Konzentration auf dem Medienmarkt, Dominanz der großen Plattformen auf dem Werbemarkt – wie sehen Sie die Lage der Lokal-Medien in diesem Umfeld?
Die Lage der lokalen und regionalen Medien ist widersprüchlich. Ihr gesellschaftlicher Wert ist heute so sichtbar wie selten zuvor. Gerade vor Ort schaffen Lokalzeitungen und private Radioanbieter Transparenz, begleiten kommunale Entscheidungsprozesse und sorgen dafür, dass Bürgerinnen und Bürger auf verlässliche Informationen aus ihrer Region vertrauen können. Ohne sie verliert demokratische Öffentlichkeit ihre lokale Verankerung.
Gleichzeitig stehen diese Medien wirtschaftlich unter erheblichem Druck. Internationale Plattformunternehmen haben wesentliche Teile des digitalen Werbemarktes übernommen, kontrollieren Reichweite, Daten und zunehmend auch den Zugang zu publizistischer Sichtbarkeit. Der Wettbewerb um Werbeerlöse ist längst zu einem Wettbewerb um Aufmerksamkeit geworden – und diese Aufmerksamkeit wird von wenigen digitalen Gatekeepern gesteuert.
Wer journalistische Inhalte recherchiert, finanziert und publizistisch verantwortet, darf gegenüber denjenigen, die diese Inhalte aggregieren oder in eigenen Ökosystemen monetarisieren, nicht strukturell benachteiligt werden. Deshalb brauchen wir einen Ordnungsrahmen, der Medienvielfalt nicht nur beschreibt, sondern wirksam absichert. Wettbewerbsrecht, Digitalregulierung und Medienpolitik müssen endlich zusammengedacht werden.
Soziale Medien, Streaming-Portale, Podcasts – welche Chancen und Herausforderungen bringt die Vielfalt der Ausspielwege und Inhaltsformate für Lokalmedien und ihre Markenbildung?
Die Vielfalt der Ausspielwege eröffnet lokalen Medien große Chancen. Private Radioanbieter haben früh gelernt, ihre Inhalte plattformübergreifend anzubieten – im klassischen Programm ebenso wie über Apps, Podcasts, Social Media oder Streaming. Regionale Nähe lässt sich heute auf vielfältige Weise vermitteln.
Jeder zusätzliche Kanal bedeutet allerdings auch neue Investitionen und neue Abhängigkeiten. Auf Plattformen gelten nicht journalistische Kriterien, sondern Algorithmen und Aufmerksamkeitslogiken. Deshalb müssen lokale Medien ihre eigene Marke konsequent stärken. Vertrauen, regionale Verankerung und publizistische Verantwortung sind ihr wichtigstes Kapital.
Plattformen sollten genutzt werden, sie dürfen jedoch nicht zum alleinigen Zugang zum Publikum werden. Eigene Angebote und die unmittelbare Beziehung zu den Nutzerinnen und Nutzern bleiben die Grundlage wirtschaftlicher und publizistischer Unabhängigkeit.
Mit KI lassen sich preiswert Inhalte produzieren und vermarkten sowie Prozesse oprtimieren – wo sehen Sie die Chancen von KI für den Lokal-Journalismus und wo die Grenzen für ihren Einsatz?
Künstliche Intelligenz ist für lokale Medien in erster Linie ein Werkzeug. Sie kann Redaktionen entlasten, Routinen automatisieren, Daten auswerten und
Inhalte effizient für unterschiedliche Ausspielwege aufbereiten. Gerade kleinere lokale Anbieter gewinnen dadurch Spielräume.
KI ersetzt jedoch keinen Lokaljournalismus. Sie sitzt nicht im Gemeinderat, recherchiert nicht vor Ort, prüft keine Quellen und übernimmt keine publizistische Verantwortung. Lokaljournalismus lebt von Nähe, Einordnung und Vertrauen – genau dort liegen die Grenzen der Technologie.
Besonders kritisch wird es, wenn Plattformen journalistische Inhalte für generative KI-Systeme nutzen, ohne die ursprünglichen Angebote sichtbar zu machen. Die journalistische Leistung entsteht in den Redaktionen, die wirtschaftliche Wertschöpfung verbleibt aber bei den Plattformen. Deshalb müssen Urheber- und Leistungsschutzrechte auch im KI-Zeitalter wirksam durchgesetzt und angemessen vergütet werden.
Welche Unterstützung für Lokalmedien wünschen Sie sich von der Politik?
Die Politik muss die wirtschaftlichen Voraussetzungen für Medienvielfalt sichern. Dazu gehören faire Wettbewerbsbedingungen gegenüber den großen Plattformen, eine konsequente Durchsetzung der europäischen Digitalregulierung und klare Regeln für KI-basierte Such- und Antwortsysteme. Medienpolitik ist heute immer auch Wettbewerbspolitik.
Ebenso wichtig ist ein Medien- beziehungsweise Pressefolgencheck für neue Gesetze. Staatliche Regulierung sollte künftig systematisch daraufhin überprüft werden, welche Auswirkungen sie auf die wirtschaftliche Tragfähigkeit freier Medien hat.
Schließlich brauchen wir eine moderne, staatsferne und diskriminierungsfreie Förder- und Entlastungspolitik. Lokale Medien sind keine gewöhnliche Branche. Sie gehören zur demokratischen Infrastruktur unseres Landes. Wer ihre wirtschaftliche Basis stärkt, stärkt zugleich Meinungsvielfalt, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die demokratische Öffentlichkeit.



