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27.04.2018
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POSITIVE NACHRICHTEN GEGEN DIE TECHNIK-ANGST

Debatte um autonomes Fahren darf nicht zulasten des Automobils gehen

Matthias Braun, AvD Generalsekretär

Matthias Braun, AvD Generalsekretär [Quelle: AvD Automobilclub von Deutschland e. V.]


"Tragische Unfälle erregen hohe Aufmerksamkeit. Der Verlust von Menschenleben ist erschütternd. Die weltweit vorangetriebenen vielfältigen Aktivitäten in den Bereichen Forschung und Entwicklung von vernetzter Mobilität und autonomen Fahren zur Steigerung der allgemeinen Verkehrssicherheit werden von der Öffentlichkeit hingegen nicht in gleichem Maße wahrgenommen. Welchem interessierten Verkehrsteilnehmer in Deutschland ist bewusst, dass schon seit mehr als zwei Jahren ein Testfeld Autonomes Fahren im Bereich der A 9 bei Ingolstadt existiert?" Das sagt der AvD-Generalsekretär, Matthias Braun. Generell dürfe die Debatte um das autonome Fahren nicht zu Lasten des Automobils geführt werden.


Knick oder Kick? Verspielt die Industrie gerade unser Vertrauen für das autonome Fahren, nach dem tödlichen UBER-Unfall?
Tragische Unfälle erregen hohe Aufmerksamkeit. Der Verlust von Menschenleben ist erschütternd. Die weltweit vorangetriebenen vielfältigen Aktivitäten in den Bereichen Forschung und Entwicklung von vernetzter Mobilität und autonomen Fahren zur Steigerung der allgemeinen Verkehrssicherheit werden von der Öffentlichkeit hingegen nicht in gleichem Maße wahrgenommen. Welchem interessierten Verkehrsteilnehmer in Deutschland ist bewusst, dass schon seit mehr als zwei Jahren ein Testfeld Autonomes Fahren im Bereich der A 9 bei Ingolstadt existiert? Hier werden von Unternehmen, die sich mit Mobilität beschäftigen, Fahrzeuge in automatisierten Fahrmodi sowie vernetztes Fahren im Realbetrieb getestet. Seit Dezember 2017 ist ein weiteres Testfeld in der Region Karlsruhe hinzugekommen, dort sogar unter Einbeziehung des Stadt- und Landstraßenverkehrs. Der AvD geht davon aus, dass nur über solche abgesicherten sowie gründlich geplanten und durchgeführten Projekte das Vertrauen von Verkehrsteilnehmern gewonnen werden kann. Überzeugend wäre der Nachweis einer Steigerung der Verkehrssicherheit durch vernetzte und autonome Systeme. Sowohl die deutsche als auch internationale Industrie hat dafür aber noch einiges beizutragen.

Inwieweit tragen überstürzte Entwicklungen neuer Technologien dazu bei, dass der Mensch nicht mehr mit kommt? Oder anders gefragt, werden Technologien wie das autonome Fahren zu überstürzt eingeführt?
Der AvD macht darauf aufmerksam, dass autonomes Fahren im zugelassenen Normalbetrieb noch nirgends möglich ist. Das liegt neben der noch notwendigen technischen Entwicklungen auch an den rechtlichen Rahmenbedingungen. Zulässig ist momentan, dass Fahrzeuge einzelne Fahrfunktionen unter definierten Bedingung selbst ausführen dürfen, der Fahrer muss aber jederzeit dazu in der Lage sein, die Kontrolle über das Fahrzeug zu übernehmen. Da weltweit die Regeln zur Ermöglichung autonomen Fahrens geändert werden müssten, wird eine generelle Zulassung noch auf sich warten lassen.  Wobei die technische Entwicklung aufgrund der Digitalisierung und dem Einsatz von Konzepten der „Künstlichen Intelligenz“(KI, engl.: artificial intelligence, AI) rasant voranschreitet.

