MEINUNGSBAROMETER.INFO

DIGITALISIERUNG

DAS FACHDEBATTENPORTAL

Für Entscheider aus Politik, Wirtschaft, Medien & Gesellschaft


schliessen

Bitte hier einloggen:

Login

Passwort vergessen?
 
14.07.2020
Kopieren und anderweitige Vervielfältigungen sind nicht erlaubt.

ROBOTIK ALS ZUKUNFTSTECHNOLOGIE FÜR DIE PFLEGE

Wo Chancen und Herausforsderungen moderner Technik in der Betreuung liegen

Thomas Knieling, Bundesgeschäftsführer Verband Deutscher Alten- und Behindertenhilfe e.V. (VDAB)

Thomas Knieling, Bundesgeschäftsführer Verband Deutscher Alten- und Behindertenhilfe e.V. (VDAB) [Quelle: VDAB e.V. ]


Moderne Technologien haben aus Sicht von VDAB-Bundesgeschäftsführer Thomas Knieling "das Potenzial, ältere oder pflegebedürftige Menschen dabei zu unterstützen, länger selbstbestimmt und auf eigenen Wunsch in ihrem gewohnten privaten Umfeld zu verbleiben." Voraussetzung dafür sei allerdings, dass die digitalen Hilfsmittel in den Pflegealltag eingebettet und auf die Pflegesituation abgestimmt sind.


Der Bundesrat hat eine Initiative zur Förderung für bessere Rahmenbedingungen für digitale Assistenzsysteme gestartet. Welchen Beitrag können solche Assistenzsysteme bei der Pflege leisten?
Technische Assistenzsysteme, wie z.B. app-basierte Therapieangebote zur Stärkung der kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten oder spielebasierte Assistenztechnologien für das Mobilitätstraining, sind ein wichtiger Baustein in der Pflege, der zu mehr Selbstständigkeit und einer höheren Lebensqualität der Pflegebedürftigen beiträgt. Sie haben das Potenzial, ältere oder pflegebedürftige Menschen dabei zu unterstützen, länger selbstbestimmt und auf eigenen Wunsch in ihrem gewohnten privaten Umfeld zu verbleiben. Das entlastet in der Regel auch die professionell Pflegenden wie auch die Angehörigen. Voraussetzung dafür ist, dass die digitalen Hilfsmittel gut in den Pflegealltag eingebettet und auf die Pflegesituation abgestimmt sind. Der Markt für diese Systeme und Anwendungen ist sehr unübersichtlich und ihre Finanzierung ist teilweise intransparent. Hier besteht Handlungsbedarf, welcher auch im Rahmen der Konzertierten Aktion Pflege erkannt wurde und durch verschiedene Initiativen und Maßnahmen angegangen wird.

Für eine Reihe von Tätigkeiten in der Pflege gibt es inzwischen Roboter. Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich aus der Robotik in der Pflege?
Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI), Big Data, Blockchain, virtuelle und augmentierte Realität (VR/AR) und nicht zuletzt Robotik spielen durch neue Produkte und Dienstleistungen eine immer größere Rolle in unser aller Alltag. Und das gilt auch für die Pflege. Insbesondere die Robotik bietet als Zukunftstechnologie für die Pflege die Chance, ein enormes Entlastungspotenzial für die professionell Pflegenden zu heben. Beispiel sind dafür der Einsatz bei der Einnahme von Medikamenten, Speisen oder Getränken oder bei Dreh- und Hebeprozessen. Insgesamt besteht die Herausforderung, zwei Ziele miteinander in Einklang zu bringen. Zum einen muss bei der Entwicklung und dem Einsatz von Technologien der Robotik das Wohl der pflegebedürftigen Personen jederzeit im Mittelpunkt stehen und zum anderen sollte die Technik einen Nutzen für die beruflich Pflegenden im Sinne einer Entlastung bereitstellen, ohne dass der menschliche Kontakt komplett abhandenkommt. Hier bedarf es noch einiger Forschungen, bis die Robotik in der breiten Praxis zuverlässig zum Einsatz kommen kann.

Zahlreiche Verwaltungsvorgänge lassen sich in Software-Systemen abbilden. Inwieweit kann sich aus Ihrer Sicht der damit verbundene Investitions-, Prozessanpassungs- und Schulungsaufwand auszahlen?
Insbesondere für den pflegerischen Mittelstand ist die Digitalisierung mit vielen Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten im Unternehmen verbunden. Gerade in Zeiten schwindender personeller Ressourcen und steigender Qualitätsanforderungen können technische Systeme helfen, die menschliche Arbeitskraft effektiv dort einzusetzen, wo sie unersetzlich ist: in der Pflege am Bett. Darüber hinaus kann damit die Qualität gesichert werden. Am Beispiel der elektronischen Abrechnung zeigen sich aber auch die Schwierigkeiten der Implementierung. Durch den elektronischen Datenträgeraustausch im Rahmen des zweiten Bürokratieentlastungsgesetzes zwischen Unternehmen und Kassen soll Bürokratie abgebaut werden, was wir befürworten. Die Umsetzung darf allerdings nicht durch die von den Kassen geforderten neuen Dokumentationspflichten zu einem Bürokratiemonster aufgebaut werden. Digitalisierung kann sich nur dann durchsetzen, wenn sie analoge Dokumentationssysteme ersetzen darf. Solange Kostenträger analoge und digitale Lösungen miteinander zu verknüpfen versuchen oder Doppelstrukturen aufbauen, ist es nicht möglich alle Potentiale von Digitalisierung zu nutzen.

Wie sollte das Pflege-Fachpersonal insgesamt auf dem Weg in die Digitalisierung begleitet werden?
Insgesamt muss Pflegekräften die Skepsis gegenüber neuen Technologien genommen werden, damit Digitalisierung wirken kann. Hier sind Industrie und Pflegeunternehmen gefragt. Die Industrie muss Produkte anbieten, die nutzerfreundlich sind und echte Vorteile im Pflegealltag bieten. Vor allem die Pflegeunternehmen müssen Geduld aufbringen, möglichst alle Mitarbeiter auf dem Weg der Digitalisierung mitzunehmen. Besonders die Führungskräfte sind gefordert, die Mitarbeiter zu motivieren und bei der Aneignung neuer digitaler Techniken zu begleiten. Digitalisierung und technische Unterstützung kann nur gelingen, wenn beruflich Pflegende, pflegebedürftige Personen und pflegende Angehörige frühzeitig einbezogen werden, ihre Ängste ernst genommen und ihre Kompetenzen zum Einsatz der Technik gestärkt werden. Dann wird die Digitalisierung eine wichtige Rolle in der Sicherung der flächendeckenden Versorgung mit professioneller Pflege spielen können.