MEINUNGSBAROMETER.INFO

DIGITALISIERUNG

DAS FACHDEBATTENPORTAL

Für Entscheider aus Politik, Wirtschaft, Medien & Gesellschaft


schliessen

Bitte hier einloggen:

Login

Passwort vergessen?
 
19.11.2018
Kopieren und anderweitige Vervielfältigungen sind nicht erlaubt.

KINDERHILFSWERK FORDERT STRUKTURELLE ANPASSUNG GESETZLICHER REGELUNGEN

Warum der Kinder und Jugendmedienschutz für das Netz angepasst werden muss

Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerkes

Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerkes [Quelle: Cindy u. Kay Fotografie]


Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerkes, fordert "kohärente Regelungen im Kinder- und Jugendmedienschutz, die die überholte und veraltete Unterscheidung nach unterschiedlichen Medienarten weitgehend beseitigt". Jugendschutzniveau müsse durch eine strukturelle Anpassung gesetzlicher Regelungen an die Medienkonvergenz deutlich verbessert werden.


Kinder sind inzwischen häufig als Protagonisten in Internetvideos zu sehen. Sehen darin eher eine Chance, weil Kinder so mit moderner Kommunikationstechnik umgehen lernen - oder eher Gefahren für die Persönlichkeitsentwicklung?
Das ist in der Tat ein zweischneidiges Schwert. Wir sehen zum einen die enormen Partizipationsmöglichkeiten, mit denen im Internet das Recht auf Meinungsäußerung und gesellschaftliche Mitbestimmung verwirklicht werden kann. Dies ermöglicht Kindern und Jugendlichen Teilhabe am politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben und demokratische Mitgestaltung.

Kinder haben aber natürlich auch im Netz das Recht auf Schutz ihrer Privatsphäre und vor Beeinträchtigungen ihrer Ehre. Sie dürfen keinen willkürlichen oder rechtswidrigen Eingriffen in ihr Privatleben ausgesetzt werden, und ihre Persönlichkeitsrechte sind zu achten und zu schützen. Mögliche Konsequenzen von Internetvideos, auf denen sie zu sehen sind, können die Kinder selbst oftmals noch nicht abschätzen. Hier sind in erster Linie die Eltern verantwortlich.

Neben vielen unkommerziellen Videos gibt es auch solche, in denen Kinder als sogenannte Influencer auftreten – sehen Sie auf diesem Gebiet Regulierungsbedarf?
Ja, auf jeden Fall, denn das geht in vielen Fällen in den Gewerbebereich. Im Jugendarbeitsschutzgesetz gibt es eigentlich klare Regelungen, die in diesem neuen Bereich aber noch nicht hinreichend durchgesetzt werden. Oft drehen die Kinder mehrere Videos pro Woche, die zeitliche Beanspruchung der Kinder ist entsprechend. Deshalb drängt das Deutsche Kinderhilfswerk darauf, dass bei möglichen Verstößen gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz die zuständigen Behörden, die Gewerbeaufsicht und natürlich das Jugendamt einschreiten.

Kinder sind als Protagonisten besonders für andere Kinder vertrauenswürdig – vor welche Herausforderungen stellen junge Influencer die Medienbildung?
Mehr als jeder Dritte zwischen 10 und 18 Jahren sagt, dass sein eigener Lieblingsstar ein YouTube-Star ist. Damit liegen Influencer vor vielen Idolen aus den Bereichen Sport und Schauspiel. Die Beeinflussung von Kindern durch „Peer-To-Peer-Marketing“ von Kinder-Influencern erfordert eine konsequentere Stärkung von Medien- und im Speziellen auch Werbekompetenz. Deren Vermittlung an Kinder und Jugendliche beispielsweise im Rahmen von Medienbildung an den Schulen oder in der Freien Kinder- und Jugendhilfe muss sich auch auf neue Medienformarte und damit verbundene Risiken beziehen. Zudem müssen kommerzielle Inhalte klar, einheitlich und verbindlich gekennzeichnet werden – in einer Form, die auch für Kinder als Rezipienten nachvollziehbar und verständlich ist.

Auf den großen Plattformen kommen Kindern mitunter auch mit nicht altersgerechten Inhalten in Berührung – sehen Sie in dieser Frage Regelungsbedarf?
Hier brauchen wir kohärente Regelungen im Kinder- und Jugendmedienschutz, die die überholte und veraltete Unterscheidung nach unterschiedlichen Medienarten weitgehend beseitigt und durch eine strukturelle Anpassung gesetzlicher Regelungen an die Medienkonvergenz das Jugendschutzniveau deutlich verbessert. Denn durch eine Vereinfachung des bisher komplexen, medienbezogenen Systems wird auch die Transparenz für Eltern und Erzieherinnen und Erzieher nachhaltig gestärkt. Ein Produkt sollte hinsichtlich seiner Altersfreigabe eingeschätzt werden, ohne dass zwischen verschiedenen Trägermedien unterschieden wird. Hier müssen sich die Selbstkontrolleinrichtungen gegebenenfalls neu sortieren und Hand in Hand arbeiten.

Und wir dürfen Kinder und Jugendliche bei der Kommunikation in der digitalen Welt, in den Sozialen Medien nicht alleine lassen und ihre informationelle Integrität besser schützen. Bislang sind Kinder auch bei massivsten Rechtsverletzungen in sozialen Netzwerken und auf Kommunikationsplattformen auf sich allein gestellt. Für eine rechtliche Unterbindung und Schadenskompensation sind auch Kinder und Jugendliche auf eine eigeninitiative Zivilklage angewiesen. Der gesetzliche Jugendschutz bietet hier bislang keine Hilfestellungen und keinen Schutz. Deshalb brauchen wir zeitnah Mindeststandards für Plattformanbieter etwa für die Einrichtung von Meldemöglichkeiten und Hilfestellungen für betroffene Kinder.