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23.10.2018
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KEINE FREUDE AM MITFAHREN

Warum die Freude am Fahren nicht stigmatisiert werden sollte

Dr. Michael Haberland, Präsident Mobil in Deutschland e.V.

Dr. Michael Haberland, Präsident Mobil in Deutschland e.V. [Quelle: Mobil in Deutschland e.V.]


"Ich bin überzeugt, dass derzeit die breite Mehrheit der Menschen „Freude am Fahren“ und nicht „Freude am Mitfahren“ hat. Wenn ich heute mitfahren möchte, dann steige ich in die U-Bahn, den Bus, die Tram oder den Zug, aber nicht ins Auto. Hier bin ich selbst Lenker, weil ich es möchte." Das sagt Dr. Michael Haberland, Präsident Mobil in Deutschland e.V. "Und tatsächlich soll es noch Menschen in Deutschland geben – außer den Grünen – die Spaß am Autofahren haben. Diese Einstellung müsste sich zuallererst ändern. Das wird so schnell aber nicht passieren, zumal wir beim autonomen Fahren noch einen weiten Weg zu gehen haben. Technisch, ethisch und moralisch."


Knick oder Kick? Verspielt die Industrie gerade unser Vertrauen für das autonome Fahren, nach dem tödlichen UBER-Unfall?
Jeder Unfall ist einer zu viel. Und gerade bei neuen Entwicklungen wie dem autonomen Fahren, einer Technik, die eine enorme Dynamik zeigt, ist das natürlich besonders auffällig. Insbesondere, wenn sich die öffentliche Aufmerksamkeit hier so fokussiert. Da wird eine kleine Meldung gleich zu einer riesigen Headline. Trotzdem darf man sich hier nicht vom Weg abbringen lassen, es wird immer wieder Rückschläge geben. Autonomes Fahren wird kommen, aber Sicherheit um Leib und Leben muss immer im Vordergrund stehen.

Inwieweit tragen überstürzte Entwicklungen neuer Technologien bei, dass der Mensch nicht mehr mit kommt? Oder anders gefragt, werden Technologien wie das autonome Fahren zu überstürzt eingeführt?
Ich bin überzeugt, dass derzeit die breite Mehrheit der Menschen „Freude am Fahren“ und nicht „Freude am Mitfahren“ hat. Wenn ich heute mitfahren möchte, dann steige ich in die U-Bahn, den Bus, die Tram oder den Zug, aber nicht ins Auto. Hier bin ich selbst Lenker, weil ich es möchte. Und tatsächlich soll es noch Menschen in Deutschland geben – außer den Grünen – die Spaß am Autofahren haben. Diese Einstellung müsste sich zuallererst ändern. Das wird so schnell aber nicht passieren, zumal wir beim autonomen Fahren noch einen weiten Weg zu gehen haben. Technisch, ethisch und moralisch. Mobilität beginnt zuerst immer im Kopf. Die Leute müssen hierzu bereit sein und die Technik muss es ableisten können. Nehmen wir beispielsweise unser zweitliebstes Kind, das Smartphone. 45 Millionen Autos in Deutschland und 47 Millionen Smartphones. Und trotzdem funktioniert die Schnittstelle Auto – Smartphone - Mensch bei weitem noch nicht. Autofahrer haben das Smartphone meist in der Hand, obwohl es verboten und sehr gefährlich ist. Dabei ist Ablenkung am Steuer mittlerweile Unfallursache Nr. 1 in Deutschland. Auch das wird noch ein weiter Weg sein. Autonomes Fahren ein noch viel weiterer.

Was können Verbände, wie Mobil in Deutschland tun, damit wir neuen Technologien wirklich vertrauen?
Wir sind ein junger und technikoffener Automobilclub. Mobilität wird immer wichtiger in unserem Leben. Jede Art von Mobilität. Letztlich wählen die Menschen ihren Mobilitätsmix selbst nach persönlichen Präferenzen und Belieben. Da wo ich mich wohl fühle, lasse ich mich nieder. Das werden wir natürlich begleiten, ausprobieren und darüber berichten. Und auch unterstützen.

Braucht es einen gesellschaftlichen Diskurs über die Folgen neuer Verkehrstechnologien? Würde sich dafür auch Ihr Verband engagieren?
Natürlich. Mobilität beginnt im Kopf, ich wiederhole mich. Autonomes Fahren ist ja nicht ein neues Verkehrsschild, das eingeführt wird. Das ist ein Paradigmenwechsel der Mobilität. Bisher lenke ich das Fahrzeug und befördere Menschen. Mit meinem Auto, Motorrad oder Fahrrad. Und jetzt gebe ich diese Verantwortung für mich und andere ab? Mit hohen Geschwindigkeiten im eigenen Auto unterwegs, das von einem anderen Kontinent gesteuert wird? Ich muss gestehen, dass mich das bisher nur in der Theorie begeistert. Sehr spannend, was hier auf uns zukommt.

Inwieweit sollte sich die Politik in Tempo und Durchsetzung neuer Technologien einmischen? Was würde bsw. ein staatlich verordneter Zwang zum autonomen Fahren bedeuten?
Staatliche Zwänge und staatliche Pläne haben noch nie funktioniert. Zumindest das hätten wir aus 40 Jahren DDR lernen sollen. Der Staat ist ja nicht der bessere Unternehmer. Von daher wird das so nicht kommen. Aber der Staat muss die Rahmenbedingungen schaffen, das Biotop, in dem sich so eine Entwicklung gut voranbringen lässt. Amazon, Google, Facebook. Diese Entwicklung haben wir in Deutschland komplett verschlafen. Da haben uns die Amerikaner weit abgehängt. Das sollte bei Entwicklungen unserer Schlüsselindustrie in Deutschland, der Autoindustrie, nicht mehr passieren.