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20.05.2019
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EIN YOUTUBER WEHRT SICH

Warum auf der Videoplattform nicht alles toll ist - manches aber schon

Robin Blase - Webvideoproduzent, Schauspieler, Moderator und Podcaster

Robin Blase - Webvideoproduzent, Schauspieler, Moderator und Podcaster [Quelle: PR]


"Wo gab es im TV schon mal große Beiträge, die Werbekennzeichnung als Thema der Masse erklärt haben?", fragt Youtuber Webvideoproduzent und Speaker Robin Blase. Auf Youtube sei genau das der Fall. Der Betreiber des erfolgreichen Youtube-Kanals RobBubble hat sich eine Studie der Otto Brenner Studie zu den Inhalten auf der Plattform angeschaut - und kritisiert diese in weiten Teilen.


Eine Studie der Otto Brenner Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass die große Mehrheit der erfolgreichen YouTube-Kanäle inhaltlich von anspruchsloser, oft sogar platter und stark emotionalisierter Unterhaltung geprägt und zudem von Produktwerbung durchzogen ist. Wie bewerten Sie das?
Ich habe mal in die Studie reingeguckt – und muss ehrlich sagen, dass ich sehr überrascht bin. Der Ton ist durchgängig herablassend, die Narrative klar erkennbar.

Zwei der Fälle (iBlali & Julienco) sind zum Beispiel – ohne, dass ich das jetzt im Detail geprüft habe – nur der Beschreibung der Studie her laut den Landesmedienanstalten zulässig. Mich wundert es, warum hier nicht der Kontakt zu den zuständigen LMAs gesucht wurde, um das rechtlich prüfen zu lassen – gerade wenn eine Frau Holsten und der Leitfaden wenige Sätze später erwähnt werden. Ähnlich bei dem Fall Tedi – hier wird einfach der Vorwurf in den Raum gestellt, Tedi hätte dafür bezahlt (oder eine Agentur), doch das Unternehmen bestreitet das. Dass ein Influencer auf der Suche nach Content tatsächlich in einen Supermarkt gehen könnte, scheint unmöglich. Ähnlich bei Simon Desue und seinen Burgern oder Lego. Dass Produkte existieren und Teil von Videos sind, wird hier als schwerwiegendes Vergehen dargestellt.

Und das hin oder her: Mit einer Hand voll Negativbeispielen ein Narrativ aufzubauen, ist doch keine repräsentative Studie in irgendeiner Hinsicht. Ich kann ja auch einfach drei YouTuber raussuchen, die korrekt und ordentlich kennzeichnen und dann sagen: Alles funktioniert im Markt. So ist es natürlich auch nicht – es gibt schwarze Schafe, es gibt in Teilen Unklarheiten (vor allem durch das Thema Wettbewerbsrecht und dementsprechende Klagen aktuell), aber so zu tun, als wäre „die große Mehrheit erfolgreicher YouTube“ Kanäle so, ohne das man "Erfolg" genau quantifiziert, ist problematisch.

Verstehen Sie mich nicht falsch – ich bin der erste, der YouTuber kritisiert und schon lange im Bereich der Kennzeichnung auch unterwegs und im Gespräch mit den LMAs, doch dann bitte klar und mit den Feinheiten, die eine solche umfangreiche Plattform auch verdient.

Das Beispiel von ConCrafter halte ich tatsächlich problematisch – natürlich sollte klar gesagt werden, für wen eigentlich Werbung gemacht wird. Nur wo weiß ich bei Pro7, wenn das „P“ aufploppt, welches Produkt das war? Ich denke, da müsste das genauso passieren. Auch andere Punkte - zum Beispiel YouTube Kanäle, die sich ausschließlich explizit an Kinder richten und trotzdem Werbung zeigen, halte ich für einen guten Kritikpunkt.

Die Top 100 Kanäle, die hier oft als Maßstab genutzt werden, sind darüber hinaus meiner Meinung nach kein gutes Beispiel, um die Plattform zu untersuchen. Zum einen sind dort zahlreiche TV-Kanäle, sowie englischsprachige Kanäle enthalten, die einfach ihren Sitz in Deutschland haben, zum anderen ist das etwa so, als würde man die Top 10 Quoten im TV als Benchmark nehmen und dann feststellen: In Deutschland besteht alles nur aus Fußball, alles andere existiert quasi nicht, nur weil eben Fußballspiele eine sehr große Masse erreichen, was die Quoten angeht.

Was meinen Sie, warum tun sich das zwei Drittel der 14- bis 29-­Jährigen täglich die in der Studie beschriebenen Inhalte an?
Warum gucken Leute Dschungelcamp oder Big Brother oder vermutlich einen Großteil des TV-Programms, obwohl das "platt, anspruchslos" und sowohl mit Produktplacement als auch Werbeunterbrechungen zerstückelt ist? Warum lesen Leute die Bild-Zeitung? Warum gibt es zahlreiche Boulevard-Magazine am Kiosk? Ich würde mal meinen, weil der durchschnittliche Bürger vielleicht doch mehr auf diese Unterhaltung steht, als die Studie glauben will. Ich finde das auch nicht gut (also sowohl in klassischen Medien, als auch online).  

