Menue-Button
← FACHDEBATTE
Interview02.07.2018

Die Hälfte der grenzüberschreitenden Gebrauchten haben manipulierten Tacho

Was jetzt dagegen unternommen werden soll

Ismail Ertug, Mitglied des Europäischen Parlaments Abgeordneter für die Oberpfalz und Niederbayern, Fraktion der Progressiven Allianz der Sozialdemokraten im Europäischen Parlament Quelle: European UnionEPGenevieve Engel Ismail Ertug Europaabgeordneter Europäisches Parlament, Fraktion der S&D
INITIATOR DIESER FACHDEBATTE
Alexander Hiller
Redakteur
Meinungsbarometer.info
ZUR FACHDEBATTE

Durch manipulierte Tachos beim Gebrauchtwagenkauf "entsteht den europäischen Verbrauchern dadurch ein Schaden von bis zu 9,6 Milliarden Euro jährlich", schätzt der sozialdemokratische Europaabgeordnete Ismail Ertug ein. Dagegen soll jetzt vorgegangen werden.





Die EU will künftig mit einer Speicherpflicht gegen Tachobetrug vorgehen. Was halten Sie von dieser Idee?
Die Initiative dazu kam im Verkehrsausschuss des Europäischen Parlaments von mir und ich war auch für den Bericht verantwortlich. Tachobetrug ist ein weit verbreitetes Phänomen: bis zu 12% der Gebrauchtwägen im nationalen Handel und bis zu 50% im grenzüberschreitenden Handel haben in der EU einen manipulierten Kilometerzähler. Insgesamt entsteht den europäischen Verbrauchern dadurch ein Schaden von bis zu 9,6 Milliarden Euro jährlich. Daher ist es mehr als dingend, gegen diese Art des Betrugs vorzugehen.

Welche Vorteile hätte ein Datenbanksystem gegenüber einer technischen Lösung?
Technische Lösungen können Betrug schwieriger, aufwändiger und teurer machen. Aber jede Soft- und Hardwarelösung kann irgendwie überwunden werden. Bei der Datenbanklösung nach belgischem Vorbild würde bei jedem Werkstattbesuch, jedem TÜV, jedem Reifenwechsel usw. der Kilometerstand in eine Datenbank gespeichert. Dadurch entsteht für das Fahrzeug eine lückenlose Dokumentation der Kilometerstände, sodass eine Manipulation auffallen würde. Beim Kauf muss der Verkäufer dem Käufer ein aktuelles Zertifikat über die Kilometerstände vorlegen. Wichtig ist, dass außer der Fahrgestellnummer und dem Kilometerstand zum jeweiligen Datum keine weiteren Daten gespeichert werden.

Belgien konnte mit diesem System den Tachobetrug im nationalen Markt beinahe komplett tilgen. Auch die Niederlande waren mit einem ähnlichen System sehr erfolgreich. Insgesamt ist dieses System kostengünstig und effektiv. Aber auch technische Lösungen lassen sich mit dem geringen Aufwand von ca. einem Euro pro Fahrzeug umsetzen.

Inwieweit können die geplanten nationalen Datenbankregelungen etwaigen Missbräuchen beim grenzüberschreitenden Handel entgegenwirken?
Im ursprünglichen Entwurf des Berichtes war die Forderung nach einer europäischen Datenbank enthalten. Wir haben uns dann allerdings auf die nationalen Datenbanken geeinigt, damit bestehende Systeme erhalten und integriert werden können. Unser Vorschlag ist, gemeinsame Standards für die Datenerhebung, die Speicherung, das Datenformat und den Austausch zu schaffen. Damit kann das Problem ebenso gut angegangen werden wie mit einer zentralen Datenbank.

Ein solches System zum grenzüberschreitenden Austausch existiert bereits zwischen den Niederlanden und Belgien. Beide Staaten haben ein eigenes, nationales Datenbanksystem, tauschen beim grenzüberschreitenden Handel aber die Daten aus und konnten damit auch im zwischenstaatlichen Handel den Tachobetrug beinahe komplett verhindern.

Welche Regeln halten Sie darüber hinaus im innereuropäischen Handelsmarkt für Gebrauchtwagen am dringendsten?
Um das Problem des Tachobetrugs anzugehen haben wir vier Maßnahmen vorgeschlagen. Erstens die Datenbanklösung (wie bereits dargestellt). Zweitens technische Lösungen. Diese sollen den verpflichtenden Einbau von sicherer Hardware und sicherer Software umfassen und vor allem hohe Standards der IT-Sicherheit wahren. Drittens sollen die Mitgliedsstaaten ihre Strafgesetzgebung überprüfen und Tachobetrug auch entsprechend abschreckend bestrafen. Viertens soll auch geprüft werden, ob die Daten, die vernetzte Fahrzeuge heute schon an die Hersteller schicken, zum Nachweis des korrekten Kilometerstandes genutzt werden können. Auf existierende Daten zurückzugreifen ist schnell und günstig möglich. Aber auch hier müssen die Datenschutzstandards gewahrt bleiben.

