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08.12.2021
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SO DIGITAL IST DAS RADIO IM DEUTSCHSPRACHIGEN RAUM

Wie DAB+ bei den Hörern ankommt - und bei den Machern

Uwe Schimunek, Freier Journalist

Uwe Schimunek, Freier Journalist [Quelle: Meinungsbarometer.info]


Erst schien sich die Digitalisierung des Radios dahinzuschleppen – und nun geht offenbar alles ganz schnell. In Deutschland ist die sogenannte „Netto-Digitalisierungsquote“ auf über 63 Prozent gestiegen, d. h. beinahe zwei Drittel aller Deutschen über alle Gerätegruppen hinweg empfangen Radio digital. Dabei legt DAB+ weiter zu, mittlerweile hat mehr als ein Viertel der Menschen in Deutschland Zugang zu einem entsprechenden Empfangsgerät. In Österreich gibt es beim Digitalen Radio eine bis dato unbekannte Programmvielfalt und in der Schweiz wird gar der UKW-Abschalttermin vorgezogen.

In unserer Fachdebatte prognostiziert der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Privater Rundfunk (APR), Olaf Hopp, dass UKW und DAB+ noch einige Zeit nebeneinander existieren werden. „Allerdings wird DAB+ UKW in den kommenden Jahren sukzessive, für einzelne Programme zu unterschiedlichen Zeitpunkten, als primären Hörfunk-Übertragungsstandard ablösen. Genauso wie UKW einst die Mittelwelle abgelöst hat.“ Wann dies zu einer Abschaltung von UKW führen werde, müssten für die privaten Hörfunkunternehmen der Markt und jedes Unternehmen selbst entscheiden. Für die öffentlich-rechtlichen Programme würden sicher andere Vorgaben gelten, „nämlich die der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten, die nachvollziehbarerweise die Phase des Übergangs von UKW zu DAB+ aus Kostengründen so kurz wie möglich halten will.“

Die Frage, ob denn vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk zurückgegebene UKW-Frequenzen vom privaten Hörfunk genutzt werden können, hat sich nach Ansicht von Olaf Hopp allerdings erübrigt. „Eine neue Technologie zu fördern, indem die alte dem Markt wieder zugeführt wird, würde den Entwicklungsprozess eher verlangsamen und behindern, denn beschleunigen und wäre somit aus meiner Sicht kontraproduktiv.“

Die Digitalisierung des Rundfunks kann für Carsten Zorger, Leiter des Digitalradio Büro Deutschland, erst dann als abgeschlossen betrachtet werden, wenn kein Radioprogramm mehr analog, also über UKW, verbreitet wird. Radio werde sich mit digitaler Programmvielfalt und der in Krisenzeiten auch hochgeschätzten Linearität gegenüber Online-Inhalten behaupten können. Und genau deshalb löse DAB+ UKW einmal ab. „Wir überlassen es den Hörerinnen und Hörern zu entscheiden, wann das der Fall sein soll.“

Auch für Dr. Wolfgang Kreißig steht die Frage nach dem Ende einzelner Übertragungswege derzeit nicht im Mittelpunkt der Diskussion. Der Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) und Präsident der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK) merkt an, dass sich die Hörfunksender neben allen technischen Herausforderungen auch gegen die automatisierten Streamingdienste behaupten müssen. Die Sender müssten sich daher mehr denn je durch ihren Programmmix, ihre Moderatoren und insbesondere durch attraktive und informative Inhalte auszeichnen. Denn: „Radio ist mehr als Musik in Dauerschleife.“

Joe Pawlas, Vorsitzender der Geschäftsführung von Antenne Deutschland, betont in diesem Zusammenhang die noch einmal gewachsene Programmvielfalt über DAB+ in Deutschland. Sein Unternehmen betreibt den 2. DAB+ Bundesmux, auf dem vom Start an acht private Programmformate angeboten werden. Das sei insgesamt ein echter Gewinn an Programmvielfalt. „Hinsichtlich der noch freien Programmplätze ist es für Veranstalter die letzte Chance, ein bundesweites Programm terrestrisch zu verbreiten.“

Timo Naumann, Geschäftsführer des Verbandes Lokaler Rundfunk in NRW bezeichnet  DAB+  auch für lokale Anbieter als mögliche Chance, wenn DAB+ bisherige UKW-Versorgungslücken schließe oder neue Anbieter einen bisher nicht zugänglichen Markt erschließen könnten. Allerdings: „Für bestehende lokale Anbieter wird es schwer, ohne externe Hilfe erfolgreich DAB+ zu betreiben.“ Bayern gehe hier mit einem guten Beispiel voran.

