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Interview10.11.2023

Recyclingmengen müssen drastisch erhöht werden

Wie Kunststoffe zu mehr Nachhaltigkeit beitragen können

Dr. Ron Brinitzer, Geschäftsführer von kunststoffland NRW Quelle: kunststoffland NRW Dr. Ron Brinitzer Geschäftsführer Kunststoffland NRW
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Uwe Rempe
Freier Journalist
Meinungsbarometer.info
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Wiederverwertung und lange Produkt-Nutzungszeiten lassen für Dr. Ron Brinitzer,  Geschäftsführer des Vereins kunststoffland NRW,  die Vorteile von Kunststoffen mit ihrer nachhaltigen Verwendung in Einklang bringen. Doch er sagt auch: "Der Weg dahin ist lang und schließt die gesamte Wertschöpfungskette ein."





Wie kann man sicherstellen, dass alternative Kunststoffe wirklich nachhaltig sind?
Nachhaltigkeit fordert eine Ressourcennutzung im Rahmen der planetaren Grenzen. Das betrifft ganz viele Dimensionen, was eine Operationalisierbarkeit extrem schwierig macht. Wenn wir uns über Kunststoffe unterhalten, muss es zunächst um die Frage gehen, woher der Kohlenstoff stammt, aus dem das Polymer erzeugt wird. Stammt er wie bei Virgin Material aus neuem Erdöl oder handelt es sich um schon im Umlauf befindlichen fossilen Kohlenstoff, den wir auf dem Wege des Recyclings möglichst lange im Umlauf halten? Hier müssen wir wesentlich besser werden und die Recyclingmengen drastisch erhöhen.

Aber selbst, wenn uns das gelingt, wissen wir, dass wir den künftigen Bedarf an Kohlenstoff nicht nur aus Recycling decken können. Hier kommen biobasierte Kunststoffe auf pflanzlicher Basis als Teil der Lösung ins Spiel, denn sie ermöglichen uns einen Teil des Bedarfs durch CO2-Entnahme aus der Luftohne den Rückgriff auf fossile Quellen zu decken.

Und schließlich wird es vielleicht irgendwann einmal wirtschaftlich, den Kohlenstoff durch CO2-Nutzung direkt aus der Luft oder aus Punktquellen zu entnehmen.

Insofern tragen biobasierte Kunststoffe grundsätzlich zur Nachhaltigkeit bei. Allerdings müssen wir sicherstellen, dass der Anbau der Biomasse selbst auch nachhaltig erfolgt. Abgesehen von unterschiedlichen Zertifizierungssystemen, mit denen ein nachhaltiger Anbau sichergestellt werden kann, ist man diesbezüglich bestimmt auf der sicheren Seite, wenn hier biogene Reststoffe nutzbar gemacht werden können, die bislang gar nicht genutzt werden.

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Stehen wir in Sachen Biokunststoffe vor einer neuen Tank-oder-Teller-Diskussion?
Um ehrlich sein, sehe ich das aktuell nicht. Derzeit wird weltweit eine minimale Menge der landwirtschaftlichen Anbauflächen für Biokunststoffe genutzt. Wir liegen da bei etwa 0,02 Prozent.Insofern können wir hier nicht von einer Nutzungskonkurrenz zum Nahrungs- oder Energiepflanzenabbau reden.

Gleichwohl halte ich biobasierte Kunststoffe für einen wichtigen Teil der Lösung, weshalb ich eine Erhöhung ihres Anteils befürworte. Damit auch in Zukunft keine Konkurrenzen entstehen, ist es deshalb sinnvoll, sich noch stärker mit der Nutzung von biogenen Reststoffen für Biokunststoffe zu beschäftigen und hier neue Potentiale zu erschließen.

Wie steht es bei Biokunststoffen um das Prinzip der Kaskadennutzung, das in ihrem Fall bedeuten würde, sie zunächst stofflich in langlebigen und reparierbaren Produkten einzusetzen, später zu recyceln und zuletzt energetisch zu verwerten?
Die meisten biobasierten Kunststoffe haben dieselben Eigenschaften wie Kunststoffe auf Erdölbasis. Für sie gelten deshalb dieselben Ansprüche in Bezug auf ihren Gebrauch und insbesondere die Phase nach ihrer Nutzung. Das trifft auch auf die Kaskadennutzung zu: Nach einem möglichst langen Gebrauch sollten sie – erst mechanisch oder, wenn das ausgeschlossen ist, chemisch – recyclingfähig sein, und erst, wenn das nicht mehr geht, können sie einer energetischen Verwertung zugeführt werden. Dabei sollte man sich klar machen, dass hierbei genauso viel CO2 entsteht, wie die Pflanzen zuvor der Luft entnommen haben. Insofern ist das im Falle biobasierter Kunststoffe ein klimaneutraler Kreislauf.

Muss in diesem Zusammenhang die Frage eines effizienten und umfassenden Recyclingsystems stärker in den Vordergrund rücken
Biobasiert bedeutet nicht automatisch bioabbaubar, sie können aber auch bioabbaubar sein. Diese Kunststoffe sollten vor allem da zum Einsatz kommen, wo die Bioabbaubarkeit einen wirklichen Mehrwert bedeutet. Keiner möchte technische Teile in einem Auto aus einem Kunststoff, der sich mit der Zeit zersetzt. Aber es gibt Anwendungen, bei denen wir beispielsweise den Verbleib von Kunststoffen in der Natur verhindern können. Bioabbaubare Kunststoffe eigenen sich hervorragend für Pflanztöpfe oder Folien in der Landwirtschaft. Hier zersetzen sie sich irgendwann in CO2 und Wasser.

Die meisten biobasierten Kunststoffe sind in ihren Eigenschaften aber nicht von fossilbasierten zu unterscheiden. Um Nachhaltigkeit zu erreichen, müssen wir die Recyclingquote für diese Kunststoffe genauso steigern wie für Kunststoffe allgemein. Der Weg dahin ist lang und schließt die gesamte Wertschöpfungskette ein: Vom Design der Produkte mit geringerer Materialvielfalt und mehr Monomaterial, veränderter Farbgebung, der Auswahl von Additiven und Füllstoffen, über digitale Produktpässe und Markierung der Materialien bis hin zu moderner Sortingtechnologie oder der Skalierung des chemischen Recyclings.

■■■ WEITERE BEITRÄGE DIESER FACHDEBATTE

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