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13.08.2022
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NACHHALTIGE UND BREITE VIELFALT DURCH DAB+

Wie die mitteldeutsche Medienbranche dasteht - und wo sie Unterstützung braucht

Prof. Dr. Markus Heinker - Präsident des Medienrates der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM)

Prof. Dr. Markus Heinker - Präsident des Medienrates der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM) [Quelle: SLM/ Markus Fröhner]


 SLM-Medienrats-Präsident Prof. Dr. Markus Heinker mahnt, "dass eine wesentliche Säule unseres demokratischen Meinungsbildungsprozesses, nämlich die lokale Informationsvermittlung, immer weniger aus einer kommerziellen Refinanzierung mit der notwendigen redaktionellen Quantität und Qualität gesichert werden kann." Im Interview nennt er eine mögliche Lösung und bewertet die Lage der Medienbranche in Sachsen und der Region. Im Interview erläutert Heiker, warum die SLM mit ihrer Ausschreibung des gesamten Kapazitäteninventars in Sachsen für den kommerziellen Hörfunk bewusst einen anderen Ansatz als andere Bundesländern gewählt habe.


Vor allem in den Zentren Leipzig, Dresden, Magdeburg, Halle und Erfurt hat sich eine lebendige Medienwirtschaft herausgebildet. Wie steht die Branche in Mitteldeutschland aus Ihrer Sicht im Vergleich zu anderen Regionen da?
Eine solche Einschätzung kann immer nur eine Momentaufnahme sein. Die Hörfunklandschaft darf ich von meinem Blickwinkel aus Leipzig als sehr robust einschätzen. Wir haben gerade in Sachsen eine Vielzahl an verschiedenen Unternehmen, teilweise sachsenweit ausgerichtet, aber auch lokal und regional. Die Digitalisierung des Radioempfangs hat eine Vielzahl neuer Formate hervorgebracht. Sie jetzt alle aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen, einzelne herauszugreifen, wäre den nichterwähnten gegenüber nicht angemessen. Gerade die Vielfalt – bis hin zu ganz speziellen Zielgruppen – macht das Bild so lebendig. Mit dem im Februar gestarteten gemeinsamen Satellitenkanal der sächsischen Lokalfernsehveranstalter können jetzt alle Sachsen – auch die Satellitenkunden – die Vielfalt des sächsischen Lokalprogramms empfangen. Neben den betrauten Programmen, die in der Primetime jeweils eine halbe Stunde ihr Programm senden, werden im Programm SachsenEins auch Beiträge aus einer Vielzahl anderer lokaler Programme aufgenommen.  


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DIE DOKUMENTATION DIESER FACHDEBATTE

Welche Herausforderungen hat die Pandemie für die Medienbranche vor Ort mit sich gebracht?
Der kommerzielle Rundfunk stand vor der besonderen Situation, dass die Pandemie das Informationsbedürfnis der Bevölkerung im besonderen Umfang steigen ließ, gleichzeitig aber durch die pandemiebedingten Einschränkungen der gesamten Wirtschaft, aber auch der Kultur und des gesellschaftlichen Zusammenlebens die Refinanzierungsmöglichkeiten erheblich sanken. Dieses für die Rundfunkunternehmen nachteilige Auseinandertriften von redaktionellen Bedarf und der Refinanzierung aus Werbung traf vor allem die Medienunternehmen mit lokaler und regionaler Ausrichtung, da diese strukturbedingt besonders viele Werbekunden haben, die ihre wirtschaftliche Betätigung komplett einstellen mussten (etwa Gastronomie, Events, stationärer Einzelhandel, insbesondere handwerkliche Betriebe des Einzelhandels).

Mitteldeutschland gilt insbesondere beim Digitalradio als Vorreiter. Im Raum Leipzig sind etwa über die bundesweiten, landesweiten und lokalen Plattformen über 50 Radiosender zu empfangen. Ist das noch Vielfalt oder schon Überfluss?
Die SLM hat mit ihrer Ausschreibung des gesamten Kapazitäteninventars im Freistaat Sachsen für den kommerziellen Hörfunk bewusst einen anderen Ansatz als in anderen Bundesländern gewählt. Die Kontroversen über die Zuweisung der zweiten bundesweiten DAB+-Kapazität haben uns deutlich gemacht, dass der kommerzielle Hörfunkmarkt den terrestrischen Hörfunk als lohnendes Geschäftsmodell sieht, so dass wir – nunmehr auch als zutreffend bewiesen – prognostizierten, dass jede von uns einzeln ausgeschriebene Kapazität mehr Bewerber als Kapazitäten haben würde. Indem wir das gesamte Inventar zur Ausschreibung gestellt haben, war es jedem potentiell interessierten Bewerber möglich, sich auf die Verbreitung zu bewerben, die seiner potentiellen und von ihm angesprochenen Zielgruppe, seinem Refinanzierungskonzept und seiner nachhaltigen Positionierung in Sachsen am besten entspricht. Daher meine klare Antwort auf Ihre Frage: es ist eine nachhaltige und breite Vielfalt, vom Umstieg der UKW-Programme auf DAB+ mit neuen zusätzlichen ergänzenden Programmfarben, speciel interest-Programmen wie einem Kinderprogramm, über alternative Formate bis hin zu Lokal- und Regionalprogrammen.

Die Mitteldeutsche Medienförderung hat im vergangenen Jahr eine Fachkräfte-Initiative gestartet. Wie bewerten Sie die hiesige Fachkräfte-Situation?
Jedes Unternehmen in Deutschland muss sich einem überregionalen Wettbewerb um Fachkräfte stellen. Allgemein scheint mir das Interesse an Medienberufen nicht eingebrochen zu sein, auch wenn sich das Interesse nicht zwingend gleichmäßig über alle Medienbranchen verteilt. Es dürfte der Natur des Menschen entsprechen, dass er sich beruflich dafür interessiert, was auch seinen Lebensalltag bestimmt. Das ist bei vielen jungen Menschen nicht mehr primär Rundfunk. Die redaktionelle Wirkmacht des Rundfunks bleibt aber weiterhin sehr hoch, so dass Unternehmen gerade aus diesen Branchesegment vor den größten Herausforderungen stehen dürften. Darüber hinaus steht die Branche in Mitteldeutschland im nationalen Wettbewerb mit anderen Regionen ihn Deutschland.

Wie kann und sollte die Politik den Medienstandort Mitteldeutschland unterstützen?
Die Medienwirtschaft ist in Bezug auf die Politik eine besondere. Die Medien sind besonders sensibel bezüglich der Einflussnahme durch den Staat. Entsprechend wurden die Pandemiehilfen, auch die aus den Staatsmitteln, über die staatsfernen Landesmedienanstalten zugewendet. Gleichwohl darf es als gesichert angesehen werden, dass eine wesentliche Säule unseres demokratischen Meinungsbildungsprozesses, nämlich die lokale Informationsvermittlung, immer weniger aus einer kommerziellen Refinanzierung mit der notwendigen redaktionellen Quantität und Qualität gesichert werden kann. Gerade aufgrund der besonderen Situation mit einer vielfältigen unternehmerischen Lokalrundfunklandschaft könnte hier die Politik eine finanzielle Hilfe leisten, die – und hier verweise ich auf die verfassungsrechtliche Sensibilität des Themas – von den Landesmedienanstalten vergeben werden könnten.