Konzentration auf dem Medienmarkt, Dominanz der großen Plattformen auf dem Werbemarkt – wie sehen Sie die Lage der Lokal-Medien in diesem Umfeld?
Die Lage der Lokalmedien ist widersprüchlich: Ihre gesellschaftliche Bedeutung wächst, ihre wirtschaftliche Grundlage steht aber unter massivem Druck. Gerade in Krisen, bei kommunalen Entscheidungen, bei Verkehr, Wetter, Veranstaltungen, Vereinsleben oder regionaler Wirtschaft brauchen die Menschen verlässliche lokale Orientierung. Lokale Medien leisten genau das: Sie übersetzen große Themen in die Lebenswirklichkeit vor Ort. Zugleich verschieben sich Werbebudgets immer stärker zu globalen Plattformen, die selbst keine journalistischen Inhalte produzieren, aber von der Aufmerksamkeit, den Daten und der Infrastruktur des offenen Medienökosystems profitieren.
Für lokale Radio- und Audioanbieter ist das besonders spürbar. Sie finanzieren Redaktion, Technik, Ausbildung, lokale Berichterstattung, Reichweitenaufbau und Kriseninformation überwiegend privatwirtschaftlich. Plattformen dagegen ziehen erhebliche Teile der digitalen Werbeerlöse ab, ohne vergleichbare publizistische Verantwortung zu tragen. Das ist kein normaler Wettbewerb mehr, sondern eine strukturelle Schieflage.
Hinzu kommt: Lokale Medien konkurrieren nicht nur um Werbegelder, sondern auch um Sichtbarkeit. Wer auf Smartphones, Smart Speakern, in Autos, auf Suchmaschinen oder sozialen Netzwerken nicht fair auffindbar ist, verliert Zugang zum Publikum – selbst dann, wenn die Inhalte relevant und qualitativ hochwertig sind. Deshalb geht es nicht um Bestandsschutz für alte Geschäftsmodelle, sondern um faire Wettbewerbsbedingungen für professionelle lokale Inhalte im digitalen Raum.
Soziale Medien, Streaming-Portale, Podcasts – welche Chancen und Herausforderungen bringt die Vielfalt der Ausspielwege und Inhaltsformate für Lokal-Medien und ihre Markenbildung?
Die Vielfalt der Ausspielwege ist zunächst eine große Chance. Lokale Medienmarken sind längst nicht mehr nur „Sender“ im klassischen Sinn. Sie sind Begleiter im Tagesablauf, Informationsquelle, Veranstalter, Community-Plattform, Podcast-Anbieter, Social-Media-Marke und zunehmend auch Bewegtbildanbieter. Wer lokal stark verankert ist, kann diese Nähe in viele Formate übersetzen: kurze News-Clips, Audio-Updates, Podcasts, Newsletter, Livestreams, lokale Serviceformate oder Eventkommunikation.
Die Herausforderung liegt darin, die eigene Marke nicht im Plattformrauschen zu verlieren. Wenn Inhalte nur noch als einzelne Posts, Clips oder Snippets wahrgenommen werden, droht die Absenderbindung schwächer zu werden. Lokale Medien müssen deshalb sehr konsequent daran arbeiten, dass ihre Marke auch auf Drittplattformen erkennbar bleibt: durch Haltung, Tonalität, Verlässlichkeit, lokale Kompetenz und klare journalistische Standards.
Für den Privatfunk ist Audio dabei ein Vorteil. Radio ist nah, schnell, emotional und alltagstauglich. Gleichzeitig muss Audio digital weitergedacht werden: linear, on demand, personalisiert, datenbasiert und plattformübergreifend. Entscheidend ist, dass lokale Anbieter nicht nur Inhalte auf Plattformen ausspielen, sondern eigene digitale Beziehungen zum Publikum aufbauen – über Apps, Websites, Newsletter, Community-Formate und lokale Werbeprodukte. Markenbildung bedeutet heute: überall präsent sein, aber nicht austauschbar werden.
Mit KI lassen sich preiswert Inhalte produzieren und vermarkten sowie Prozesse optimieren – wo sehen Sie die Chancen von KI für den Lokal-Journalismus und wo die Grenzen für ihren Einsatz?
KI kann für Lokalmedien ein echter Produktivitätsschub sein. Sie kann Redaktionen bei Routineaufgaben entlasten: Transkription, Recherchevorbereitung, Themenmonitoring, Zusammenfassungen, Übersetzungen, Varianten für verschiedene Ausspielkanäle, Produktionsplanung, Werbemittel-Erstellung oder Datenanalyse. Gerade kleinere lokale Einheiten können dadurch schneller, effizienter und multimedialer arbeiten.
