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Interview21.09.2020

Radio muss die Evolution zu Audio vollziehen

Wie welche Programme und Produkte verbreitet werden können

Timo Naumann - Geschäftsführer Verband Lokaler Rundfunk in Nordrhein-Westfalen e.V. Quelle: VLR NRW Timo Naumann Geschäftsführer Verband Lokaler Rundfunk in Nordrhein-Westfalen
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Uwe Schimunek
Freier Journalist
Meinungsbarometer.info
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Aktuelle Zahlen zeigen Timo Naumann vom Verband Lokaler Rundfunk in Nordrhein-Westfalen, "dass sich noch keiner der Distributionswege in einer Abwärtsspirale befindet und Veranstalter kurzfristig hoffen dürfen, dass ein Relevanzverlust eine Abschaltung rechtfertigt". DAB+ kann für Lokalprogramme unter bestimmten Voraussetzungen erfolgreich sein. Die spannendere Frage sei indes einen andere.





Nach dem aktuellen Digitalisierungsbericht Audio können beinahe zwei Drittel aller Deutschen über alle Gerätegruppen hinweg Radio digital empfangen. Wie lange braucht es noch welche Distributionswege für Radioprogramme?
Der aktuelle Digitalisierungsbericht der Landesmedienanstalten zeigt, dass sich noch keiner der Distributionswege in einer Abwärtsspirale befindet und Veranstalter kurzfristig hoffen dürfen, dass ein Relevanzverlust eine Abschaltung rechtfertigt. Selbst Satellit und Kabel werden weiterhin von einer relevanten Masse an Hörerinnen genutzt. Maßstab sollte dabei immer die tatsächliche Nutzung und nicht der Gerätebesitz sein – denn der Gerätebesitz wird sich durch Neukäufe und technische Entwicklung von alleine erhöhen, ohne zwingend einen Rückschluss auf die Akzeptanz eines Übertragungsweges oder eines einzelnen Programms zu bieten. Dies gilt besonders für digitale Verbreitungswege. Die viel spannendere Frage ist, ob klassisches, lineares Radio in den kommenden Jahren seine Attraktivität behalten kann, oder ob eher teil-interaktive, multimedial angereicherte und individualisierte Audioplattformen und Audioprodukte weiter an Attraktivität gewinnen werden und dann – unabhängig vom Distributionsweg – substituierend oder komplementär genutzt werden. Vermutlich wird sich letztlich die Nutzung IP-basierter Audioprodukte durchsetzen. Die Herausforderung für Veranstalter wird dann darin bestehen, rechtzeitig zu bemerken, dass es nicht der Distributionsweg ist, der an Attraktivität gewinnt, sondern ein Produkt, das die Möglichkeiten des Distributionswegs ausnutzt.
 

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Besonders stark ist DAB+ in Bayern und Sachsen - dort gibt es nicht zuletzt auf lokaler Ebene eine besondere Programmvielfalt. Inwieweit ist DAB+ aus Ihrer Sicht eine Chance für lokale Anbieter?
Aus meiner Sicht – und die ist durch die NRW-Radiolandschaft gefärbt und damit sicher auch „besonders" – kann DAB+ für lokale Anbieter eine Chance sein, wenn DAB+ bisherige UKW-Versorgungslücken schließen kann oder neue Anbieter einen bisher für sich nicht zugänglichen Markt erschließen können. Für bestehende lokale Anbieter wird es schwer, ohne externe Hilfe erfolgreich DAB+ zu betreiben. Bayern geht hier mit einem guten Beispiel voran und zeigt, welche politische und finanzielle Unterstützung dafür notwendig sind. Eine weitere Chance auf lokalen Erfolg bei DAB+ sehe ich, wenn sich ein günstiges lokales Sendegebiet ergibt. Dies ist bei einer Metropole oder einer Metropolregion sicher eher der Fall – wobei im zweiten Fall die Frage der Lokalisierung diskutiert werden muss – als bei einem Lokalsender, der in schwieriger Topographie eine große Fläche versorgen soll. Hier fressen selbst die vermeintlich günstigeren DAB+ Verbreitungskosten ein Budget schnell auf und der Sender arbeitet defizitär.

IP-basiertes Radio wird häufig auf dem Smartphone genutzt. Welches Potenzial für den digitalen Radioempfang steckt in modernen Handys?
Diese Frage führt uns in die aus dem Bereich Bewegtbild bekannte Diskussion über Lean-Back und Lean-Forward. Heute zweifelt niemand mehr den Erfolg von Videoportalen wie Netflix oder Amazon Prime an, hinterfragt, warum klassische TV-Sender sämtliche Inhalte auch online anbieten oder teilweise zusätzliche Inhalte jenseits des linearen Programms anbieten. Es fragt aber auch niemand mehr, ob jemand „Fernsehen" auf dem Handy schauen möchte. Die Evolution zu „Video" ist eine, die Radio auch zu „Audio" vollziehen muss und dies auch derzeit tut. Dies wird aber unser Verständnis von Radio langfristig verändern, so dass ich gerne modernen Handys ein hohes Potenzial für digitalen (IP!) Radioempfang unterstelle. Nur über die Definition von Radio, darüber müssten wir uns nochmal unterhalten. Zum Glück müssen wir nicht mehr darüber sprechen, dass ein Simulcast allein nicht ausreicht. Aber die große Diskussion um die Relevanz von Radio als lineares Produkt – mit all seinen Vor- und Nachteilen – die wird uns in den kommenden Jahren noch intensiv beschäftigen.

Im Herbst startet der zweite DAB+ Bundesmux. Was bedeutet das für die deutsche Radiolandschaft?
Ich persönlich bezweifle, dass der zweite Bundesmux eine DAB+ Lawine auslösen wird und neue Veranstalter und Konsumenten in Scharen zu DAB+ treibt, die nicht ohnehin schon diesen Distributionsweg präferieren. Konsumenten werden sich über das Plus an Sendern freuen und Reichweiten aller anderen Sender und Distributionskanäle werden sich mal mehr und mal weniger in Richtung DAB+/zweiter Bundesmux verschieben. Das bleibt aber am Ende aber ein Nullsummenspiel und vergrößert höchstens den Wettbewerb von Radioveranstaltern untereinander. Das Risiko trägt dabei die DAB+ Lobby: Wird der zweite Bundesmux nicht den überwältigenden Erfolg liefern können, den man sich von ihm verspricht, dann verliert er seine Kraft als Zugpferd für DAB+. Weiteres politisches Engagement und finanzielle Unterstützung dürfte kaum zu rechtfertigen sein, wenn der zweite Bundesmux am Ende nur Radio anders verbreitet, aber keine zusätzliche Wertschöpfung mit sich bringt. Wenn man es so betrachtet, ist der zweite DAB+ Bundesmux zum Erfolg verdammt.

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