UNSER NEWSLETTER
Newsletter bestellen JETZT BESTELLEN
■■■ WEITERE BEITRÄGE DIESER FACHDEBATTE

EIN DEBATTENBEITRAG VON
Dr. Dieter-L. Koch
Mitglied
Europäisches Parlament

Dr. Dieter-L. Koch, Mitglied Europäisches Parlament, stellv. Vorsitzender des Ausschusses für Verkehr und Fremdenverkehr
EU | Autohandel

Technische Lösungen sind die Zukunft ■ ■ ■

Warum die geplanten Datenbanken dennoch gut sind

EIN DEBATTENBEITRAG VON
Dr. Dieter-L. Koch
Mitglied
Europäisches Parlament

EIN DEBATTENBEITRAG VON
Karoline Graswander-Hainz
MdEP
Europäisches Parlament, Fraktion der S&D

Karoline Graswander-Hainz, MdEP
EU | Autohandel

Datenbanken und Technik gegen Tachobetrug

Was schon beim EU-Gebrauchtwagen-Handel passiert ■ ■ ■

EIN DEBATTENBEITRAG VON
Karoline Graswander-Hainz
MdEP
Europäisches Parlament, Fraktion der S&D

EIN DEBATTENBEITRAG VON
Richard Goebelt
Leiter
VdTÜV Verband der TÜV

Richard Goebelt, Member of the Management Board and  Director of the Division: Automotive & Mobility VdTÜV - Verband der TÜV e.V.
EU | Autohandel

Tachomanipulationen verursachen ■ ■ ■

Was aus Sicht des TÜV wirklich helfen würde

EIN DEBATTENBEITRAG VON
Richard Goebelt
Leiter
VdTÜV Verband der TÜV

ZUR FACHDEBATTE

ÜBER UNSERE FACHDEBATTEN

Meinungsbarometer.info ist die Plattform für Fachdebatten in der digitalen Welt. Unsere Fachdebatten vernetzen Meinungen, Wissen & Köpfe und richten sich an Entscheider auf allen Fach- und Führungsebenen. Unsere Fachdebatten vereinen die hellsten Köpfe, die sich in herausragender Weise mit den drängendsten Fragen unserer Zeit auseinandersetzen.

überparteilich, branchenübergreifend, interdisziplinär

Unsere Fachdebatten fördern Wissensaustausch, Meinungsbildung sowie Entscheidungsfindung in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Gesellschaft. Sie stehen für neue Erkenntnisse aus unterschiedlichen Perspektiven. Mit unseren Fachdebatten wollen wir den respektvollen Austausch von Argumenten auf Augenhöhe ermöglichen - faktenbasiert, in gegenseitiger Wertschätzung und ohne Ausklammerung kontroverser Meinungen.

kompetent, konstruktiv, reichweitenstark

Bei uns debattieren Spitzenpolitiker aus ganz Europa, Führungskräfte der Wirtschaft, namhafte Wissenschaftler, Top-Entscheider der Medienbranche, Vordenker aus allen gesellschaftlichen Bereichen sowie internationale und nationale Fachjournalisten. Wir haben bereits mehr als 600 Fachdebatten mit über 20 Millionen Teilnahmen online abgewickelt.

nachhaltig und budgetschonend

Mit unseren Fachdebatten setzen wir auf Nachhaltigkeit. Unsere Fachdebatten schonen nicht nur Umwelt und Klima, sondern auch das eigene Budget. Sie helfen, aufwendige Veranstaltungen und überflüssige Geschäftsreisen zu reduzieren – und trotzdem die angestrebten Kommunikationsziele zu erreichen.

mehr als nur ein Tweet

Unsere Fachdebatten sind mehr als nur ein flüchtiger Tweet, ein oberflächlicher Post oder ein eifriger Klick auf den Gefällt-mir-Button. Im Zeitalter von X (ehemals Twitter), Facebook & Co. und der zunehmenden Verkürzung, Verkümmerung und Verrohung von Sprache wollen wir ein Zeichen setzen für die Entwicklung einer neuen Debattenkultur im Internet. Wir wollen das gesamte Potential von Sprache nutzen, verständlich und respektvoll miteinander zu kommunizieren.