Konzentration auf dem Medienmarkt, Dominanz der großen Plattformen auf dem Werbemarkt - wie sehen Sie die Lage der Lokal-Medien in diesem Umfeld?
Die Frage beschreibt bereits sehr treffend die klassische Zange, in der sich lokale Medien aktuell befinden. Inhaltlich ringen sie um Marktanteile gegenüber großen Medienplattformen aus dem Ausland und auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk stößt gern in lokale und regionale Zielgruppen vor. Diese kleine wohlige lokale Nische, in der man sich teilweise verstecken konnte, gibt es nicht mehr. Auch wenn der Werbemarkt grundsätzlich wächst, werden die Stücke der Beteiligten immer kleiner und auch die lokale Werbevermarktung krankt an zurückhaltenden Buchungen. Die Ausgangslage ist damit denkbar schlecht.
So, nun aber genug geklagt. Es war noch nie einfach, es wird höchstens schwerer und es kommt auch kein weißer Ritter um die Ecke, der allen hilft. Wir kommen - und das merken wir auch hier im Lokalradio in NRW - an einen Punkt, an dem wir uns ein Stück weit neu erfinden und mitunter radikal verändern müssen, um im Wettbewerb zu bestehen. Dabei muss das Produkt und auch die lokale Marke oftmals gar nicht so stark verändert werden, wie man glaubt. Vielmehr müssen hinterliegende Prozesse optimiert und verschlankt werden. Innerhalb des NRW-Lokalfunks lösen wir dies durch umfangreiche Kooperationen und sender- und markenübergreifende Zusammenarbeit. Ja, das bereits bestehende Netzwerk der Lokalradios hilft natürlich, aber auch für andere lokale Medien halte ich umfangreiche Kooperationen für einen Schritt, der zwingend (ein-)gegangen werden muss. Vielversprechend erscheinen hier Kooperationen, die das eigene Angebot und die eigene Marke ergänzen. Beispielsweise lokale Printmedien, die über Kooperation Audioinhalte, z.B. Podcasts, anbieten können. Lokale Radiostationen, die durch Kooperation mit Online/Social-Media Influencern ihre Reichweite generieren oder Online-Journalismus, der durch Kooperation mit „klassischen Medien“ neue Recherchenetzwerke erschließen und Reichweite generieren kann. Insofern: Bei aller Schwarzmalerei: Lokaljournalismus ist wichtig und auch nachgefragt. Wer es wirklich will, der wird auch einen Weg finden, Lokaljournalismus zu finanzieren.
Soziale Medien, Streaming-Portale, Podcasts - welche Chancen und Herausforderungen bringt die Vielfalt der Ausspielwege und Inhaltsformate für Lokal-Medien und ihre Markenbildung?
Ich sehe hier zwei Problemfelder. Zunächst die schiere Masse an Plattformen und Ausspielwegen. Versucht man diese alle gleich umfangreich zu bedienen und blind jeden Inhalt auf jeder Plattform unterzubringen, geht man am eigenen Anspruch unter oder verliert sehr schnell an Relevanz, da Content nicht passend für die jeweilige Plattform produziert wird. Lokale Medien mit üblicherweise begrenzten Personalressourcen sind daher gefordert, sehr genau den Markt zu beobachten und Kanäle zu identifizieren, auf denen sie den größten Effekt haben und zielgerichtet für diese Kanäle Inhalte anbieten. Der weitere Punkt ist die Gefahr, die die Bereitstellung von Inhalten auf Plattformen für die Inhalteanbieter grundsätzlich erzeugt. Ähnlich wie im Casino „Das Haus gewinnt immer“, gewinnt hier die Plattform immer und sei es durch Nutzungsdaten, die sie sammeln und für eigene Produkte verwenden kann. Dass wir auf die Reichweite, die diese großen Plattformen erzeugen dennoch angewiesen und, macht die ganze Sache nur noch frustrierender. Insofern halte ich die diskutierte Digitalabgabe für Plattformanbieter für eine sehr gute Maßnahme, von der lokale Medien profitieren können.
Mit KI lassen sich preiswert Inhalte produzieren und vermarkten sowie Prozesse optimieren - wo sehen Sie die Chancen von KI für den Lokal-Journalismus und wo die Grenzen für ihren Einsatz?
Ich sehe die Chance von KI eher in der täglichen Büroarbeit und in der Aufbereitung von Inhalten, als im tatsächlichen Journalismus einer Lokalredaktion. Für diesen Einsatz ist KI ein wirklich kraftvolles Werkzeug und versetzt Mitarbeiter/innen schnell in die Lage, Inhalte mit Grafiken, Bildern, Audio und Video anzureichern, ohne dass umfassende Vorkenntnisse in zum Beispiel Grafikbearbeitung nötig sind. Allein die Transkription von Interviews oder die automatische Zusammenfassung von Videokonferenzen hat in der Vergangenheit unglaublich viel Zeit gekostet. Bei der redaktionellen Arbeit bin ich weiterhin skeptisch. KI kann bei der Recherche und beim Finden von Themen helfen oder als Ideengeber fungieren, aber bereits der Einsatz zur Erstellung von Texten birgt mittlerweile klare Risiken. Wenn der KI-Einsatz dann bewusst oder unbewusst nicht deklariert wird, kann dies erheblichen Imageschaden mindestens für den Autor/die Autorin oder gleich die ganze Marke nach sich ziehen. Die journalistische Verantwortung kann nicht an KI abgegeben werden. Darüber hinaus sollten wir nicht vergessen, dass lokale Medien neben Journalismus auch Unterhaltung bieten. Sei es Planung von Aktionen, Moderation/Kommentierung, Gewinnspiele oder kurzweilige KI-Dialoge. KI kann erfolgreich bei Unterhaltungsformaten unterstützen.
Welche Unterstützung für Lokalmedien wünschen Sie sich von der Politik?
Stärkere Regulierung von Plattformen und möglichst bürokratiearme Umsetzung der Plattformabgabe.
Vereinfachung und Entbürokratisierung des sog. Public Value Verfahrens.
Eine stärkere Überwachung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hinsichtlich seines Auftrags und Kostenapparats sowie dessen Aktivität auf dem Werbemarkt.
Stärkerer Schutz von Journalistinnen und Journalisten, die in der täglichen Arbeit immer häufiger Zielscheibe von Hass und Hetze oder gar körperlichen Angriffen werden.
Speziell in NRW: Unterstützung bei der Weiterentwicklung des Zwei-Säulen-Modells des NRW Lokalfunks.