Die große Chance liegt aber nicht darin, Journalismus zu ersetzen, sondern journalistische Arbeit zu stärken. Wenn KI repetitive Tätigkeiten übernimmt, bleibt mehr Zeit für Einordnung, Gespräche vor Ort, Recherche, Moderation, Community-Kontakt und redaktionelle Entscheidungen. Für lokale Medien ist genau das entscheidend: Nähe, Vertrauen und Verantwortung entstehen nicht durch automatisierte Textproduktion, sondern durch Menschen, die die Region kennen und erreichbar sind.
Die Grenzen sind klar. KI darf keine Blackbox-Redaktion werden. Wo Inhalte journalistisch relevant sind, braucht es Verantwortung, Kontrolle und Transparenz. Fakten müssen geprüft werden, Quellen müssen nachvollziehbar bleiben, Persönlichkeitsrechte und Urheberrechte müssen gewahrt werden. Auch synthetische Stimmen, Bilder oder Moderationen dürfen das Vertrauen des Publikums nicht unterlaufen. KI kann Werkzeug sein – aber sie ersetzt nicht redaktionelle Verantwortung, publizistische Haltung und lokale Glaubwürdigkeit.
Gerade im Lokaljournalismus wäre es gefährlich, wenn KI zu einer weiteren Verflachung führt: mehr Content, aber weniger Substanz. Der Maßstab muss deshalb sein: Macht KI unsere lokale Berichterstattung besser, schneller und relevanter – oder produziert sie nur mehr austauschbare Inhalte? Nur im ersten Fall ist sie ein Fortschritt.
Welche Unterstützung für Lokalmedien wünschen Sie sich von der Politik?
Die wichtigste Unterstützung ist Fairness. Lokalmedien brauchen keine Sonderbehandlung, aber faire Rahmenbedingungen in einem Markt, der durch globale Plattformen massiv verzerrt ist. Dazu gehört erstens eine ernsthafte Debatte über eine Digitalabgabe beziehungsweise einen Plattform-Soli für große internationale Plattformen, deren Erlöse aus digitalen Werbemärkten auch zur Finanzierung von Medienvielfalt beitragen sollten. Wer in großem Umfang Aufmerksamkeit und Werbegelder aus dem Medienökosystem zieht, muss einen Beitrag zur publizistischen Infrastruktur leisten.
Zweitens brauchen wir faire Auffindbarkeitsregeln. Lokale Radio-, Audio- und Medienangebote müssen auf digitalen Endgeräten, in Autos, auf Sprachassistenten, Smart-TVs und Plattformoberflächen diskriminierungsfrei auffindbar sein. Sichtbarkeit ist heute eine zentrale Voraussetzung für Medienvielfalt.
Drittens muss staatliche Werbung transparent, diskriminierungsfrei und vielfaltssicher vergeben werden. Öffentliche Kommunikationsbudgets dürfen nicht überwiegend in globale Plattformen fließen, während lokale Medien, die demokratische Öffentlichkeit vor Ort herstellen, unterfinanziert bleiben. Der European Media Freedom Act setzt hier wichtige Signale, die national konsequent umgesetzt werden müssen.
Viertens brauchen Lokalmedien weniger bürokratische Belastung und mehr Investitionsfähigkeit. Neue Dokumentations-, Kennzeichnungs-, Datenschutz- und Transparenzpflichten treffen mittelständische Anbieter oft härter als große Plattformen. Regulierung muss deshalb verhältnismäßig sein und darf professionelle Medien nicht zusätzlich schwächen.
Und fünftens brauchen wir eine moderne Förderlogik: technologieoffen, mehrjährig planbar und an publizistische Leistung gebunden. Es geht nicht darum, einzelne Geschäftsmodelle künstlich zu erhalten. Es geht darum, lokale journalistische Infrastruktur, Ausbildung, Innovation, digitale Transformation und Krisenkommunikation dauerhaft zu sichern.
Lokale Medien sind kein nostalgisches Restprodukt der analogen Welt. Sie sind eine Voraussetzung dafür, dass Demokratie auch vor Ort funktioniert. Wer Medienvielfalt will, muss deshalb die wirtschaftlichen und regulatorischen Bedingungen schaffen, unter denen lokale Medien auch im digitalen Markt bestehen können.