Tatsächlich bestätigt Mischa Salzmann, Sprecher der Fachgruppe Hörfunk des Verbandes Bayerischer Lokalrundfunk (VBL) und Geschäftsführer von Radio Bamberg, dass DAB+ die Empfangsqualität und damit die technische Reichweite lokaler Sender erhöht hat, insbesondere derer, die bei der UKW-Verbreitung auf viele kleine Stützfrequenzen zurückgreifen müssten. Damit sei vor allem beim mobilen Empfang durch DAB+ die Wettbewerbsverzerrung in technischer Hinsicht gegenüber den landesweiten (ÖR)-Radioprogrammen gemildert worden, auch wenn diese beim wichtigsten Distributionsweg UKW noch bestehe. „Die Funkanalyse Bayern zeigt, trotz gestiegener Konkurrenz, dass der lokale Hörfunk – wenn er seinen USP - lokale Inhalte - stark positioniert, eher profitiert, während landesweite Programme wie Antenne Bayern Reichweitenverluste hinnehmen müssen.“

In Österreich hat digitales Radio durch die Aufschaltung einer ganzen Reihe von Senden erheblichen Schwung bekommen. „Mehr Programmvielfalt ist in erster Linie gut für jede einzelne Hörerin und jeden Hörer“, konstatiert Corinna Drumm, Geschäftsführerin beim Verband Österreichischer Privatsender. Mehr Vielfalt im Medienangebot sei aber auch für die Gesellschaft als Ganzes und ihre demokratischen Strukturen vorteilhaft. Die Hörerinnen und Hörer erwarteten indes von „ihrem“ Radiosender, auf allen relevanten Verbreitungsplattformen präsent zu sein. Dazu gehöre neben UKW natürlich auch DAB+, ebenso wie IP-basierte Plattformen (z.B. Radioplayer.at), und zukünftig sicher auch „5G-Broadcast“. „Diese Multi-Plattform-Strategie unterstützen wir auch als Branchenverband.“

Thomas Rybnicek, Geschäftsführer von Mein Kinderradio, berichtet von fulminanter Resonanz auf die DAB+Ausstrahlung seines Senders. „Interessanterweise haben sich seit dem Start auf DAB+ auch die Zugriffszahlen auf unseren Stream vervielfacht“, erklärt der Radiomacher aus Österreich. DAB+ habe da sicher einen großen Anteil am Erfolg. „DAB+ ist damit aus meiner Sicht ein wesentlicher Treiber für die Branche.“ Nur mit der dort gebotenen und möglichen Vielfalt bleibe Radio auch für kommende Generationen ein wesentlicher Bestandteil.

Eine riesige Programmvielfalt vermeldet auch Dr. Georg Plattner, Direktor der RAS Rundfunkanstalt Südtirol. Zu den 22 landesweiten Hörfunkprogrammen kämen zusätzlich 13 private lokale Hörfunkprogramme und die beiden nationalen privaten Multiplexe. „85% der Bevölkerung Südtirols kann somit über 88 DAB+ Programme empfangen.“

In der Schweiz wurde gerade der Ausstieg aus der UKW-Verbreitung auf die Jahre 2022/2023 vorgezogen. Florian Wanner, Leiter Radio der CH Regionalmedien AG, begrüßt den neuen Umstiegsplan. Sein Haus betreibt etwa Virgin Radio Rock, Virgin Radio mit der Musikfarbe HipHop, Hits und Deutschrap sowie das Schlagerprogramm Radio Meldoy. Er verweist darauf, dass auch IP bei der Verbreitung eine Rolle spielen werde. „Gerade in der Vermarktung bietet IP tolles neues Werbeinventar.“