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02.04.2020
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PARKEN MÜSSTE DEUTLICH TEURER SEIN

Wie der Verkehrsraum in Städte richtig genutzt werden sollte

Dr. Jutta Deffner - Forschungsschwerpunktleiterin, Mobilität und Urbane Räume am ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung, Frankfurt

Dr. Jutta Deffner - Forschungsschwerpunktleiterin, Mobilität und Urbane Räume am ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung, Frankfurt [Quelle: ISOE]


"Die grundsätzliche Chance digitaler Steuerung ist, dass dadurch Parksuchverkehr vermindert werden kann", sagt Forscherin Dr. Jutta Deffner. Dabei gehe es aber lediglich um eine Optimierung im bestehenden System. Sie sieht indes ganz grundlegenden Änderungsbedarf.


Der VdA regt in einem Positionspapier ein Parkraum-Management u.a. mit flexibleren Preisen für Parkplätze an. Welche Chancen und Herausforderungen erwachsen aus der digitalen Steuerung des ruhenden Verkehrs?
Die grundsätzliche Chance digitaler Steuerung ist, dass dadurch Parksuchverkehr vermindert werden kann. Das entlastet die Straßen und die Fahrer*innen, denn mit der Parkplatzsuche werden sehr viel Zeit und Nerven verschwendet. Neuere digitale Steuerungen, wie autonomes Parken, sind für Parkhäuser interessant. Hier wäre es perspektivisch wichtig, dass die Parkhäuser vernetzt sind und dies dazu beiträgt, dass tatsächliche Kapazitäten genutzt werden. Über die digitale Steuerung wäre es vor allem im öffentlichen Raum möglich, große Fahrzeuge höher zu bepreisen als kleinere – das würde einen stadtverträglichen Verkehr fördern. Insgesamt tragen diese Systeme aber nicht zu einer richtiggehenden Reduktion des sehr hohen privaten Autoverkehrs in den Innenstädten bei, es geht vielmehr um Optimierung im bestehenden System. Für eine nachhaltige Verkehrsentwicklung wäre es viel wichtiger, dass es insgesamt weniger Autoverkehr  in den Städten gibt. Das würde bedeuten den begrenzten öffentlichen Raum primär für aktive Mobilität und ÖPNV zu nutzen. Der restliche Raum kann für Autos (fahrend oder parkend) genutzt werden, aber Parken müsste deutlich teurer sein, um - wie der VDA es formuliert -  „den tatsächlichen Wert der Nutzung des begrenzten öffentlichen Raumes“ besser abzubilden. Dies könnte, wie in vielen anderen Bereichen auch, über eine soziale Staffelung erfolgen.

Parkraum-Sharing, Ridepooling - welchen Beitrag können individuelle, digitale Lösungen zur Entspannung beim ruhenden Verkehr leisten?
Parkraumsharing bedeutet, dass Flächen effizienter genutzt werden und dadurch zunächst mehr innerörtliche Flächen für das Parken zur Verfügung stehen. Nur wenn der ruhende Verkehr in öffentlichen Räumen schrittweise zurückgenommen würde, sind diese „neuen“ Parkplatzflächen auf privaten Flächen dafür eine Art Kompensation. Andernfalls entsteht mehr Parkraum – was wiederum Verkehr induziert, sprich: auslöst. Das heisst, dass mehr Autofahrer*innen mit dem Auto in die Stadt fahren, anstatt andere Verkehrsmittel zu nutzen.
Beim Ridesharing ist es etwas anders. Hier wird die Auslastung des Fahrzeugs verbessert, in dem mehr Personen im Auto mitfahren, also nicht selbst ein Auto fahren. Der Pkw-Besetzungsgrad beträgt in Deutschland durchschnittlich 1,5 Personen, also recht niedrig. Ridesharing kann also dabei helfen, weniger Autoverkehr zu erreichen.

Schon heute gibt es vielerorts vermehrt Sonder-Stellflächen etwa für Car-Sharing oder Elektro-Autos - wie bewerten Sie diesen Trend?
Dieser Trend macht im öffentlichen Raum, aber auch in Parkhäusern Platz für nachhaltigere Formen der Autonutzung. Studien zeigen, dass Carsharing-Fahrzeuge mit festen Stellplätzen (stationsbasiertes Carsharing) sieben bis zu 15 private Autos ersetzen. Hinzu kommt, dass Leute, die Carsharing nutzen, viel weniger Auto-km zurücklegen als Autobesitzer*innen. Carsharing-Stellplätze in öffentlichen Räumen machen das öffentliche Angebot sichtbar und ermöglichen es den Bürger*innen viel besser, es kennenzulernen. Deswegen ist es gut, diese Sonderstellflächen auszuweiten. Derzeit gibt es oft eine Ungleichbehandlung, da Free-Floating-Anbieter wie ShareNow Stellplätze (oder auch Elektro-Ladesäulen) im öffentlichen Raum günstig nutzen, aber weniger stadtverträglich sind als stationsbasiertes Carsharing.
Ähnlich ist es derzeit auch für Elektrofahrzeuge, oft gekoppelt mit Lademöglichkeiten. Hier müsste aber darauf geachtet werden, dass sobald sich Elektroautos in der Masse durchgesetzt haben, diese Art der Förderung revidiert wird.
 
Auch Überwachung ist ein Teil des Parkraum-Managements - wie sollten sich die Sanktionen bei Regelverstößen entwickeln?
Insgesamt wird Falschparken und zu langes Parken in den meisten Städten viel zu wenig geahndet und kostet zu wenig, um eine echte Steuerungswirkung zu haben. Häufig ist es für die Autofahrenden günstiger, mehrere Male im Monat ein „Knöllchen“ zu bezahlen, als sich einen Stellplatz zu mieten oder zu kaufen. Dies liegt vor allem am zu geringen Personal. Aber auch an der öffentlichen Wahrnehmung. Im Vergleich zu Schwarzfahren im ÖPNV ist Falschparken, wie z.B. auf abgesenkten Bordsteinen oder auf Fahrradstreifen auch weiterhin eher eine Bagatelle. Durch Falschparken werden viele andere Verkehrsteilnehmer gefährdet und behindert – von zu Fußgeher*innen bis zum ÖPNV. Für eine gerechtere Verteilung des (Verkehrs-)Raumes in den Städten wäre es wichtig, Parken anders zu bepreisen und Verstöße konsequenter zu ahnden.