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06.06.2020
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Wie die AWO den digitalen Wandel mitgestalten will

 Wolfgang Stadler - Vorsitzender des Vorstands des AWO Bundesverbandes

Wolfgang Stadler - Vorsitzender des Vorstands des AWO Bundesverbandes [Quelle: AWO]


"Die digitale Transformation ist eine Entwicklung, die niemand zurückdrehen kann und wir auch nicht zurückdrehen möchten", sagt AWO-Vostandvorsitzender Wolfgang Stadler. Man müsse aber verstehen, dass mit dem Begriff ‚Digitalisierung‘ auch negative Gefühle oder Assoziationen verbunden werden.


Nach einer Untersuchung im Vorfeld eines deutschlandweiten Digitaltages steht einer digitalaffinen Mehrheit eine Bevölkerungsgruppe entgegen, die digitalen Technologien skeptisch oder ablehnend gegenübersteht. Was bedeutet das für die Gesellschaft?
Im Zuge des allgegenwärtigen digitalen Wandels kommt es zweifellos zu tiefgreifenden Veränderungen in nahezu allen Lebens- und Arbeitsbereichen unserer Gesellschaft. Zunächst einmal ist mir wichtig zu betonen, dass die Digitalisierung viele Chancen eröffnet, seien es neue Kommunikationsmöglichkeiten mit Menschen über Landesgrenzen hinweg, alternative Formen des Arbeitens oder die Aussicht auf eine nachhaltigere Gestaltung des Alltags.

Für uns als Wohlfahrtsverband bietet die digitale Transformation auch mit Blick auf unsere Klient*innen neue Möglichkeiten. Wir wissen, dass beispielsweise für Menschen mit Behinderungen die Lebensqualität und Teilhabe mittels neuer Technologien gesteigert werden kann. Genauso profitieren ältere Menschen von dem Einsatz digital unterstützter Pflegeangebote.

Darüber hinaus sollten wir den Teil der Gesellschaft ernst nehmen, der wie die Studie zur digitalen Teilhabe im Vorfeld des Digitaltags 2020 zeigt, digitalen Technologien skeptisch bis ablehnend gegenübersteht. Wir sind also gut beraten, zunächst zu verstehen, dass mit dem Begriff ‚Digitalisierung‘ auch negative Gefühle oder Assoziationen verbunden werden. Viele Menschen sorgen sich um ihren eigenen Arbeitsplatz.

Genauso müssen wir uns bewusst machen, dass der gesellschaftliche Wandel infolge der Digitalisierung auch die Gefahr in sich trägt, dass neue soziale Spaltungen entstehen oder sich bereits vorhandene Spaltungen entlang von Alter, Bildung, Geschlecht, Einkommen oder Wohnort intensivieren.

Der Zugang zu Internet und anderen digitalen Technologien sowie digitale Kompetenzen dürfen nicht über das Wohlergehen eines Menschen in unserer Gesellschaft entscheiden. Digitale Teilhabe darf nicht Ausschlusskriterium für soziale Teilhabe sein. Als Arbeiterwohlfahrt sehen wir es zugunsten des gesellschaftlichen Zusammenhalts als unsere Aufgabe an, einerseits Sicherheiten für Menschen zu schaffen, die angesichts der Digitalrevolution Verunsicherungen verspüren und andererseits digitale Chancengleichheit zu verwirklichen, damit niemand abgehängt wird. Insgesamt erscheint es zielführend, künftig weniger angstbeladen über die digitale Transformation zu sprechen und stattdessen Überlegungen anzustellen, wie die Digitalisierung sozial gestaltet werden kann. 

Bezahlen per App, Terminvergabe online – private, aber auch öffentliche Institutionen setzen verstärkt auf digitale Lösungen. Wie lässt sich verhindern, dass Digital-Skeptiker aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden?
Die digitale Transformation ist eine Entwicklung, die niemand zurückdrehen kann und wir auch nicht zurückdrehen möchten. Folgerichtig fördern sowohl private als auch öffentliche Institutionen die Digitalisierung ihrer Einrichtungen und Leistungen. Dies geschieht derzeit intensiv auf Ebene der deutschen Verwaltung: Das Onlinezugangsgesetz (OZG) verpflichtet Bund, Länder und Kommunen bis Ende 2022 ihre Verwaltungsleistungen zu digitalisieren und über einen verknüpften übergreifenden Portalverbund zusätzlich online anzubieten. Auch vor diesem Hintergrund halte ich es für notwendig, ein Bewusstsein dafür zu etablieren, dass ein Übergangszeitraum geschaffen wird, in dem Leistungen parallel analog und digital angeboten werden. Unserer Auffassung nach sollte es Anliegen unserer Gesellschaft und Demokratie sein, hierfür adäquate Lösungen einzurichten.

Die Befragten schätzen ihre eigene digitale Kompetenz im Schnitt gerade einmal als ausreichend ein. Was muss diesbezüglich passieren?
Dass die über 64-Jährigen ihre Digitalkompetenz als mangelhaft beurteilen und die Tatsache, dass sich selbst die sogenannten Digital Natives diesbezüglich eine lediglich befriedigende Note geben, verdeutlicht die Dringlichkeit, weitflächig digitale Bildungsangebote zu schaffen. Und mit weitflächig meine ich, dass wir von der Schule über den Arbeitsplatz bis hinein in öffentliche Einrichtungen die Menschen weiterbilden müssen. Als Wohlfahrtsverband wollen wir durch eine digitale Engagementpolitik Bürger*innen die Chance zu eröffnen, in Erstkontakt mit digitalen Technologien zu treten und bieten auch im Engagementumfeld digitale Weiterbildung an. Wir möchten dabei insbesondere jene Menschen ansprechen, die nicht institutionell im Kontext Arbeit oder dergleichen eingebunden sind. Jede*r soll befähigt werden, sich souverän in der digitalen Welt zu bewegen, wodurch sie den Prozess der Digitalisierung mitgestalten und an den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen partizipieren können. Innerhalb der Gliederungen der AWO existieren bereits zahlreiche Projekte, welche auf die Förderung digitaler Kompetenzen ausgerichtet sind: Beispielsweise eine wöchentliche Mediensprechstunde für Senior*innen zum Umgang mit PC, Smartphone oder Tablet. Diese Arbeit sichtbar zu machen, das ist unser Anspruch am 19. Juni 2020 im Rahmen des ersten bundesweiten Digitaltags.