Und es sind sicherlich sehr viele, sehr große YouTube Kanäle so – aber die „große Mehrheit“ ist für mich hier nicht mit Zahlen belegt und auch gar nicht quantifiziert, was ein erfolgreicher YouTube Kanal eigentlich ist. Ich lebe seit 2012 von YouTube, bin in viele Projekte involviert und habe ein schönes Leben – gehöre aber weit nicht zu den Top 100 Kanälen, die hier oft als Beispiele genutzt werden. An einer anderen Stelle heißt es, Beauty-Kanäle mit über 100.000 Abonnenten hätten eine hohe Reichweite. Ich habe 200.000 Abonnenten. Bin ich jetzt einer der erfolgreichen YouTuber, oder nicht?

Und selbst unter den Top 100 Kanälen gibt es einen Julien Bam, Gronkh, Felix von der Laden, Pietsmiet, rezo, HandofBlood … um nur ein paar zu nennen, die ich für weder platt noch anspruchslos halte. Es gibt sicherlich mehr in den Top 100, die keine Grimme Preise gewinnen werden – aber welches Programm für Jugendliche hat das bitte in den 80ern oder 90ern getan? Ist der Anspruch an Jungendinhalte, dass jedes Video die Qualität von Game of Thrones oder den inhaltlichen Anspruch von Hart aber fair hat?

Wenn man klar sagt: Wir haben die Top 100 angeguckt und festgestellt: Da gibt’s viel Müll. Okay, dass ist fair. Dann aber gar nicht auf positiv Beispiele einzugehen, oder eben nicht durchgängig klar zu sagen, dass es nur um die Top 100 geht - finde ich problematisch. So entsteht hier der Eindruck, YouTube wäre so. Dem ist aber nicht so, im Gegenteil. Auf YouTube gibt es viele Kanäle, die auch meiner Meinung nach problematische Inhalte produzieren, intransparent mit dem Thema Werbung umgehen, oder schlechte Vorbilder für jugendliche sind - keine Frage. Nur ist YouTube viel, viel mehr als das und es gibt genug Kanäle, die sich genau dagegen stellen und ebenfalls sehr erfolgreich sind, und sogar zu den Top 100 gehören.

Im Ergebnis fordern die Forscher klarere Kennzeichnung von Werbung und härtere Sanktionen bei Verstößen. Welche neuen Regeln braucht es dafür?
Die Regeln sind eigentlich sehr klar und im Gesetz festgelegt. Es braucht sicherlich bei dem ein oder anderen mehr Aufklärung, aber das Gesetz ist relativ klar. Die Studie behauptet ja einfach, manche Dinge wären nicht richtig gekennzeichnet – lässt das aber nicht von den Landesmedienanstalten prüfen, ob das rechtlich tatsächlich so ist.

Wo es tatsächlich Probleme gibt, ist im Bereich Wettbewerbsrecht, wo ein Verband immer wieder Influencer verklagt. Meiner Meinung nach aber in den meisten mir bekannten Fällen völlig ungerechtfertigt.

Ich würde eher dafür sorgen, dass Verstöße klarer angeprangert werden. Denn jeder, der richtig kennzeichnen will, kann und macht das. Die Landesmedienanstalten haben ganz toll zur Aufklärung der YouTube beigetragen und die Zahl der Verstöße, die mir persönlich begegnen, sinkt seit Jahren immer weiter.

Die Forscher fordern darüber hinaus, frühzeitig die Werbekompetenz der (jungen) Nutzer zu stärken. Wer sollte das wie tun?
Das kann ich komplett unterschreiben. Ich bin tatsächlich relativ sicher, dass die Werbekompetenz durch YouTube bei den jugendlichen stärker vorhanden ist, als im TV. Wo gab es im TV schon mal große Beiträge, die Werbekennzeichnung als Thema der Masse erklärt haben? Bei YouTube passiert das ständig. Sicherlich kann man darüber hinaus aber auch in Schulen mehr tun, etc. Medienkompetenz allgemein sollte stark verbessert werden.

Die Studie erwähnt eine öffentlich-rechtliche Gegenoffensive mit Infotainment auf den Jugendangeboten von Funk und den ARD-Plänen zu einer eigenen Plattform. Wie bewerten Sie die öffentlich-rechtlichen Aktivitäten für eine Youtube-Alternative?
In Sachen der Transparenz: Ich bin selbst Teil eines Formates bei funk und habe viel Kontakt mit den Kollegen. Ich bin sehr überzeugt von der Arbeit und dem Angebot und finde, dass es sehr, sehr viele positive Dinge mit auf die Plattform bringt. Sei es die Qualität der Produktion, der Inhalte oder eben auch die Werbefreiheit – oder das eben endlich auch öffentlich-rechtliche Inhalte für eine Teenager-Generation erfolgreich geschaffen werden. Und funk ist dabei sehr erfolgreich - gerade wenn man bedenkt, dass zahlreiche Angebote ja geschaffen werden, um mehr Aufklärung und Bildung auf YouTube zu bringen. Viele dieser Formate zählen hundert tausende Abonnenten - trotz ihrer vermeidlich trockenen Themen sind sie erfolgreich, obwohl sie nicht "anspruchslos, platt und stark emotionalisiert" sind.