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06.12.2021
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NABU FORDERT RENATURIERUNGSFONDS VON 500 MIO. EURO PRO JAHR

Wie bei der Wasserstrategie noch nachgebessert werden sollte

Diana Nenz - Referentin für Gewässerpolitik/ Water Policy Officer, NABU (Naturschutzbund Deutschland) e.V.

Diana Nenz - Referentin für Gewässerpolitik/ Water Policy Officer, NABU (Naturschutzbund Deutschland) e.V. [Quelle: NABU]


"Die Entwicklung lokal angepasster Lösungen sollte Priorität bei der Bewirtschaftung unserer Wasserressourcen und bei der Wasserversorgung haben", betont NABU-Wasserexpertin Diana Nenz. Es brauche intelligente, dezentrale Systeme, die mit natürlichen Kapazitäten arbeiten. Und mehr Geld.


Ein Ziel der geplanten Wasserstrategie ist es, Nutzungskonflikten vorzubeugen. Wer sollte aus Ihrer Sicht bei den aufzustellenden Nutzungshierarchien ganz oben stehen?
Bei den betrachteten Nutzungskonkurrenzen geht es um Wasserbedarfe für die Trinkwasserversorgung, die Forst- und Landwirtschaft, die Industrie- und Energieproduktion bspw. für Kühlwasser und den Naturschutz. Aus meiner Sicht müssen die Wasserbedarfe für den Schutz und Erhalt von Natur und Ökosysteme ganz oben in der Nutzungshierarchie stehen. Dem Naturschutz kommt eine besondere Bedeutung zu, da starke Ökosysteme systemregulierend und stabilisierend für den Wasserhaushalt und somit für das Wasserdargebot sind. Dadurch wird der Verschärfung von Nutzungskonflikten entgegengewirkt. Starre Nutzungshierarchien machen jedoch wenig Sinn, da Nutzungskonflikte regional und zeitlich sehr unterschiedlich ausgeprägt sind. Das verfügbare Wasserdargebot wird durch die Wassermenge und durch die Wasserqualität definiert. So kann sich das Dargebot durch zunehmende Verschmutzungen oder steigende Nutzungen verringern. Die vergangenen Dürresommer und Extremereignisse haben die positiven Effekte eines naturnahen Wassermanagements bestätigt. Durch intakte Auen oder grünen Infrastrukturen in Städten konnten Dürreschäden vermindert, der Wasserabfluss stabil gehalten und Hitzeereignisse gemindert werden. Gleichzeitig konnte auch das Schadensausmaß von Hochwasser und Starkregenereignissen verringert und teilweise ganz vermieden werden. Das heißt, durch die Priorisierung des Naturschutzes wird auch die Konfliktprävention unterstützt.


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DIE DOKUMENTATION DIESER FACHDEBATTE

Verbundnetze und Fernleitungen sollen die ortsnahe Wasserversorgung ergänzen. Wie bewerten Sie das?
Die Entwicklung lokal angepasster Lösungen sollte Priorität bei der Bewirtschaftung unserer Wasserressourcen und bei der Wasserversorgung haben. Zukunftsfähige Infrastrukturlösungen müssen flexibel mit Blick auf ihre Auslastung und geführten Wassermenge sein. Ideal dafür sind intelligente, dezentrale Systeme, die mit natürlichen Kapazitäten arbeiten. Diese können mit unterschiedlichen Wasserqualitäten und –mengen besser umgehen. Nur 4% des durchschnittlichen Trinkwasserbedarfs in deutschen Haushalten wird für die Essenszubereitung und zum Trinken verwendet. Ein Großteil des Trinkwassers wird für Nutzungen verwendet, die nicht notwendigerweise Trinkwasserqualität brauchen und auch durch aufbereitetes „Betriebswasser“ gedeckt werden könnte. Das könnte aufbereitetes Regenwasser zum Duschen oder aufbereitetes Duschwasser für die Toilettenspülung, zum Wäsche waschen oder die Reinigung sein. Lokale Infrastrukturen sollten dahingehend ausgelegt werden, verschiedene Wasserbedarfe flexibel zu decken oder zu reduzieren. Das wäre ein effizienter Umgang mit unseren Wasserressourcen. Dafür müssten keine Verbundnetze ausgebaut werden. Tatsächlich sind Fernleitungen und Verbundnetze höchst unflexibel und wenig anpassungsfähig für schwankende Wassermengen und Wasserqualitäten. Ob man für die nächsten 50-100 Jahre sicher abschätzen kann, wo Mangel- und Überschussgebiete bestehen bleiben, wage ich zu bezweifeln. Schon heute ist der Bau großer, zentraler Versorgungssysteme nicht mehr sinnvoll. Zudem sind diese aufwändig in Planung, Bau und Betrieb und amortisieren sich erst über einen langen Nutzungszeitraum. Geld, das im Zweifelsfall für innovative lokale Lösungen fehlt. Gleichzeitig ist die Prognose von lokalen Wasserverfügbarkeiten in Zukunft mit immer größeren Unsicherheiten verbunden. Das liegt daran, dass sich Niederschlagsmengen lokal sehr stark unterscheiden und Wasserressourcen verschiedenen Nutzungen unterliegen.

