Menue-Button
← FACHDEBATTE
Interview10.08.2022

Die Deutschen wollen ihre Daten nicht teilen

Worüber Deutschland für eine Digitalstrategie diskutieren müsste

Prof. Dr. Oliver Falck - Leiter des ifo Zentrums für Industrieökonomik und neue Technologien und CESifo-Professur für Volkswirtschaftslehre, insb. Empirische Innovationsökonomik an der Ludwig-Maximilians-Universität München Quelle: LMU München/ Tobias Hase Prof. Dr. Oliver Falck Leiter ifo Zentrum für Industrieökonomik und neue Technologien
INITIATOR DIESER FACHDEBATTE
Uwe Schimunek
Freier Journalist
Meinungsbarometer.info
ZUR FACHDEBATTE

"Die digitale Infrastruktur ist für ein Flächenland wie Deutschland besser als ihr Ruf", sagt Prof. Dr. Oliver Falck - Leiter des ifo Zentrums für Industrieökonomik und neue Technologien. Er sieht woanders ganz erhebliche Probleme und sieht dringenden Bedarf für eine offene Debatte.





In einem ersten Entwurf für eine Digitalstrategie der Bundesregierung heißt es nach Medienberichten, Deutschland stehe bei der Digitalisierung seit Jahren nur im Mittelfeld. Wie gefährdet sehen Sie die Zukunft des Landes?
Zusammen mit Kolleg*innen am ifo Institut habe ich mir in einer Benchmarking-Studie die Position Deutschlands im internationalen Vergleich genauer angesehen und das Bild ist differenzierter. Deutschland hat einen vergleichsweise kleinen IT-Sektor, was vor allem auf mangelnde Gründungsaktivitäten zurückzuführen ist. Deutschland macht insbesondere zu wenig aus seinen Daten. Datenbasierte Geschäftsmodelle werden in Zukunft aber viel zur Wertschöpfung eines Landes beitragen. Die großen Plattform-basierten Geschäftsmodelle sind fest in amerikanischer Hand. Deutschland belegt aber erfolgreich Nischen, insbesondere bei den industriellen Internet-of-Things-Plattformen. Insgesamt steht das Verarbeitenden Gewerbe bei den digitalen Kompetenzen seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im internationalen Vergleich sehr gut dar. Nachholbedarf besteht da vor allem bei den Dienstleistern. Die digitale Infrastruktur ist für ein Flächenland wie Deutschland besser als ihr Ruf. Erheblicher Nachholbedarf besteht bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung, der Schulen und des Gesundheitssystems.

JETZT HERUNTERLADEN

DIE DOKUMENTATION DIESER FACHDEBATTE

DIE DOKUMENTATION ENTHÄLT

alle Debattenbeiträge ungekürzt im Original
Übersicht aller aktiven Debattenteilnehmer
Summary für Ihr Top-Management
MEHR ERFAHREN


Ende 2025 soll die Hälfte aller Haushalte mit Glasfaser und dem neuesten Mobilfunkstandard versorgt sein. Wie bewerten Sie dieses Ziel?
Ich halte die starke Infrastrukturfokussierung der Politik für nicht zielführend. Deutschland steht bei den leitungsgebundenen Breitbandanschlüssen ganz gut dar. Gering ist sicherlich noch die Verbreitung der Gigabit Anschlüsse in Deutschland. Diese werden aber heute noch begrenzt nachgefragt. Beim 5G Ausbau ist Deutschland vorne mit dabei. Man darf neben dem Infrastrukturausbau nicht die Nutzer der Infrastruktur aus den Augen verlieren: Wie bekommen wir mehr IT Gründungen? Wie schaffen wir mehr datenbasierte Geschäftsmodelle in Deutschland? Oder wie erreichen wir die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung?

Für die digitale Verwaltung soll es eine sichere digitale Identität geben. Welche Herausforderung sehen Sie diesbezüglich?
Die sichere digitale Identität gibt es in anderen Ländern doch schon längst. Technisch sehe ich hier kein Problem. Die größte Herausforderung in Deutschland ist, dass wir in der öffentlichen Verwaltung eine Vielzahl von nicht miteinander verbunden IT-Systemen haben. Das ist nicht nur Ergebnis des Föderalismus und mangelnder Abstimmung zwischen Bund, Ländern und Kommunen, sondern auch das Ergebnis von Ressortgrenzen und damit unterschiedlichen Zuständigkeiten bei öffentlichen Dienstleistungen. Die Schaffung von Standards, damit diese Systeme interagieren, ist die größte Herausforderung der nächsten Jahre. Erst durch das Zusammenführen von Daten in der öffentlichen Verwaltung können digitale öffentliche Dienstleistungen zum Vorteil der Bevölkerung entstehen.

