MEINUNGSBAROMETER.INFO

DIGITALISIERUNG

DAS FACHDEBATTENPORTAL

Für Entscheider aus Politik, Wirtschaft, Medien & Gesellschaft


schliessen

Bitte hier einloggen:

Login

Passwort vergessen?
 
03.08.2020
Kopieren und anderweitige Vervielfältigungen sind nicht erlaubt.

FORSCHERIN FORDERT VERSTÄRKTE DISKUSSION UM "GUTE" PFLEGE

Wo Technik helfen kann - und wo die Grenzen liegen

Prof. Dr. Anne Meißner - Institut für Sozial- und Organisationspädagogik, Universität Hildesheim

Prof. Dr. Anne Meißner - Institut für Sozial- und Organisationspädagogik, Universität Hildesheim [Quelle: Uni Hildesheim]


"Technik hat Potential", betont Prof. Dr. Anne Meißner von der Universität Hildesheim, gleichwohl sei nicht jedes Assistenzsystem wirksam und sinnvoll. Die Expertin ist Herausgeberin des neuen Buches "Neue Technologien in der Pflege. Wissen. Verstehen. Handeln" (Kohlhammer Verlag). In dem Band veröffentlicht sie unter anderem einen ausführlichen Beitrag zum Thema Robotik in der Pflege.


Der Bundesrat hat eine Initiative zur Förderung für bessere  Rahmenbedingungen für digitale Assistenzsysteme gestartet. Welchen  Beitrag können solche Assistenzsysteme bei der Pflege leisten?
Ja, die demografischen, epidemiologischen und gesellschaftlichen Veränderungen rufen nach einer Lösung. Technik hat Potential. Gleichwohl ist nicht jedes Assistenzsystem wirksam und sinnvoll. Es gilt, „die guten ins Töpfchen und die schlechten ins Kröpfchen“ zu sortieren. Nicht jede Digitale Innovation muss auch beim Pflegebedürftigen ankommen. Schließlich kann am Ende des Tages die Erkenntnis auch lauten, dass das technische System eben nicht das richtige ist, entgegen vorheriger Annahmen und Hypothesen. Insgesamt sollten die Vorstellungen „guter“ Pflege und Versorgung verstärkt in die Diskussion aufgenommen werden. Welche Vorstellungen haben wir von guter Pflege und Versorgung in Deutschland? Welche politischen Rahmenbedingungen unterstützen die Umsetzung dieser Vorstellung? Und, welcher Technik bedarf es, um diese „gute“ Pflege und Versorgung unter bekannten Herausforderungen zukünftig leisten zu können? So wird vermieden die technischen Möglichkeiten in den Mittelpunkt zu stellen, wie es leider oftmals der Fall ist. Deutschland hat zudem noch mit der fehlenden flächendeckenden Breitbandkonnektivität zu kämpfen.

Für eine Reihe von Tätigkeiten in der Pflege gibt es inzwischen Roboter. Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich aus der Robotik in der Pflege?
Sie suggerieren mit Ihrer Frage, dass Roboter in der Pflege bereits regulär im Einsatz sind. Das ist nicht der Fall. Zudem gilt es, hier etwas genauer hinzugucken. Wir sprechen von sog. Service-Robotern im Gegensatz zu Industrierobotern. Diese können menschlich, tierähnlich oder maschinenähnlich gestaltet sein. Sie haben a) aufgrund ihrer Form verschiedene Fähigkeiten. Das ist bei Mensch und Tier nicht anders (z. B. Hände, die etwas greifen können, vs. Tatze mit Krallen, die etwas reißen können). Daneben können b) verschiedenartige technische Möglichkeiten je System umgesetzt werden. Die einen können etwas anreichen. Andere transportieren etwas von A nach B oder erinnern uns, etwas zu tun. Wieder andere sollen für Abwechslung sorgen, uns unterhalten oder soziale Teilhabe ermöglichen. Die Umsetzung gelingt unterschiedlich gut. Vor allem aber gilt zu definieren, welche Tätigkeiten robotische Systeme eigentlich übernehmen sollen. Die Antwort darauf ist nicht trivial und gleichzeitig der Boden für nützliche Diskussionen. Robotische Systeme haben Potential, wenn sie die Kernprozesse pflegerische Arbeit unterstützen, dabei einfach eingesetzt werden können, bezahlbar und leicht bedienbar sind. Dafür bedarf es einer weitblickenden Steuerung von Forschung und Produktentwicklung.

Zahlreiche Verwaltungsvorgänge lassen sich in Software-Systemen  abbilden. Inwieweit kann sich aus Ihrer Sicht der damit verbundene  Investitions-, Prozessanpasssungs- und Schulungsaufwand auszahlen?
Verwaltungsvorgänge können vielerlei sein, z. B. Abrechnung, Dokumentation, Dienstplangestaltung etc. Viele Aspekte sind relevant. Zwei Punkte möchte ich herausgreifen. 1) Beziehen Sie die End-User von Anbeginn in die Softwareauswahl mit ein. 2) Lassen Sie sich nicht von den Möglichkeiten der IT (Pflichtfelder etc.) verleiten, um „vollständige“ Daten zu generieren. Achten Sie vielmehr darauf, für den Versorgungsauftrag bedeutsame Daten zu generieren und machen Sie den Nutzern der Eingaben transparent. Vergessen Sie auch nicht, vorher zu überlegen, wie Ihre Outcome-Parameter lauten, diese zu operationalisieren und evaluativ zu erfassen.

Wie sollte das Pflege-Fachpersonal insgesamt auf dem Weg in die Digitalisierung begleitet werden?
Um neue Technologien mit Pflege und Versorgung zusammenzubringen, braucht es digitale Kompetenzen und eine systematische Wissensmobilisierung. Die Integration digitaler Kompetenzen muss deshalb zukünftig verstärkt in einschlägige nationale Gesetze Eingang finden. Die Vermittlung digitaler Kompetenzen hat erfahrungsgemäß in die Curricula der sog. neuen Pflege(aus)bildung, mal mehr – mal weniger, Einzug gehalten. Es ist jedoch erforderlich, diese systematisch in Aus-, Fort-, Weiterbildung und Studium zu verankern. Um eine Wissensmobilisierung in kurzer Zeit für die rund eine Million tätigen Pflegenden in Deutschland zu ermöglichen, wären übrigens technische Systeme hilfreich, z. B. sog. zeit- und ortsunabhängigen Massive Open Online Courses (MOOCs).