränität erreichen, aber es ergibt wenig Sinn, eine proprietäre durch eine andere proprietäre Abhängigkeit zu ersetzen. Deshalb ist die „buy-european“-Debatte verengt. Echte digitale Souveränität erreichen wir nur mit dem Einsatz von Open-Source-Lösungen. Wir müssen also Open-Source-Lösungen bei der Vergabe von IT-Leistungen priorisieren und ihnen den Vorrang geben – auch im Sinne einer anderen Industriepolitik für die Digitalwirtschaft. Das können und müssen wir auch gesetzlich vorgeben. In Schleswig-Holstein haben wir das beispielsweise in unserem E-Government-Gesetz getan. Wir müssen weg von immer neuen Förderprogrammen, die nur kurzfristig wirken, und hin zu Entwicklungs- und Supportaufträgen für Open-Source-Hersteller. Dann hätten wir auch weniger Lizenzgebühren für Microsoft und Co. zu zahlen, die wir gezielt einsetzen können, um eine europäische Industriepolitik für die Open-Source-Unternehmen zu machen. Studien zufolge könnte bereits ein zehnprozentiger Anstieg der EU-weiten Ausgaben für Open-Source-Lösungen bis zu 0,6 Prozent zusätzliches Wachstum in der EU bewirken. Das ist ein wahnsinnig starker Hebel, den wir unbedingt nutzen müssen.
Insbesondere Open-Source-Lösungen können bei der Infrastruktur eine Schlüsselrolle spielen - wie sehen Sie das?
Ich kann es gar nicht oft genug betonen: Digitale Souveränität ist nur und ausschließlich mit der Nutzung von Open-Source-Lösungen erreichbar. Nur so gelingt es, eine vielfältige IT-Anbieterlandschaft zu haben, die für Wettbewerb und Innovation sorgt und damit Abhängigkeiten technologischer und wirtschaftlicher Art vermeidet. Digitale Souveränitöt ist ohne den Einsatz von Open Source nicht erreichbar.
In Schleswig-Holstein umfasst der ganzheitliche Umstiegsprozess verschiedene strategische Säulen eines digitalen Arbeitsplatzes: LibreOffice ersetzt Microsoft Office. Open-Xchange und Thunderbird ersetzen die bisher genutzten Systeme MS Exchange und Outlook. Nextcloud ist unser neues Kollaborationstool. Der Einsatz des Linux-Betriebssystems statt Windows befindet sich aktuell in der Pilotphase. Wir nutzen darüber hinaus bei Videokonferenzen das Open-Source-Konferenzsystem Opentalk. Und als weitere Säule werden die Telefoniesysteme mit einer Open-Source-Alternative neu entwickelt.
Die EU will und soll digital unabhängig werden. Wie sehen Sie die Chancen dafür in welchem Zeithorizont?
Der Fall am Internationalen Strafgerichtshof im vergangenen Jahr hatte auch auf EU-Ebene – leider – eindrucksvoll gezeigt, wie abhängig Institutionen, Regierungen und ebenso privatwirtschaftliche Unternehmen von proprietärer Software sind – häufig bereitgestellt von nur wenigen globalen Technologiekonzernen. In einer Zeit, in der die Grundlagen unserer regelbasierten Ordnung unter Druck geraten und sogar ernsthaft in Frage stehen, muss das klare – und dringende – Konsequenzen für den digitalen Raum haben. Staatliche Souveränität entscheidet sich heute nicht mehr allein an militärischer Stärke und der Fähigkeit, Recht und Ordnung im Innern durchsetzen zu können, sondern an der Fähigkeit, digitale Systeme und Infrastrukturen selbst steuern, kontrollieren und weiterentwickeln zu können und Herr über die staatliche Datenhaltung zu sein. Ich bin sicher, dies wurde auch auf EU-Ebene erkannt.
Der Weg zur digitalen Souveränität ist weder kurz noch einfach. Aber er ist notwendig, machbar, wirtschaftlich tragfähig und eine gemeinsame europäische Aufgabe. Jede Region, jede Regierung, jede Institution und jedes Unternehmen muss den eigenen individuellen Weg und Zeihorizont in die digitale Souveränität finden. In Schleswig-Holstein sind wir vorangegangen und schreiben die Blaupause mit den strategischen Schritten, aber auch allen Herausforderungen, die zu überwinden sind.
Wir merken bei den zahlreichen Anfragen, die wir von Regionen, Institutionen oder auch Unternehmen europaweit erhalten und die wissen wollen, wie wir vorankommen, dass etwas in Bewegung gekommen ist. Die aktuelle Entscheidung des Internationalen Strafgerichtshofes, statt des digitalen Arbeitsplatzes von Microsoft künftig Open Desk von ZenDiS zu nutzen, ist ein weiteres konkretes Beispiel, wie sich das Mindset insgesamt langsam zu ändern scheint. Kurzum: Die Zeit ist reif, die Chancen sind groß.