Im Rahmen der Strategie soll auch der Datenaustausch zwischen den zuständigen Stellen in Bund, Ländern, Kreisen und Kommunen verbessert werden. Welchen Beitrag kann das zu einer sicheren Wasserversorgung leisten?
Ein verbesserter Datenaustausch zwischen den zuständigen Stellen zum Zustand der Gewässer und Grundwasserressourcen ist essentiell, um Wasserressourcen bestmöglich zu schützen, zu verteilen und zu nutzen. Das ist insbesondere der Fall, weil der Nutzungsdruck stetig ansteigt. Gewässer sind fast immer grenzüberschreitend, Zuständigkeiten ändern sich, viele verschiedene Nutzer werden miteinander verbunden und sind sich dessen nicht immer bewusst. Es ist wichtig, dass wir über den Zustand unserer Wasserressourcen informiert sind und rechtzeitig erkennen, wann es zu erheblichen Verschlechterungen oder der Überschreitung von Grenzwerten kommt. Es geht auch darum, zuzuordnen, wo Verschmutzungen entstehen und wer dafür verantwortlich ist. Werden Problemlagen nicht beobachtet, kann dadurch tatsächlich die Versorgungssicherheit gefährdet werden. Beispielweise gibt es oft unzureichendes Wissen über die verschiedenen Nutzungen eines grenzüberschreitenden Grundwasserleiters und die Bewegung des Wassers darin. Eine Übernutzung ist daher möglich. Gleichzeitig kann mit einer Verringerung der Wassermenge oft auch eine Erhöhung der Schadstoffkonzentration einhergehen, bspw. durch steigende Nitratbelastungen aus der Landwirtschaft. Das belastet die Versorgungssicherheit, da Grundwasser die wichtigste Trinkwasserressource in Deutschland ist.

In einem Sofortprogramm sollen in den kommenden 10 Jahren jeweils 100 Millionen Euro für einen besseren Zustand der Gewässer eingesetzt werden. Was sagen Sie zu dieser Summe?
Der Handlungsbedarf ist immens. Deutschland erreicht flächendeckend nicht das Ziel der guten Gewässerqualität. Auch die dafür so wichtigen Auen sind in einem desolaten Zustand. Zwei Drittel der Auen sind nicht mehr an Gewässer angeschlossen. Vom übrigen Drittel weisen mehr als die Hälfte einen stark veränderten Charakter auf. Dahingehend sind 100 Mio. Euro ein Zeichen. Will man aber den Herausforderungen der Biodiversitätskrise und der Klimakrise ernsthaft begegnen, muss der Naturschutz in den Mittelpunkt rücken. Der NABU fordert dafür einen Renaturierungsfonds von 500 Mio. Euro pro Jahr, um unsere Gewässer und Ökosysteme wieder widerstandsfähig zu machen. Um diese Zahlen ins Verhältnis zu setzen folgendes Beispiel: Unser Renaturierungsprojekt an der unteren Havel, das größte Renaturierungsprojekt Europas, hat 21 Mio. Euro benötigt. Damit wurden u.a. 15 Altarme auf 90 km Flusslänge wieder angeschlossen und Flächen für die Entstehung von Auwäldern geschaffen. Für die weitere Pflege- und Entwicklung bräuchte man weitere 22 Mio. Euro. Dafür hat man ca. 1.100 vom Aussterben stark bedrohte Arten eine Heimat geben, die Gewässerqualität wird verbessert, Überschwemmungen und Dürren vermindert, der Landschaftswasserhaushalt stabilisiert und damit ein Beitrag zur Klimaanpassung geleistet. Konzentriert man sich im Gegensatz dazu auf den Ausbau teurer technischer Infrastrukturen, würden 20 Mio. Euro eine Fernleitung von ca. 25 km finanzieren. Neben dem Wassertransport wäre aber noch nichts für den Klimaschutz, für den Naturschutz oder die Vorbeugung von Hochwasserereignissen oder Dürren getan.