Was können Verbände, wie der AvD tun, damit wir neuen Technologien wirklich vertrauen?
Der AvD beobachtet und unterstützt den Fortschritt rund um das Auto und die individuelle Mobilität, wenn sie der Erhöhung der Verkehrssicherheit dient. Es soll allen Verkehrsteilnehmern aufgezeigt werden,  dass der Individualverkehr zukunftsfähig und umweltfreundlich sein kann – auch durch die fortschreitende Digitalisierung des Verkehrs. Man sollte dabei der Öffentlichkeit bewusst machen, dass die Automobilindustrie mit den Themen wie Digitalisierung oder autonomen Fahren vor einem großen Wandel steht. Dieser Wandel kann schon deshalb nicht gestoppt werden, weil neue Marktteilnehmer aus anderen Branchen über sehr hohe Mittel verfügen, um selbständig Entwicklungen voranzutreiben.    Angesichts der Tatsache, dass neuere Fahrzeuge mehr und mehr „rollende Computer“ sind, setzt sich der AvD besonders dafür ein, dass ein Kraftfahrer „Herr seiner Daten“ bleiben muss. Für die Vertrauensbildung ist das ein wichtiger  Aspekt.  Wir unterstützen die Kampagne der Fédération Internationale de l'Automobile (FIA) „My Car My Data“. Sie soll für den Schutz von Fahrzeugdaten sensibilisieren, sowie zu entsprechenden gesetzgeberischen Maßnahmen und zu fairen Bedingungen bei Dienstleistungen im Zusammenhang mit vernetzten Fahrzeugen führen. Als praktisches Beispiel für die Gewinnung von Vertrauen sei an dieser Stelle auch das Problem der manipulierten Kilometerstände erwähnt. Diese sind in den Kraftfahrzeugen elektronisch hinterlegt. Der AvD engagiert sich in der „Initiative gegen Tachomanipulation“  für eine gesetzeskonforme und sichere Lösung mittels eines „Car Pass“ Systems. Der AvD, dessen satzungsgemäßer Auftrag die (Selbst-) Hilfe für Kraftfahrer und das Engagement für Verkehrssicherheit ist, will bei den Bemühungen um Vertrauensbildung die Interessen der Autofahrer formulieren und ihnen öffentliches Gewicht verleihen. Der Club vertritt mit ganzer Überzeugung den selbstbestimmten Individualverkehr mit Kraftfahrzeugen, was auch die Wahl automatisierter Fahrzeuge umfasst. Die Debatte darf nicht zu Lasten des Automobils geführt werden. Besonders für Deutschland spielt das Auto auch eine herausragende Rolle als Wirtschaftsfaktor. Zugleich ist das Auto für viele AvD Mitglieder aus beruflicher Perspektive hoch relevant.

Braucht es einen gesellschaftlichen Diskurs über die Folgen neuer Verkehrstechnologien? Würde sich dafür auch der AVD engagieren?
Der AvD engagiert sich mit seiner Initiative „Autoland Deutschland“ schon länger aktiv an diesem Diskurs. Der AvD sieht einen Bedarf an den Debatten um die Ausgestaltung zukünftiger Mobilität. Dies aus der Beobachtung heraus, dass über „Zukunft der Mobilität“ in einer Form gesprochen wird, die den Einzelnen, der ein Fahrzeug führt oder besitzt, außen vor lässt. Der AvD will mit seiner Initiative „Autoland Deutschland“ aufzeigen, wie sich das digitalisierte, mit unterschiedlichen Antrieben versehene, Auto der Zukunft weiterentwickeln kann, um die positiven darin steckenden Chancen nutzen zu können. Die selbstbestimmte Wahl des Kraftfahrers, welche Mobilitätsform er benutzt, sieht der AvD unter dem Leitthema:  „Mehr Freiheit für Mobilität. Mehr Nutzen für alle.“

Inwieweit sollte sich die Politik in Tempo und Durchsetzung neuer Technologien einmischen? Was würde bspw. ein staatlich verordneter Zwang zum autonomen Fahren bedeuten?
Die Gefahr eines staatlich verordneten Zwangs zum autonomen Fahren sieht der AvD momentan nicht. Er würde ein solches Vorhaben in jedem Fall ablehnen. Wie im Zusammenhang mit dem Testfeld Autonomes Fahren bereits erwähnt, gibt es von öffentlicher Seite Ansätze, sich bei der Forschung und Entwicklung zu engagieren. Das muss aber noch deutlich intensiviert werden. Dabei ist in jedem Fall auch die Frage der Finanzierung der Infrastruktur und neuer Technologien zu klären. Die politische Ebene hat darüber hinaus die Möglichkeit, einen Rechtsrahmen für autonomes Fahren und künftige Mobilitätsformen zu setzen. Der Einfluss der Politik kann bei klugem Vorgehen auch künftig vorhanden sein. Der AvD fordert schon lange eine stetige und den Anforderungen genügende Finanzierung der Mobilität. Selbstverständlich darf ausgegebenes Geld nicht vom  Autofahrer wieder zurückgeholt werden. Dieser zahlt sowieso schon deutlich mehr, als von öffentlicher Seite in die Infrastruktur zurückfließt. Privaten Anbietern von Mobilität muss der eben erwähnte Rechtsrahmen strikt vorgegeben werden, damit keine Monopolbildung stattfindet. Der AvD engagiert sich national im Rahmen seiner Möglichkeiten auf allen Ebenen in den politischen Diskussionen, im Rahmen der vom AvD mitgegründeten Fédération Internationale de l’Automobile (FIA) auch international.