Was sollte unbedingt noch in der endgültigen Digitalstrategie stehen - und was keinesfalls?
Die Deutschen wollen ihre Daten nicht teilen. Im Eurobarometer wurden Europäer befragt, ob sie persönliche Daten unter Wahrung von Datensicherheit teilen würden, um die medizinische Versorgung zu verbessern, die Energieeffizienz zu verbessern, um Maßnahmen zur Krisen- und Pandemiebekämpfung zu verbessern, um den öffentlichen Verkehr zu verbessern und die Luftverschmutzung zu verringern. Die Deutschen liegen bei all diesen Fragen auf den hintersten Plätzen. Am liebsten würden die Deutschen keinerlei persönliche Daten für welche Zwecke auch immer teilen. Die Digitalstrategie muss dazu genutzt werden, einen offenen Diskurs in Deutschland darüber zu führen, wie weit Datenschutz gehen sollte (mit entsprechenden Konsequenzen für entgangenes Wachstum und Wohlstand) und wie ein wachstumsfreundliches Datenschutzregime aussehen könnte.

UNSER NEWSLETTER
Newsletter bestellen JETZT BESTELLEN
■■■ WEITERE BEITRÄGE DIESER FACHDEBATTE

EIN DEBATTENBEITRAG VON
Prof. Dr. Key Pousttchi
Direktor
wi-mobile Insitut für Digitale Transformation GmbH

Prof. Dr. Key Pousttchi - Direktor, wi-mobile Insitut für Digitale Transformation GmbH
Zukunft | Digitalisierung

Bei der Digitalisierung in der zweiten ■ ■ ■

Warum die Digitalstrategie des Bundes ein ■ ■ ■

EIN DEBATTENBEITRAG VON
Prof. Dr. Key Pousttchi
Direktor
wi-mobile Insitut für Digitale Transformation GmbH

EIN DEBATTENBEITRAG VON
Jutta Croll
Vorsitzende des Vorstands
Stiftung Digitale Chancen

Jutta Croll M. A. - Vorsitzende des Vorstands, Stiftung Digitale Chancen
Zukunft | Digitalisierung

Digitalisierung als Querschnittsaufgabe

Worin Deutschland gut ist - und wo Nachholbedarf ■ ■ ■

EIN DEBATTENBEITRAG VON
Jutta Croll
Vorsitzende des Vorstands
Stiftung Digitale Chancen

EIN DEBATTENBEITRAG VON
Prof. Dr. Jürgen Wunderlich
Studiengangsleiter Wirtschaftsinformatik und Digitales Verwaltungsmanagement
Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut

Prof. Dr.-Ing. Jürgen Wunderlich - Studiengangsleiter Wirtschaftsinformatik und Digitales Verwaltungsmanagement, Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut
Zukunft | Digitalisierung

Verliert Deutschland bei der ■ ■ ■

Was eine gute Digitalstrategie braucht

EIN DEBATTENBEITRAG VON
Prof. Dr. Jürgen Wunderlich
Studiengangsleiter Wirtschaftsinformatik und Digitales Verwaltungsmanagement
Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut

ZUR FACHDEBATTE

ÜBER UNSERE FACHDEBATTEN

Meinungsbarometer.info ist die Plattform für Fachdebatten in der digitalen Welt. Unsere Fachdebatten vernetzen Meinungen, Wissen & Köpfe und richten sich an Entscheider auf allen Fach- und Führungsebenen. Unsere Fachdebatten vereinen die hellsten Köpfe, die sich in herausragender Weise mit den drängendsten Fragen unserer Zeit auseinandersetzen.

überparteilich, branchenübergreifend, interdisziplinär

Unsere Fachdebatten fördern Wissensaustausch, Meinungsbildung sowie Entscheidungsfindung in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Gesellschaft. Sie stehen für neue Erkenntnisse aus unterschiedlichen Perspektiven. Mit unseren Fachdebatten wollen wir den respektvollen Austausch von Argumenten auf Augenhöhe ermöglichen - faktenbasiert, in gegenseitiger Wertschätzung und ohne Ausklammerung kontroverser Meinungen.

kompetent, konstruktiv, reichweitenstark

Bei uns debattieren Spitzenpolitiker aus ganz Europa, Führungskräfte der Wirtschaft, namhafte Wissenschaftler, Top-Entscheider der Medienbranche, Vordenker aus allen gesellschaftlichen Bereichen sowie internationale und nationale Fachjournalisten. Wir haben bereits mehr als 600 Fachdebatten mit über 20 Millionen Teilnahmen online abgewickelt.

nachhaltig und budgetschonend

Mit unseren Fachdebatten setzen wir auf Nachhaltigkeit. Unsere Fachdebatten schonen nicht nur Umwelt und Klima, sondern auch das eigene Budget. Sie helfen, aufwendige Veranstaltungen und überflüssige Geschäftsreisen zu reduzieren – und trotzdem die angestrebten Kommunikationsziele zu erreichen.

mehr als nur ein Tweet

Unsere Fachdebatten sind mehr als nur ein flüchtiger Tweet, ein oberflächlicher Post oder ein eifriger Klick auf den Gefällt-mir-Button. Im Zeitalter von X (ehemals Twitter), Facebook & Co. und der zunehmenden Verkürzung, Verkümmerung und Verrohung von Sprache wollen wir ein Zeichen setzen für die Entwicklung einer neuen Debattenkultur im Internet. Wir wollen das gesamte Potential von Sprache nutzen, verständlich und respektvoll miteinander zu kommunizieren.