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18.10.2018
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TECHNIKPHILOSOPH KRITISIERT US-AUTOBAUER

Warum der ökonomische Druck in den USA alles zunichte machen könnte

Prof. Dr. Armin Grunwald, Institutsleiter ITAS, Professor für Technikphilosophie am Institut für Philosophie des KIT und Leiter des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB)

Prof. Dr. Armin Grunwald, Institutsleiter ITAS, Professor für Technikphilosophie am Institut für Philosophie des KIT und Leiter des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) [Quelle: ITAS]


"Das war bereits der zweite tödliche Unfall, der erste war vor über einem Jahr mit einem Tesla. Beide Male wurde die Technik überschätzt, wie das so oft von technikbegeisterten Menschen gemacht wird." Das sagt der renommierte Technikphilosoph und Leiter des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag, Prof. Dr. Armin Grunwald. "Beide tödlichen Unfälle sind in den USA geschehen. Ich glaube, das ist kein Zufall, sondern hat mit einer höheren Technikgläubigkeit zu tun. Hinzu kommt noch der ökonomische Druck: die Konzerne wollen früh auf den Markt, um möglichst große Marktanteile zu ergattern. Das ist zwar verständlich – aber wenn hier nicht Verantwortung und Umsicht hinzukommen, kann der Schuss nach hinten losgehen."


Knick oder Kick? Verspielt die Industrie gerade unser Vertrauen für das autonome Fahren, nach dem tödlichen UBER-Unfall?
Das war bereits der zweite tödliche Unfall, der erste war vor über einem Jahr mit einem Tesla. Beide Male wurde die Technik überschätzt, wie das so oft von technikbegeisterten Menschen gemacht wird. Wenn das so weitergeht, droht in der Tat ein erheblicher Vertrauensverlust. Ich möchte aber auch daran erinnern, dass auch staatliche Zulassungsstellen Mitverantwortung tragen. Wenn unreife Technik als Sicherheitsrisiko auf die Straßen entlassen wird, ist das auch ein Thema für Politik und Behörden.

Inwieweit tragen überstürzte Entwicklungen neuer Technologien bei, dass der Mensch nicht mehr mitkommt? Oder anders gefragt, werden Technologien wie das autonome Fahren zu überstürzt eingeführt?
Beide tödlichen Unfälle sind in den USA geschehen. Ich glaube, das ist kein Zufall, sondern hat mit einer höheren Technikgläubigkeit zu tun. Hinzu kommt noch der ökonomische Druck: die Konzerne wollen früh auf den Markt, um möglichst große Marktanteile zu ergattern. Das ist zwar verständlich – aber wenn hier nicht Verantwortung und Umsicht hinzukommen, kann der Schuss nach hinten losgehen: statt erhoffter Marktchancen Verweigerung durch die Nutzer. Man sollte nicht vergessen, dass die Nutzer hier das letzte Wort haben. Das Vertrauen der Nutzer ist die wichtigste Ressource, um nachhaltig Marktanteile zu besetzen.

Was müssen die Hersteller tun, damit wir neuen Technologien wirklich vertrauen?
Nichts geht über die Bereitstellung möglichst sicherer Produkte. Autonome Systeme (nicht nur beim Auto) brauchen genügend Zeit zum Testen und Verbessern. Aus jedem noch so kleinen Problem, dass in der Realität auftritt, muss gelernt werden. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Zusätzlich muss offen über mögliche Risiken gesprochen werden. Das Verschweigen von Risiken und die Vortäuschung von Sicherheit fliegen irgendwann auf, und dann ist der Schaden maximal. Aber auch die Nutzer sind gefragt und müssen verstehen, dass es Nullrisiko nicht gibt. Wir müssen lernen, das Risiko autonomen Fahrens mit dem Risiko des menschlichen Fahrens zu vergleichen, das in Deutschland jährlich immer noch über 3.000 Verkehrstote fordert.

Braucht es einen gesellschaftlichen Diskurs über die Folgen neuer Verkehrstechnologien?
Ja, aber diesen auch schon gibt es seit Jahrzehnten. In den 1970er Jahren gab es im damaligen Westdeutschland jährlich über 20.000 (!) Verkehrstote. Damals begann die öffentliche Diskussion über Sicherheit, die zur Etablierung vielfältiger Sicherheitsmaßnahmen geführt hat wie Knautschzonen, Gurtpflicht und Airbags. Die Diskussion über Umweltfolgen begann in den 1980er Jahren und führte u.a. zu effizienteren Antriebstechnologien und zum Katalysator. Jedoch sind viele Bemühungen um mehr Nachhaltigkeit, Umweltverträglichkeit und Sicherheit durch immer weiteres Wachstum des Individualverkehrs und des Komforts zunichte gemacht worden. Daher ist die weitere wissenschaftliche Arbeit an nachhaltiger Mobilität weiterhin genauso gefragt wie die öffentliche Debatte.

Inwieweit sollte sich die Politik in Tempo und Durchsetzung neuer Technologien einmischen? Was würde bspw. ein staatlich verordneter Zwang zum autonomen Fahren bedeuten?
Die wichtigste Aufgabe der Politik in der Gestaltung des technischen Fortschritts und der Nutzung seiner Ergebnisse besteht im Setzen von Rahmenbedingungen. Diese müssen vor allem den Schutz von Menschen- und Bürgerrechten umfassen, z.B. im Setzen von Sicherheitsstandards und in der Vorgabe von Zulassungsverfahren. Wissenschaft und Wirtschaft sollten dann innerhalb dieser Rahmenbedingungen technikoffene Lösungen entwickeln, die den Nutzerbedürfnissen am besten entsprechen. Die explizite Förderung bestimmter Technologielinien durch den Staat (z.B. autonomes Fahren) bedarf guter gemeinwohlorientierter Argumente. Die Sorge vor einem staatlich verordneten Zwang zum autonomen Fahren ist reine Spekulation und wäre sicher auf Jahrzehnte hin auch technisch nicht möglich. Rechtlich wäre ein solcher Zwang in einem liberalen Staat mit Sicherheit mindestens problematisch, wenn nicht unmöglich.