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Interview30.07.2019

Die offiziellen Charts hatten früher einen größeren Stellenwert

Was Hitlisten für Probleme haben - heute und schon immer

Dr. Ralf von Appen, Popularmusikforscher, Uni Gießen Quelle: pr Dr. Ralf von Appen Forscher GfPM Gesellschaft für Popularmusikforschung
INITIATOR DIESER FACHDEBATTE
Uwe Schimunek
Freier Journalist
Meinungsbarometer.info
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"Solange Menschen an der Erhebung der Charts beteiligt sind, lässt sich Manipulation nicht ausschließen", sagt der Forscher Dr. Ralf von Appen mit Blick auf Berichte über mögliche massive Manipulationen der offiziellen Musik-Charts. Ohnehin bildeten Hitlisten nicht unmittelbar Qualität oder Beliebtheit ab, sondern etwa auch den entsprechenden Promotion-Etat.





In einer Reportage hat ein Hacker bekannt, im großen Stil die Single-Charts zu manipulieren – welchen Wert haben Hitlisten angesichts dessen noch?
Seitdem es Verkaufscharts gibt, besteht auch das Interesse, sie zu manipulieren. Schon als die Charts noch erhoben worden sind, indem man Schallplattenhändler per Telefon nach den Verkäufen der Vorwoche befragte, konnten die Händler bestochen werden. Die Erhebung durch Scanner-Kassen seit Beginn der 1990er war durch Selbstankäufe manipulierbar oder indem Tonträger nach Ladenschluss immer wieder über den Scanner gezogen wurden. Dass das heutige System zu manipulieren versucht wird, sollte daher nicht überraschen. Insofern muss man den Aussagewert von Hitlisten kritisch betrachten – das war aber schon immer so.

Daneben gibt es weitere indirekte Wege die Verkaufscharts zu beeinflussen. So wurden schon in den 1950er Jahren Radio-DJs bestochen, damit die gewünschten Produkte im Radio gespielt und positiv besprochen werden, was sich dann auf die tatsächlichen Verkäufe auswirkte. In den Zeiten großer Samstagabendshows wie „Wetten dass...“ kam ein Auftritt des Stars fast immer einer Top 10-Platzierung in der folgenden Woche gleich. Hitlisten bilden also Qualität oder Beliebtheit nicht unmittelbar ab, sondern spiegeln z.B. auch den Promotion-Etat wider, den die Musikindustrie in ein Produkt gesteckt hat.

Wie sollten und können sich Hitlisten vor Manipulation schützen?
Solange Menschen an der Erhebung der Charts beteiligt sind, lässt sich Manipulation nicht ausschließen. Bessere, nicht-manipulierbare Methoden zur Ermittlung von Hits haben wir zurzeit jedoch nicht. Streamingzahlen sind schon recht zuverlässig und ob sie wirklich im großen Stil manipuliert werden können, ist bislang noch nicht bewiesen.

Inzwischen gibt es neben den offiziellen Charts auch die Hitlisten von Streaming- oder Download-Portalen und alle möglichen anderen Charts. Wie beeinflusst das den Stellenwert der offiziellen Charts?
Nach meiner Beobachtung wissen viele Jugendliche gar nicht, dass es „offizielle Charts“ gibt und wie diese erhoben werden. Viele orientieren sich an den ständig aktualisierten Streaming-Charts von Spotify. In der Tat hatten die offiziellen Charts früher einen größeren Stellenwert, da sich oft Hitparaden-Sendungen in Radio und Fernsehen nach ihnen gerichtet haben und die Charts vorgegeben haben, was der lokale Händler vorrätig hält und an prominenter Stelle präsentiert. Je weniger Tonträger physisch gekauft werden, desto weniger Bedeutung haben Charts für den Vertrieb. Denn während die Ausstellungsfläche und Lagerkapazität im physischen Handel begrenzt sind und der Händler somit ein Interesse daran hat, dass möglichst viele Kunden die Bestseller kaufen, kann es Spotify oder ITunes egal sein, welche Songs gekauft oder gestreamt werden, solange die Gesamtsumme stimmt. Daher werden Chart-Listen in solchen Portalen auch nicht so zentral präsentiert.

Der mögliche Manipulations-Skandal wirft auch die Frage nach der gerechten Verteilung der Streaming-Erlöse auf. Wie stehen Sie zu Forderungen, die Erlöse nutzerbasiert (die Abo-Einnahmen des jeweiligen Nutzers an die von ihm abgerufenen Künstler zu verteilen) auszuschütten?
Zunächst schütten die Streaming-Anbieter sicher nicht 100 Prozent der Einnahmen aus, da sie aus ihnen auch ihre Kosten decken bzw. Profite generieren müssen. Den Rest nutzerbasiert zu verteilen, erscheint einerseits nur fair. Anderseits gibt man so die Möglichkeit auf, durch Mischkalkulation Vielfalt zu fördern und das ökonomische Überleben eher randständiger Musikrichtungen zu unterstützen.

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