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Die besten Prognosen zerstören sich selbst

Wie Modelle von wem genutzt werden sollten

Prof. Dr. Reiner Eichenberger - LS Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik, Universität Fribourg Quelle: Universität Fribourg Prof. Dr. Reiner Eichenberger LS Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik Universität Fribourg 19.05.2021
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"Die Prognosefähigkeit von Modellen wird weit übertrieben", sagt Prof. Dr. Reiner Eichenberger von der Universität Fribourg. Das liege zum einen daran, dass diese oft Parteigutachten seien. Aber auch gut gemeinte Prognosen hält der Forscher aus gutem Grund für kaum möglich. Dennoch können Prognosen aus seiner Sicht durchaus etwas bringen und für die politische Praxis hat er eine überraschende Idee.







Computergestützte Modelle schaffen es immer besser, Simulationen komplexer künftiger Entwicklungen herzustellen. Wo liegen aus Ihrer Sicht die Chancen datengetriebener Prognostik?
Die Prognosefähigkeit von Modellen wird weit übertrieben. Das wissen wir nicht erst seit Corona und den vielen absurden Schreckprognosen, die nicht eingetreten sind. Das liegt zum einen daran, dass die meisten Prognosen im Auftrag der Regierung gemacht werden. Prognosen sind also oft Parteigutachten, mit denen die Regierung ihre Vorhaben zu rechtfertigen versucht. Das wird umso schlimmer, je aufwändiger die Prognosemodelle sind. Denn zur Finanzierung aufwändiger Prognosen hat praktisch nur die Regierung die notwendigen Ressourcen. Damit droht die Gefahr regierungsdienlicher Monopolprognosen. Zum anderen sind aber auch gut gemeinte Prognosen kaum möglich. Gerade gute und glaubwürdige Prognosen falsifizieren sich selbst. Denn sie lösen Reaktionen aus, die entweder das Vorausgesagte verhindern oder noch verstärken. Viel wichtiger als aufwändige Prognosemodelle ist deshalb gesunder Menschenverstand und ein politisch-ökonomisches Verständnis. Man muss die Ziele und Restriktionen der relevanten Handlungsträger kennen. Dann kann man oft locker Richtigeres sagen als mit den tollsten Computermodellen. Datengetriebene Prognostik wird dann erst zu einer Chance, wenn sie von regierungsunabhängigen, den Bürgern verantwortlichen Gremien eingesetzt werden können.

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Immer zuverlässigere Prognosen geben den Entscheidern immer genauere Handlungsempfehlungen an die Hand. Wie groß schätzen Sie die Gefahr zunehmender Alternativlosigkeit für Entscheider ein?
Die Regierungen berufen sich immer mehr auf Alternativlosigkeit ihrer Politik. Das ist Unsinn. Demokratie ist nur dann, wenn die Bürger bzw. ihre Repräsentanten aus realistischen Alternativen auswählen können. Deshalb müsste eigentlich folgende Regel gelten: Sobald die Regierung «alternativlos» sagt, ist sie verpflichtet, eine Alternative zu entwickeln. Das funktioniert aber natürlich nicht, denn die Regierung würde einfach unbrauchbare Alternative vorschlagen und weiterhin ihre präferierte Politik feiern. Die richtige Lösung ist deshalb eine andere: Es braucht volksgewählte «Gegenvorschlagskommissionen». Ihre Aufgabe wäre, die Regierungsvorlagen zu kritisieren und Alternativen vorzuschlagen. Das Parlament, aber noch viel besser das Volk selbst sollte dann zwischen dem Regierungsvorschlag und dem Gegenvorschlag der Kommission auswählen. Tatsächlich funktioniert die Politik in der grossen Mehrheit der Schweizer Gemeinden genau so. Die Bevölkerung wählt nicht nur alle Regierungsmitglieder persönlich in Direktwahl, sondern sie wählt auch die Mitglieder der Kritik- und Kontrollkommission, ebenfalls direkt und persönlich. Die Bevölkerung trifft sich dann in Gemeindeversammlungen, an denen die Regierung ihre Vorschläge präsentiert, die Kritikkommission ihre Kritik präsentiert, die Bürger selbst Gegenvorschläge vorbringen können und dann die Bürger über all die verschiedenen Vorschläge abstimmen. Da die Befugnisse der kommunalen Kritikkommissionen je nach Kanton unterschiedlich sind, kann man ihre Wirkung wissenschaftlich gut untersuchen. Das System funktioniert gemäss der gemeinsamen Forschung von Mark Schelker und mir sehr gut und bringt hervorragende Resultate.

Pandemie, Klimakrise, Kriminalistik – immer häufiger werden Algorithmen-basierte Modelle für Prognosen eingesetzt. Wer sollte aus Ihrer Sicht die Algorithmen kontrollieren?
Wichtig ist zum einen Transparenz und gewisse Regeln. So sollten die entscheidenden Parameter, die Annahmen darüber, die Vertrauensintervalle sowie Robustheitstests bei verschiedenen Parameterkonstellationen klar ausgewiesen werden. Wichtig wäre, jeweils auch die Ergebnisse mit Extremkombinationen von Parameterwerten darzustellen, also etwa unter der Annahme, dass alle wichtigen Parameter den Wert einnehmen, der für ein besonders hohes oder tiefes Endergebnis sorgt. Dann hätte man die Lächerlichkeit mancher Prognosen sofort gesehen. Zum anderen gilt das Gesagte: Wettbewerb ist entscheidend. Das Modellieren darf nicht zum Monopol der Regierungen und von ihr abhängigen Institute, Task Forces und «Experten» werden. Es braucht Gegenkräfte, und die brauchen Ressourcen.

Seit den Orakeln in der Antike hat die Prognostik eine Tradition – wie sinnvoll sind aus Ihrer Sicht Vorausschauen ganz grundsätzlich, insbesondere wenn sie die weiter entfernte Zukunft betreffen?
Vorausschauen und vorausdenken ist natürlich gut. Aber eben: Gerade die besten Prognosen zerstören sich selbst. Deshalb ist Prognosegläubigkeit so oder so dumm. Prognosen zu machen bringt dann etwas, wenn man sie dazu nützt, die wichtigsten Parameter zu identifizieren und sich so besser auf die Ungewissheit der Zukunft vorzubereiten.

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